Kultur&Gesellschaft

Chormusik
Zwischen Bach und Booster

Nur ein Drittel der Chöre konnte während der Coronazeit seine Sängerinnen und Sänger halten, das sagt die Studie „Chormusik in Coronazeiten." | Bild: Tom Klose | Pexel

Chormusik Zwischen Bach und Booster

Nur ein Drittel der Chöre konnte während der Coronazeit seine Sängerinnen und Sänger halten, das sagt die Studie „Chormusik in Coronazeiten." | Bild: Tom Klose | Pexel
 

20 Jul 2022

Die Pandemie hat Spuren hinterlassen, auch bei den Chören im Land. Unterwegs in der Welt der Sänger*innen erfahren wir viel über Nachwuchssorgen, Aerosole, Luftfilter und warum es sicherer wäre, Lieder auf Japanisch zu singen.

Tom Klose

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2021
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Nicolas steht mit gut 80 Sängern vor der Stiftskirche – es ist kurz vor 10 Uhr morgens. Das Geläut der brachialen Glocken, die so viel wiegen wie zwei ausgewachsene Elefanten, versetzt den ganzen Schillerplatz in Schwingung. Nicolas trägt, wie alle im Männerchor, einen gut sitzenden schwarzen Anzug mit roter Krawatte, die er jetzt, kurz bevor es losgeht, nochmal fein säuberlich zurechtzupft. Die winzigen Schweißtropfen auf seiner Stirn verraten: Der Tag wird heiß, brütend heiß. Das spüren sicher auch die anderen Sänger, schließlich tragen viele von ihnen lange, schwarze Talare. Ein weitärmeliges, knöchellanges Obergewand, das sonst eher Professoren, Absolventen an amerikanischen High-Schools oder Juristen in Netflix-Serien anhaben.

Den Großteil seiner Zeit im Chor hat auch Nicolas diese Kleidung bei Konzerten getragen. Seit 16 Jahren singt er jetzt bei den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben. Immer begleitet haben ihn die Größten der klassischen Musikgeschichte: Bach, Mozart, Händel oder Beethoven. Im Herbst wird er dann wohl das letzte Mal zusammen mit dem Chor auf einer Bühne stehen. Abschiedsstimmung: „Jeder hat seine Zeit im Hymnus, in der er Freunde fürs Leben kennenlernt, irgendwann hört man eben als aktives Mitglied auf, aber die Freundschaften bleiben.“

Als einer der ältesten Knabenchöre im Südwesten Deutschlands singen bei den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben Jungs und Männer aus fast allen Altersgruppen. Ob 8, 18 oder 28 Jahre alt: Sie alle eint die Liebe zur klassischen Musik und zur Chorgemeinschaft. Die existiert seit 1900. Und wenn es nach Nicolas geht „wird es die auch immer geben, Corona zum Trotz, auch wenn ich irgendwann nicht mehr dabei bin.“ Er lächelt, als ein paar Minuten später endlich die Hintertür der Kirche aufgeht und die Sängerschar im kühlenden Gewölbe verschwindet. 

Die fiesen, kleinen Speicheltropfen

Dass diese Art des Zusammenkommens, das Singen im Chor, in den letzten Jahren der Corona-Pandemie nicht gerade einfach war, erklärt sich von selbst. Die Zusammenkunft vieler Menschen: verboten. Auftritte: verboten. Und dann war da plötzlich auch noch die Diskussion um Aerosole. Diese winzigsten, fiesen Speicheltröpfchen, kleiner als fünf Mikrometer, die beim Ausatmen in die Luft gelangen und die Gefahr erhöhen, sich anzustecken. 

Eine schwierige Zeit für Sängerinnen und Sänger. Eine, in der in den letzten Jahren statt Gemeinschaft oft Abgrenzung auf dem Notenpapier stand. Statt Probe vor Ort die Onlinevariante oder eine abgespeckte Version mit kleiner Besetzung im Freien. Offen, wann denn wieder in den „Normalmodus“ gewechselt werden kann. Der war lange Zeit auf Standby. Bei Onlineproben, die der Hymnus-Chor irgendwann anbot, war Nicolas nur selten dabei. „Am Anfang noch mehr, aber irgendwann war mir das dann auch zu viel. Mit der Online-Uni war relativ schnell die Luft raus. Ich wollte in meiner Freizeit nicht noch mehr vor dem Laptop sitzen“, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben singen rund 50 Konzerte und Gottesdienste pro Jahr. | Bild: Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, Holger Schneider

Singen steht seit Beginn der Pandemie unter besonderer Beobachtung. Das Risiko einer Infektion ist hoch. Eine japanische Studie vom Januar 2021 fand sogar heraus, dass die Gefahr, sich das Virus einzufangen, in deutschen Chören besonders hoch sei. Die Übeltäter: Die vielen Konsonanten in der deutschen Sprache. Sängerinnen und Sänger würden beim Singen deutscher Musik deutlich mehr Aerosolpartikel ausstoßen, als das bei italienischen oder japanischen Liedern der Fall ist. Bei Letzteren halbiere sich der Aerosolausstoß sogar. Eine Erkenntnis, die nur bedingt hilft. So haben Chöre in der Regel zwar ein breites Musikrepertoire, japanische Komponisten sind aber doch eher Mangelware.

Das Problem mit dem Nachwuchs

Fakt ist: Schwierig war die Situation für viele Chöre auch schon vor dem unsichtbaren Virus. Begeisterung für Vereinskultur zu wecken, gerade auch junge Menschen langfristig zu halten und ihnen klarzumachen, was das Singen ihnen bieten kann: Keine leichte Aufgabe, meint Johannes Pfeffer. Er ist Geschäftsführer des schwäbischen Chorverbandes und war früher selbst Sänger. 

Rund 2.000 Chöre, darunter klassische Gesangsvereine, Gospel- und auch Jugendchöre, vertritt sein Verband. In der Coronazeit wäre ungefähr die Hälfte der Chöre ganz gut durchgekommen. „Die andere hat kämpfen müssen“, sagt er am Telefon. Im Hintergrund führt sein Sohn lautstark den Kampf mit einem Spielzeug, Homeoffice eben. „Ich glaube, dass die Chöre, die vor der Coronazeit auch schon richtig stark aufgestellt waren, deswegen jetzt nicht eingegangen sind. Dafür trifft es leider besonders die, die auch schon vor der Pandemie Schwierigkeiten hatten“, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu. Ein leichter Abwärtstrend, was die Mitgliederzahlen angehe, sei zwar nicht erst seit der Pandemie zu beobachten gewesen. Langfristig glaube er aber daran, dass die starke Chorszene in Baden-Württemberg bestehen bleibe. Sein Ziel: „Angebote schaffen, die verstärkt auch junge Menschen an Musik heranführen.“

„An so einem besonderen Ort singen zu dürfen, war unfassbar.“ – Nicolas von Hauff

Musik, die gerade in Chören einzigartige Momente schaffen kann. Auch Nicolas hat davon in seinen 16 Jahren Chor einige erlebt. „Wir haben 2016 in der Saint Paul‘s Cathedral in London gesungen, eine der größten Kathedralen der Welt. Erst haben uns die Wenigsten bemerkt, als das Konzert aber losging, waren alle Leute plötzlich auf uns fokussiert. An so einem besonderen Ort singen zu dürfen, war unfassbar.“ Ein Grinsen kann er sich bei diesem Satz nicht ganz verkneifen. Mittlerweile seien nicht nur solche Konzertreisen wieder möglich, auch im Probenalltag gäbe es jetzt kaum noch Einschränkungen. „Aber man weiß natürlich nie, wie es weitergeht“, fügt er schnell noch hinzu. 

Filtern, was das Zeug hält!

Eine Möglichkeit, das Proben in Zukunft dauerhaft sicherer zu gestalten, sind moderne Raumluftfilter-Anlagen. Die sollen den CO2-Gehalt in der Luft konstant niedrig halten. Dazu hat Rüdiger Schwarze, Professor für Strömungsmechanik und Strömungsmaschinen an der Technischen Universität Freiberg, geforscht. Zusammen mit der Universitätsmedizin Leipzig haben er und sein Team seit Beginn der Pandemie mit Sensoren untersucht, wie sich Aerosol-Ausbreitung und CO2-Konzentration beim Singen in großen und kleineren Räumen verhalten. Dafür haben sie unter anderem den Leipziger Universitätschor begleitet. 

Ein Ergebnis: In größeren Räumen steigt die CO2-Konzentration langsamer an und nimmt nach dem Einschalten einer Raumluft-Filteranlage wieder erheblich ab. Solche Luftfilteranlagen seien die Zukunft und würden beim Bau neuer Gebäude häufig schon automatisch mit eingebaut. Für kleine Probenräume und ältere Bauten, gehe es aber auch günstiger, meint Schwarze. Zum Beispiel mit einfachen CO2-Ampel-Sensoren. „Grün bedeutet, alles okay. Gelb, ich muss mal langsam das Lüften vorbereiten und rot, jetzt ist definitiv so viel CO2 im Raum, dass ich lüften muss.“ Im Herbst wollen er und sein Team dazu noch neue Daten sammeln. Dann soll gemessen werden, wie es mit der Aerosolbelastung in großen, alten Gebäuden, wie zum Beispiel einer Kirche, aussieht.  

Der Leipziger Universitätschor probt, die Sensoren messen die CO2-Konzentration. | Bild: Universität Leipzig, Christian Hüller
Mit diesen Messsonden wurden die genausten Daten erhoben. | Bild: Universität Leipzig, Christian Hüller
Die Messdaten konnten die Forscherinnen und Forscher in der Echtzeitansicht verfolgen. | Bild: Universität Leipzig, Christian Hüller

Mittlerweile ist es kurz nach 11. In der Stiftskirche brandet Applaus auf und die kleinsten Sänger des Hymnus-Chors, die mit ihren schnieken weißen Hemden in der ersten Reihe aussehen wie kompetente Oberkellner eines Kinderrestaurants, wirken erleichtert. Nicolas steht in der letzten Reihe. Sein Blick wandert durch die Zuschauerreihen, die voll mit Eltern sind, dann lässt auch er sich vom stolzen Grinsen der Mamas und Papas anstecken. Der Spaß an Chormusik, er hat in den letzten Jahre Pandemie einen spürbaren Dämpfer bekommen. Wie es weitergeht? Nicht vorhersehbar, auch nicht mit der besten Studie der Welt. Luftfilter oder CO2-Ampeln bieten zumindest aber eine realistische Chance, sorgenfreier zu proben und das Singen sowie die Gemeinschaft wieder in den Fokus zu rücken. 

So wie eben, beim Auftritt des Hymnus-Chors. Gleich wird Nicolas sich mit einem langgezogenen „Soooo!“ die Krawatte abnehmen und Hose und Sacko fein säuberlich in seiner mattschwarzen Anzugtasche verstauen. Bis zum nächsten Auftritt.

„Ich merke in solchen Momenten deutlich, was mir der Hymnus gibt. Ich glaube, es ist die Kombination aus Freundschaft, Gemeinschaft und der Begeisterung für Musik. Das ist mein persönlicher Booster.“