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Politik&Aktion

Bundestagswahl 2021
Themen, die auf der Strecke bleiben

Für viele Themen sollte die Aufmerksamkeit verstärkt und effiziente Maßnahmen umgesetzt werden. | Bild: Anastasia Kanz

Bundestagswahl 2021 Themen, die auf der Strecke bleiben

Für viele Themen sollte die Aufmerksamkeit verstärkt und effiziente Maßnahmen umgesetzt werden. | Bild: Anastasia Kanz
 

12 Jun 2021

Die Bundestagswahl 2021. Große Themen wie die Klimakrise schmücken die Wahlplakate und Headlines der Medien. Andere wichtige Themen geraten dagegen in den Hintergrund und werden von den Medien vernachlässigt. Wie kann dafür wieder mehr Fahrt aufgenommen werden?

Katharina Meier

Medienwirtschaft
seit Sommersemester 2021
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Annalena Geul

Medienwirtschaft
seit Wintersemester 2018
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Larissa Hilgers

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Stell dir vor: Es ist der 26. September 2021 und du stehst in der Wahlkabine. Gerade nimmst du den Stift in die Hand, um deine zwei Kreuze für die Partei zu setzen, die deine Zukunft in Deutschland verändern soll. Im Kopf gehst du deinen persönlichen Weg zur Entscheidung durch und welche Interessen dir dabei wichtig sind. Zunächst denkst du an die viel diskutierten Themen in den Medien wie die Klimakrise, Gesundheitspolitik oder die Wirtschaftslage. Doch dann fällt dir auf: Gibt es nicht noch weitere Themen, die für deine Wahl entscheidend sein können? Die weniger in den Medien thematisiert werden und vor allem in den letzten Jahren auf der Strecke geblieben sind?

Wenn man den Alltag und die Gesellschaft in Deutschland betrachtet, gibt es etliche Probleme, die untergehen – vor allem aufgrund der Corona-Krise. Unter anderem Themen wie Alltagsrassismus, Lücken im Bildungssystem oder das Sterben der Kulturszene. Die Interviewpartner*innen im Podcast, Video und Text geben einen Ausblick, wie für diese Themen wieder mehr Fahrt aufgenommen werden kann – um den Weg zu einer respektvollen, gebildeten und kulturell interessierten Gesellschaft voranzutreiben.

Alltagsrassismus: Ein Geflecht aus Hass und Inakzeptanz

Die Bekämpfung von Alltagsrassismus schleppt sich in Deutschland seit Jahrzehnten auf der rechten Spur nur mühsam voran. „Ne, jetzt mal im Ernst. Woher kommst du wirklich?“ Ein typischer Satz, den sich Ceyda A. nach ihrer Antwort „ich komme aus Stuttgart“ anhören muss. Ihre Familie stammt ursprünglich aus der Türkei, doch sie selbst ist in Deutschland geboren. „Viele Menschen bemerken gar nicht, dass sie mit solchen Aussagen ein Teil des Problems sind“, erklärt sie. Doch was ist denn so schlimm daran, einen Menschen nach seinen „offensichtlichen“ Wurzeln zu fragen? Dadurch wird betroffenen Menschen das Gefühl vermittelt, dass sie eigentlich nicht dazu gehören oder woanders sein müssten. Genau hier beginnt Rassismus im Alltag.

Selbst in 2021 – einer Zeit, in der die ersten Autos autonom fahren und Landschaftsbilder von anderen Planeten existieren, ist ein Teil der Gesellschaft immer noch nicht bereit für Diversität und ein anderer von rassistischen Denk- und Handlungsmustern bestimmt. Rassisten gehen davon aus, dass es so etwas wie „Menschenrassen“ gäbe. Sie teilen die Menschen in negativ bewertete Gruppen ein. Nach der Herkunft, Hautfarbe, Sprache oder nach etwas Ähnlichem. Dies schafft eine Konstruktion von „Wir“ und „Die Anderen“. Wenn es alltäglich und subtil auftritt, dann spricht man von Alltagsrassismus.

Alltagsrassismus hat viele Gesichter. Es ist nicht immer leicht ihn zu erkennen, denn oft versteckt er sich ganz subtil in kleinen Witzen und unbewusst geäußerten Vorurteilen. Die Frage nach der – vermeintlichen – Herkunft, die abwertenden Blicke im Bus oder auch die Zurückweisung an der Clubtür. Angebliche Komplimente wie „Du sprichst aber gut Deutsch“ oder lobend gemeinte Verallgemeinerungen wie „asiatische Schüler*innen sind immer so fleißig“ sind weitere Beispiele für Äußerungen, die oft nicht angebracht sind.

Es gibt einen substanziellen Unterschied in der Erfahrung von Rassismus. | Bild: Katharina Meier
Menschen sollten die persönlichen Grenzen anderer Menschen erkennen und akzeptieren. | Bild: Annalena Geul
Die eigene Kultur ist wichtig für die Identität und sollte nicht unterdrückt werden. | Bild: Annalena Geul

Dies erlebt auch der 28-jährige Johnath C. tagtäglich. Die Wohnungssuche gestaltet sich für seine Familie aus Sri Lanka schwieriger als gedacht, trotz deren guten Bildungsstandes und fließendem Deutsch. Am Telefon versichert der potenzielle Vermieter der Familie eine schöne Wohnung. Als es zum Vertragsabschluss vor Ort kommen soll, scheitert es letztendlich an der Hautfarbe der Familie. Auch Ceyda und ihre Familie können davon ein Lied singen. „Ich habe das Gefühl, dass Menschen mit ausländischen Wurzeln ihre komplette Kultur aufgeben müssen, um auch nur annähernd akzeptiert zu werden“, beschreibt sie. Es fehlt die Offenheit in der Gesellschaft Neues dazuzulernen, zu verstehen und alte Denkmuster über den Haufen zu werfen. Selbst Institutionen, die eigentlich die Rechte aller schützen sollten, haben damit zu kämpfen. Beispielsweise der freundliche Polizist, der bei einem Blick auf Ceydas Ausweis plötzlich nicht mehr so freundlich ist. Das sind Situationen, in denen sich Ceyda noch hilfloser fühlt als sonst.

Der Ruf nach Veränderung

Johnath hat aus seiner Erfahrung auf dem Wohnungsmarkt gelernt und ist inzwischen als Immobilienmakler tätig. Er möchte sich für Menschen mit Migrationshintergrund und ihr Recht auf eine angemessene Wohnung einsetzen. „Solche Menschen brauchen eine Stimme und die Unterstützung, dass sie auch geeignete Kandidaten auf dem Wohnungsmarkt sind.“ Mit dieser Motivation überzeugte er bei seinem Bewerbungsgespräch. Es gibt also auch Unterstützer, die sich gegen rassistische Handlungen einsetzen. Anstatt mit Wut und Verzweiflung reagiert Johnath auf rassistische Angriffe inzwischen mit Mut und Veränderungswillen. Doch wann schafft es der kritische Teil der Gesellschaft sein Verhalten zu ändern?

Johnath und Ceyda wünschen sich von der Gesellschaft und vor allem von der Politik, die eigentlich ein Vorbild sein sollte, mehr Toleranz und Akzeptanz. „Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland leben, sollen endlich dieselben Rechte bekommen“, fordert Johnath von der Politik. Dies beginnt für sie nicht nur bei der Umbenennung von Soßen und Süßigkeiten, sondern bei echten Taten: Alle Menschen sollen als Menschen bewertet werden und nicht nach dem Aussehen oder der Herkunft. Ob die Bekämpfung von Alltagsrassismus durch die vermehrte Aufmerksamkeit wieder den Weg in die Politik findet, wird sich zeigen.

„Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland leben, sollen endlich dieselben Rechte bekommen“ – Johnath C.

Hast du Alltagsrassismus erlebt oder mitbekommen? Möchtest du dich aufklären lassen?

An diese Stellen kannst du dich wenden:

Anlaufstellen: 

Aufklärung:

  • Tabelou: Online-Shop für diverse Spielzeuge und Bücher – Aufklärung ab dem Kindesalter

  • avalino.diversity: TikTokerin – Aufklärung für Zwischendurch

Bis zur Bundestagswahl sind es noch rund drei Monate. In vielen Bereichen gibt es immer noch große Herausforderungen, die es zu überwinden gilt. Damit Randthemen nicht auf der Strecke bleiben, ist auch hier wieder einmal die Politik gefragt. Lehrbeauftragte der Bildungseinrichtungen wünschen sich mehr Klarheit, Konsistenz und Struktur von oben. Kulturschaffende fordern mehr Kultur im Bildungswesen und die Nutzung der digitalen Möglichkeiten. Betroffene fordern mehr Toleranz und Akzeptanz für die Bekämpfung von Alltagsrassismus. Die Änderungswünsche in der Gesellschaft sind groß. Dabei ist die vermehrte Aufmerksamkeit und die Durchsetzung von wirksamen Maßnahmen essenziell für den weiteren Weg.