Die Reaktionen, denen Mitglieder der Jungen Union häufig begegnen, sind Überraschung und Neugierde. | Bild: Silas Schwab

Politik&Aktion Generation Z
Jung, wild und konservativ

Die Reaktionen, denen Mitglieder der Jungen Union häufig begegnen, sind Überraschung und Neugierde. | Bild: Silas Schwab

27 Jun 2020

Schnöselig, reich, spießig. Die Vorurteile sind zahlreich, weshalb sich außerhalb der CDU-Jugendorganisation Junge Union kaum Jugendliche konservativ nennen. Dabei bedeutet konservativ zu erhalten was ist – und dafür finden sich viele Gründe. Drei Vertreter der politischen Richtung erzählen von ihrer Leidenschaft und was an den Klischees dran ist.


Was heißt es als Jugendlicher konservativ zu sein? Drei Menschen erzählen.

Das Haar gekämmt – das Hemd gebügelt. So stellen sich viele einen Konservativen vor. Niklas aber hat lange verstrubbelte Haare, einen Bart und trägt einen Metal-Hoodie. Auf Fabrice hingegen treffen übliche Vorstellungen zu: Er geht mit dem ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten und bekannten Talkshowgast Wolfgang Bosbach golfen, trägt ein Hemd unter seinem Pullover und spricht von christlichen Werten. Auf den ersten Blick sind sie wie Feuer und Wasser, aber es gibt etwas das sie verbindet: „die Politik der Mitte“ wie sie Niklas nennt. Konservativ könne nämlich vieles sein. „Merz und Merkel sind ja auch völlig unterschiedlich.“

„Konservativ bedeutet für mich an der Spitze des Fortschritts zu stehen“, zitiert Fabrice den ehemaligen CSU-Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Man müsse aber nicht gleich jede neumodische Erscheinung super finden. Die Grünen, meint er, wollten immer gleich alles verbieten – er bevorzugt „anständige Abwägungen und Entscheidungen“. Theresa, eine 23-jährige Studentin, die ebenfalls in der JU ist, will „davon ausgehen, was sich bewährt hat“. Sie sieht sich als Teil einer großen gesellschaftlichen Ansammlung: „Ich mag, wenn Politik mit Ruhe und Besonnenheit gemacht wird.“

Fabrice Ambrosini (19), Student aus Bergisch-Gladbach | Bild: Peter Dresbach
Theresa Schlosser (23), Studentin aus Aachen | Bild: Sebastian Schlosser
Niklas Schwab (20), Student aus Karlsruhe | Bild: Who's Photos

Einerseits bewerten fast alle Deutschen zwischen 16 und 29 Jahren Ordnung, Heimat, Sicherheit, Stabilität und Leistung in einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung 2013 als positiv. Andererseits haben die Befragten mit dem Begriff konservativ ein Problem: Er wird von vielen negativ bewertet. Laut Duden bedeutet konservativ: „am Hergebrachten festhalten“. Das wollen viele Jugendliche nicht. Nur 17 Prozent der Befragten fanden es 2006 wichtig, am Althergebrachten festzuhalten (Shell-Jugendstudie). Im vergangenen Jahr trendete in den sozialen Netzwerken monatelang der #niemehrcdu, der die größte deutsche konservative Partei diffamieren sollte. Bei der Bundestagswahl 2017 bekam die CDU bei den 18 bis 24 Jährigen acht Prozentpunkte weniger als in der Gesamtbevölkerung. Eine konservative Jugend stellt sich dem entgegen.

Die gespaltene Jugend

Wie kommen Konservative zu ihrer Haltung? Niklas war schon immer ein politisch interessierter Mensch. „Ich hab lange mit den Piraten sympathisiert, aber in der Summe meiner Standpunkte war ich doch eher konservativ.“ Fabrice habe immer über die Politik gemeckert und engagierte sich deshalb in der JU. Grund dafür waren christliche Werte, die ihm zufolge keine andere deutsche Partei vertritt. Auch Theresa beruft sich auf diese Werte. Entscheidungen müssen für die jungen Unionspolitiker*innen nicht immer spektakulär sein. Stattdessen kann man bei ihnen mit Stabilität und Ruhe punkten. Niklas bewundert Kanzlerin Angela Merkel, aber auch Ex-Kanzler Helmut Kohl und den ehemaligen Premierminister Großbritanniens Winston Churchill. Theresa nennt Bundestagspräsident und CDU-Politiker Wolfgang Schäuble als ihr Vorbild. „Er drückt sich immer so wohlüberlegt aus.“

Die konservativen Bestrebungen in der Jugend haben ihren Grund: „Heute ist es so, dass die Jugend nicht die Hoffnung haben kann, ihre Eltern an Wohlstand zu übertreffen“, erklärt Politikwissenschaftler Jens Hacke von der Humboldt-Universität Berlin. Aus diesem Grund würden Konservative das erhalten wollen, was vorherige Generationen erreicht haben. Was bleibt, sei die Sehnsucht nach Sicherheit. Die heutige Jugend spalte sich in zwei Lager: Die einen, die den Wohlstand sichern wollen. Und die anderen, die nicht alles akzeptieren wollten und mit Fridays for Future auf die Straße gehen.

Fridays for Future tritt die Bildung mit Füßen

Konservativ und bei Fridays for Future - das gehe durchaus, meint Fabrice. Er kenne Freunde aus der JU, die sich den Schulstreiks angeschlossen haben. „Die Schöpfung zu bewahren ist eines der konservativsten Themen“, sagt er. Dennoch marschiert er nicht mit – dafür seien ihm dort zu viele radikal linke Gruppierungen. Außerdem würden die Streiks das „hohe Gut der Bildung mit den Füßen treten“. Man könne sich gerne für seine Meinung einsetzen, aber nicht die Schulpflicht missachten, meint auch Theresa. Niklas stört sich an den aus seiner Sicht zu idealistischen Forderungen der Klimabewegung. Anders als die anderen räumt er aber Fehler ein: „Beim Klima waren unsere Regierungen der letzten Jahrzehnte zu schwerfällig.“ Dieses Anliegen könne man den Demonstrant*innen nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil.

Für die Bundestagswahlen 1994 und 1998 hat der Bundesgesetzgeber die Durchführung der repräsentativen Wahlstatistik ausgesetzt. | Quelle: Bundeswahlleiter (2017) | Bild: Silas Schwab

Neu ist das Phänomen „konservative Jugendliche“ nicht. Im Gegensatz zur jungen Wählerschaft zwischen 18 und 24 Jahren der SPD, ist die der CDU in den vergangenen 50 Jahren kaum geschrumpft. Während die SPD seit der Senkung des Wahlalters auf 18 Jahren bei der Jugend über 35 Prozentpunkte verloren hat, sind es bei der CDU rund zehn.

Die Schnösel kommen von den Grünen

Viele Vorurteile, die auf die JU projiziert werden, sieht Fabrice bei den Grünen: „Die sind hier die Schickeria – die haben die reichsten Wähler.“ Hingegen fänden sich bei der JU viele Handwerker*innen und Jugendliche vom Land. Er, Theresa und Niklas werden häufig mit Vorurteilen konfrontiert. Philipp Amthor, der konservative Posterboy der CDU, präge das Bild, das die Gesellschaft von ihnen hat. „Ich fall‘ da schon auf“, meint Niklas. In der JU-Gruppe, in der Theresa aktiv ist, seien gerade mal einer oder zwei dabei, auf die die Vorurteile zutreffen.

Niklas betont immer moderat-konservativ zu sein, denn sonst würden viele denken: „Oh – da hockt ein Nazi vor mir“, wenn er erzählt konservativ zu sein. Manchmal schlägt ihm Ablehnung entgegen, häufiger Verwunderung und Neugierde. Er schämt sich nicht konservativ zu sein. „Ich trage es aber nicht vor mir her.“ Ein Problem des Begriffs konservativ sei, dass die neuen Rechten ihn sich zu eigen machen, erläutert Hacke. Sie wollen eine Ordnung herstellen, die es mal gegeben haben soll. „Damit vereinnahmen Parteien wie die AfD diesen Begriff.“

Die drei Jugendlichen verbindet, Politik machen zu wollen, die sich an Erfahrungen, Fakten und den häufig beschworenen Werten orientiert. Und doch sind sie so unterschiedlich. Sicher werde ihre Politik auch künftig wichtig sein. „Ja – konservativ steht jetzt nicht gerade für Zukunft“, gibt Theresa zu. Aber ein Blick zurück gebe oft wichtigen Halt. So kann man es sehen. Oder so wie Wissenschaftler Jens Hacke: „Der Konservative kommt eigentlich immer zu spät, da er erst aufwacht, wenn es etwas zu bewahren gibt.“

Der Autor dieses Textes wird bei seinem Studium durch die Journalistische-Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt. Über dieses Stipendium hat er zwei der drei Gesprächspartner gefunden. Die Stiftung hat das Thema und den Beitrag weder initiiert noch beeinflusst. Der Autor sieht sich nicht als konservativ und blickt von außen auf das Thema.