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Berufseinstieg in der Corona-Krise
Corona-Hilfen für Absolvent*innen?

Die Pandemie erschwert Absolvent*innen den Berufseinstieg | Bild: Patricia Griebel

Berufseinstieg in der Corona-Krise Corona-Hilfen für Absolvent*innen?

Die Pandemie erschwert Absolvent*innen den Berufseinstieg | Bild: Patricia Griebel
 

20 May 2021

99 Bewerbungen, ein Jobangebot: Die Konkurrenz auf dem Bewerbermarkt nimmt durch Corona massiv zu. Das Nachsehen haben vor allem Studienabgänger*innen. Vier Absolventinnen berichten über ihre Erfahrungen als Berufseinsteigerinnen und formulieren einen Appell an die Politik.

Patricia Griebel

Medienmanagement
seit 2020
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Linda Kächele, 24, hat Anfang letzten Jahres ihr Studium im Online-Medien-Management an der Hochschule der Medien abgeschlossen und ist immer noch auf Jobsuche: „Das Problem besteht nicht nur darin, dass weniger Stellen ausgeschrieben sind, sondern auch in der steigenden Konkurrenz. Man konkurriert nicht nur mit anderen Absolvent*innen, sondern auch mit Arbeitssuchenden, die aufgrund von Corona ihren Job verloren haben. Da wir als Absolvent*innen wenig Berufserfahrung haben, ist ja klar, dass die Chancen für uns schlechter stehen.“

Die Pandemie hat den Arbeitsmarkt gedreht. Während sich gut ausgebildete Absolvent*innen in Zeiten des Aufschwungs den Arbeitsplatz aussuchen konnten, ist es durch die Corona-Krise auch für High Potentials schwierig, einen Job zu finden.

Das bestätigen auch die Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Laut deren Studie ist die Anzahl an offenen Stellen im Frühjahr 2020 zu Beginn der Corona-Krise um eine halbe Million gesunken. Dies entspricht einem Rückgang von knapp 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Auch wenn die Anzahl der offenen Arbeitsplätze zum Ende 2020 wieder um 290.000 gestiegen ist, gestaltet sich die Jobsuche durch die höhere Arbeitslosenquote und die damit größere Konkurrenz auf dem Bewerbermarkt weiterhin schwierig.

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Anzahl offener Stellen im deutschen Arbeitsmarkt | Bild: Patricia Griebel, Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Zwischen Selbstzweifel und finanziellen Sorgen

Durch die vergebliche Jobsuche leiden einige Absolvent*innen derzeit unter einer starken psychischen Belastung. Anna Hufnagel, 24, ist als Absolventin der Tourismusbranche von der schwierigen Situation auf dem Arbeitsmarkt besonders stark betroffen. Auch wenn sie inzwischen in einer anderen Branche einen Job gefunden hat, war der psychische Druck sehr groß für sie:

Linda hat mit diesen Problemen seit ihrem Studienabschluss Anfang letzten Jahres zu kämpfen. „Man ist so frustriert, dass man sich irgendwann als billige Arbeitskraft verkauft. Es geht nur noch darum, irgendeinen Job zu finden, egal ob dieser den eigenen Wünschen entspricht oder nicht.“

Sophie Bengel, 24, hat als Bachelor-Absolventin in BWL-Marketing im Sommer letzten Jahres ähnliche Erfahrungen bei der Jobsuche gemacht und sich aus diesem Grund für ein Masterstudium entschieden. „Es war purer Stress! Ich wusste nicht, wie es weiter geht und konnte nichts planen. Geldsorgen spielten dabei eine große Rolle. Ich bin froh, dass ich mich für ein Masterstudium entschieden habe und hoffe, dass sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt bis zu meinem Masterabschluss wieder gebessert hat.“

Trotz Masterabschluss musste Janina Bauer, 27, ebenfalls erfahren, wie schwer es sein kann, während der Krise einen Job zu finden. „Die Jobsuche war eine sehr große Belastung. Das einzig Positive war der Austausch mit meinen Kommiliton*innen, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten. So wusste ich, es liegt nicht an mir, sondern an der aktuellen Situation.“

Anna Hufnagel, Bachelor-Absolventin im Tourismusmanagement | Bild: Anna Hufnagel
Sophie Bengel, Bachelor-Absolventin in BWL-Marketing | Bild: Sophie Bengel
Linda Kächele, Bachelor-Absolventin im Online-Medien-Management | Bild: Linda Kächele
Janina Bauer, Master-Absolventin in Kommunikationswissenschaft und Medienforschung | Bild: Janina Bauer

Politische Lösungsansätze aus Sicht der Absolvent*innen

Deutschland ist durch seine umfangreichen Unterstützungsleistungen im Vergleich zu vielen anderen Ländern ein Positiv-Beispiel für den Schutz der Bürger*innen und des sozialen Zusammenhalts. Sofort-Hilfen für Unternehmer*innen, Überbrückungshilfen für Studierende, Kurzarbeitergeld für Angestellte. Das sind nur einige Beispiele der unzähligen Hilfeleistungen. Doch Absolvent*innen stehen in der Politik der Corona-Hilfen hinten an, wodurch sich einige von ihnen mehr Unterstützung seitens der Politik wünschen.

Dabei kommen für Absolvent*innen nicht nur finanzielle Unterstützungsleistungen in Frage. Die Möglichkeit, als Absolvent*in einen Werkstudentenjob vorübergehend auszuüben, würde einigen Studierenden schon sehr weiterhelfen. „Das hätte mir einen Puffer bei der Jobsuche verschafft und ich hätte nicht diesen wahnsinnigen Druck gehabt. Aber ohne den offiziellen Studierendenstatus geht das ja nicht.“, so Anna.

Dass die vorübergehende Verlängerung des Studierendenstatus eine gute Lösung sei, bestätigt auch Linda. Auch wenn das bei ihr nicht der Fall war, kennt sie viele Absolvent*innen, die sich an irgendwelchen Hochschulen oder Unis einschreiben, nur um ihren Studierendenstatus zu verlängern. Dadurch nehmen sie Abiturient*innen den Platz weg, die gerne dort studieren möchten. Daher wäre es eine einfache Lösung der Politik, den Absolvent*innen die Möglichkeit einzuräumen, den Studierendenstatus zu verlängern. So könnten diese zumindest als Übergangslösung einen Werkstudentenjob ausüben, bis sie einen Vollzeit-Job finden.

Aufgrund der beachtlichen Anzahl an Absolvent*innen in Deutschland ist mehr Aufmerksamkeit und Tatendrang seitens der Politik erforderlich. Immerhin handelt es sich bei Absolvent*innen um eine Gruppe von mehreren Hunderttausend und nicht um eine Gruppe von 100 Leuten.

„Wenn wir von Absolvent*innen sprechen, sprechen wir nicht von einer Gruppe von 100 Leuten, sondern von mehreren Hunderttausend. Das sollte die Politik nicht vergessen und endlich aktiv werden!“ – Sophie Bengel

Ein konkreter Lösungsansatz wäre die Zusammenarbeit zwischen der Politik und potenziellen Arbeitgebern. So könnte die Politik – zumindest für die Zeit der Krise – eine Absolvent*innen-Quote einführen, sodass ein gewisser Prozentsatz der Neuanstellungen Absolvent*innen sein müssen. Ähnlich wie bei der Frauenquote. Sophie schlägt zudem die finanzielle Förderung von Forschungsprogrammen vor, bei denen ausschließlich Absolvent*innen angestellt werden, um innovative und zukunftsweisende Projekte zu entwickeln. So könnte man Absolvent*innen eine temporäre Beschäftigung bieten und den von der Pandemie betroffenen Branchen wieder auf die Beine helfen.

Auch Janina fordert mehr Unterstützung seitens der Politik. Sie schlägt eine gezielte Förderung von virtuellen Bewerbermessen vor. „Auf physischen Bewerbermessen konnte man als angehende*r Absolvent*in zumindest erste Kontakte mit Personaler*innen aus potenziellen Arbeitgeber*innen knüpfen und sich orientieren.“ Virtuelle Formate würden die Jobsuche während der Pandemie sicherlich erleichtern. Neben konkreten Lösungsansätzen sollte die Politik auch langfristig denken. „Immerhin sind wir Absolvent*innen ein großer Teil der zukünftigen Leistungsträger Deutschlands und zahlen die nächsten 30–40 Jahre in die Sozialversicherungen ein“, begründet Janina.

Trotz unterschiedlicher Hintergründe und Lösungsansätze sind die vier Absolventinnen sich einig: Die Politik muss Absolvent*innen in dieser schwierigen Zeit besser unterstützen. Dabei sind vor allem nicht-monetäre Lösungsansätze besonders hilfreich und somit einfach umzusetzen.