Die Kailash Bodhi School in Jumla - das Schulgebäude ist noch nicht fertig gestellt. | Bild: Leonie Stieber

Reportagen Nepal
Eine holprige Straße zu guter Bildung

Die Kailash Bodhi School in Jumla - das Schulgebäude ist noch nicht fertig gestellt. | Bild: Leonie Stieber

02 Apr 2020

Jumla liegt im Nordwesten Nepals und ist so abgelegen, dass sich keine Touristen mehr in das Städtchen verirren. Viel zu sehen gibt es auch nicht. Dafür aber zu erzählen. Von einer Schule, die dem rauen Alltag jeden Tag aufs Neue trotzt.

Leonie Stieber

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2018
Kultur Gesellschaft Wissenschaft

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Wenn es nicht zu schlammig ist, fährt Tashi Dhondup mit seiner alten Hero Honda Maschine zur Schule. Die Straße, auf der er fährt, ist holprig und gleicht eher einem Feldweg. Aber immerhin gibt es sie mittlerweile. Bis vor zehn Jahren hatte Jumla noch keine Anbindung an den Rest Nepals. Rechts und Links der langen Hauptstraße reihen sich jetzt kleine Obst- und Gemüseläden aneinander. Tagsüber stellen die Besitzer ihre Holztische vor die Tür, auf denen sie ihre Waren in kleinen Türmchen stapeln. An den Wänden hängen Kekse und Snacks in bunten Plastikverpackungen. Daneben sieht man kleine Shampoo-Päckchen, die genau für eine Haarwäsche reichen. Es gibt keine Duschen in Jumla und die Haare wäscht man sich im Garten über einer Schüssel, seltener als bei uns in Europa. Waren und Lebensmittel werden auf bunt bemalten Lkw angeliefert, die oft mehr nach Zirkuswagen als nach Transportern aussehen. Tashi Dhondup erklärt, dass es wichtig sei, abwechselnd bei verschiedenen Gemüseläden einzukaufen. Sonst entsteht Missmut. Er wurde schon darauf angesprochen, warum die junge deutsche Frau, die er bei sich zu Gast hat, ihr Geld immer nur an einem Stand ausgibt. So geht das nicht in Jumla, die Stadt ist klein, es wird geredet. Auf seinem Motorrad lässt Tashi die Gemüseläden hinter sich und biegt nach einem kurzen steilen Anstieg um die Kurve. Nach ein paar hundert Metern am Berghang entlang hat er die Kailash Bodhi School erreicht. Er parkt sein Motorrad auf der Straße. Viel Verkehr gibt es hier nicht.

6.500 km entfernt, auf dem Parkplatz vor der Graf-Eberhard Schule in Kirchentellinsfurt, Tübingen parken an diesem Mittwochabend nur wenige Autos. Es ist der 19. Januar 2020 und die Mitglieder des Vereins „Förderkreis Patenschulen e.V.“ treffen sich zu einer Vereinssitzung in der Turnhalle. Fünf große Tische sind U-förmig aufgebaut. Zur heutigen Sitzung sind zwanzig Mitglieder erschienen. Barbara Krahl hat ihren Platz als Vorstandsvorsitzende am Kopfende der Tische. Sie spricht leise. Mittlerweile ist sie über 70 Jahre alt und leitet den Verein seit zwanzig Jahren. Mithilfe von Spenden konnten bereits zwei Schulen in Nepal aufgebaut werden, eine dritte wurde letztes Jahr ebenfalls unterstützt. Die Schule in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals wurde bei einem Erdbeben 2015 zerstört, konnte aber wieder aufgebaut werden. Neben der Unterstützung der Schulen vermittelt der Verein auch Patenschaften für Kinder, die sich ihren Schulbesuch sonst nicht leisten könnten. Heute soll entschieden werden, ob der Verein die Fertigstellung des Schulgebäudes in Jumla finanziert.

Dort sind vom Gerüstbau noch Löcher in der Wand und im Winter wird es in den Klassenzimmern manchmal so kalt, dass die Kinder wieder nach Hause geschickt werden müssen. Die Wände der Schule sind noch nicht verputzt und man sieht Löcher, in denen die Backsteine fehlen. Einige Schüler laufen jeden Tag über anderthalb Stunden zur Schule. Das ist ein weiter Weg, vor allem an den Tagen, an denen sie wieder früh nach Hause gehen, weil der Unterricht nicht stattfinden kann. Das Schulgebäude ist zwar soweit fertig, dass seit vier Jahren darin unterrichtet werden kann. Wirklich gemütlich ist es aber nicht. Der Boden ist unfertig und besteht aus trockenem Beton, der immer mit Staub bedeckt ist. In Jumla windet es jeden Nachmittag. Wenn man über die Felder läuft, die die ganze Stadt umgeben, muss man manchmal kurz stehen bleiben, die Augen schließen und die Luft anhalten, weil der Wind einem eine Staub-Wolke ins Gesicht weht. Durch die Löcher in der Wand und die Eingangstüren kommt der Staub auch ins Schulhaus. Wenn die Kinder durch den Flur rennen wirbelt er auf. Manchmal so sehr, dass man husten muss. Die Schulbänke und Tische sind aus Holz und ein wenig wackelig. Die Schüler sitzen zu viert in einer Bank und quetschen ihre Rucksäcke nebeneinander auf die Tische, auf denen es keinen freien Zentimeter Platz mehr gibt. Eine Klasse hat zwischen 23 und 41 Schülern, in fast allen Klassenstufen gibt es parallel Klassen. 

Ein Klassenzimmer in der Kailash Bodhi School | Bild: Leonie Stieber

An sonnigen Tagen ist Jumla ein schöner Ort. Dann glitzert der „Karnali-River“, der Fluss, der durch das Tal fließt, in der Sonne. Man kann sich gut vorstellen, wie das mächtige Himalaya-Gebirge hinter den Hügeln thront, die die Stadt umgeben. Dabei vergisst man fast, dass diese Hügel selbst schon Berge mit über 2000 Höhenmetern sind. An rauen Tagen bleibt nicht viel von dieser Bilderbuch-Idylle übrig. Dann bläst der eisige Wind den Schnee und die Kälte aus dem Gebirge durch das Tal. Die Türen und Fenster der bunten Häuser rund um den „Bazaar“, den Marktplatz, sind dann fest verschlossen und die kleinen Feuerstellen in den Küchen werden wieder und wieder angefacht, um die Kälte zumindest aus einem Zimmer im Haus zu vertreiben.

Die Turnhalle in Kirchentellinsfurt ist hingegen gut geheizt und die Jacken hängen unbeachtet über den Stuhllehnen. Die Tische wirken fast schon zu groß für die Vereinsmitglieder, die dahinter ein wenig verloren aussehen. Barbara Krahl spricht über diese unglaubliche Ungerechtigkeit und wirkt plötzlich wieder wach und voller Energie. „Es kann doch nicht sein, dass die Kinder ihre Prüfungen auf dem Schulhof schreiben müssen, weil sie nur dort ein bisschen Privatsphäre haben.“ Wenn man direkt neben ihr sitzt wirkt es, als würden ihre Augen ein bisschen blitzen, als sie das sagt. Sie erklärt, wieso eine Fertigstellung des Gebäudes in Jumla so wichtig ist. Dann wird darüber abgestimmt. „Wer ist dafür? Dagegen? Enthaltungen?“ Die Gesichter der Vereinsmitglieder wirken gespannt. Es ist, als würde Vorfreude in der Luft liegen. Dann gehen 20 Hände nach oben, um dem Vorschlag zuzustimmen. Es gibt keine Gegenstimmen und keine Enthaltungen. Ich sitze daneben und lächle in die Runde. Die Vereinsmitglieder wissen, dass ich schonmal selbst an der Schule in Jumla war, um dort Englisch zu unterrichten. Und ich weiß, welche große Bedeutung es für Tashi Dhondup haben wird, wenn er seine Hero Honda vor einem fertiggestellten Schulgebäude abstellen kann.

Thank you so much! From the core of our hearts.  – Tenzin Dhondup

Heute ist die Internetverbindung gut in Nepal. Der WhatsApp Anruf funktioniert einwandfrei. Tenzin, die Frau von Tashi und ebenfalls Schulleiterin in Jumla ist am anderen Ende der Leitung. „Thank you so much. From the core of our hearts.“ Sie bedankt sich von ganzem Herzen, als sie diese guten Neuigkeiten hört. Für Tashi und Tenzin Dhondup gibt es nun viel Arbeit – zusätzlich zur Organisation des Schulalltags. Sie müssen geeignete Baufirmen finden und das Material aus dem Süden des Landes nach Jumla transportieren lassen. Es wird auf der holprigen Straße ankommen, auf bunten Transportern, genau wie das Obst und Gemüse für den Markt. Tashi Dhondup wird auf seinem Motorrad auf der Hauptstraße entlang fahren um es in Empfang zu nehmen und zu überprüfen, dass alles stimmt. Um solche Projekte in Nepal voranzubringen, braucht es viel Organisation. Und Kontrolle. Als Direktor hat Tashi Dhondup jeden Tag aufs Neue die Verantwortung, dass alles rund um die Schule funktioniert. Diese Aufgabe hat er freiwillig auf sich genommen. Statt nach Jumla zu gehen hätte er auch die Möglichkeit gehabt, mit seiner Familie nach Amerika auszuwandern um dort einen Job als Übersetzer anzunehmen. Stattdessen hat er sich dafür entschieden die Schule in Jumla aufzubauen. Als er sie gegründet hat, gab es dort noch keine Straßenanbindung, kein fließendes Wasser und keinen Strom. Mittlerweile gehen ungefähr 500 Schüler auf die „Kailash Bodhi School“. Es ist Tashi wichtig, dass die Schüler eine qualitativ hochwertige Bildung bekommen. Und dass die Schulgemeinschaft ein Miteinander vorlebt, dass in der Gesellschaft teilweise noch fehlt.*

Man könnte Jumla und Nepal als eine andere Welt bezeichnen, die sich langsam weiterentwickelt. Das wissen auch die Mitglieder des Fördervereins in Kirchentellinsfurt. Als sie nach der Vereinssitzung die Tische und Stühle wieder aufräumen, wird über eine Reise nach Nepal gesprochen, auf der das neue Schulhaus in Kathmandu eingeweiht werden soll. Dann ist es Zeit, nach Hause zu gehen. Mit einem zufriedenen Lächeln verabschiedet sich Barbara Krahl von mir. „Bis zum nächsten Mal!“, heißt es. 

Der Karnali-River fließt durch Jumla. Oft sieht man an seinem Ufer Frauen Wäsche waschen. | Bild: Leonie Stieber
Frauen transportieren schwere Säcke auf ihrem Rücken - stabilisiert von einem Band um die Stirn. | Bild: Leonie Stieber
Der Schulhof der Kailash Bodhi School in Jumla. Mittlerweile wird er von einem schützenden Zaun umgeben. | Bild: Leonie Stieber
Das Stadtzentrum - hier kommen die bunten Transporter aus dem Süden des Landes an. | Bild: Leonie Stieber
Gebetsflaggen findet man vor allem im Norden Nepals. Sie sind ein Zeichen des Buddhismus. | Bild: Leonie Stieber

* In Nepal gibt es zwei große Religionen, den Hinduismus und den Buddhismus. Ungefähr 90 Prozent der Bevölkerung sind Hinduisten. Die Buddhisten, eine verhältnismäßig kleine Gruppe, leben vor allem im Norden des Landes, an der Grenze zu Tibet. Die beiden Religionen existieren  in  Nepal friedlich neben- und miteinander. Alte Traditionen spielen hier eine große Rolle und sind sehr verbreitet. Sie teilen die Gesellschaft in unterschiedliche Gruppen. Im Hinduismus gibt es das Kasten System, laut dem man in unterschiedlich hohe Kasten hineingeboren wird. Die Menschen, die den Kasten angehören, wohnen in getrennten Ortsteilen und betreten zum Teil die Grundstücke der anderen Kasten nicht. Wenn Frauen ihre Periode haben, schlafen sie außerhalb des Hauses und dürfen das Essen, das im Haus gegessen wird, nicht berühren. Diese Traditionen werden vor allem in den abgelegenen Teilen Nepals noch gelebt. Auch in Jumla, das weit im Nordwesten des Landes liegt.
Das Männer- und Frauenbild ist mit dem europäischen nicht vergleichbar. Die Frauen arbeiten auf den Feldern und tragen schwere Säcke auf dem Rücken, die durch ein Band um die Stirn gestützt werden. Es ist ein ganz alltäglicher Anblick, dass Frauen auf diese Weise schwere Dinge transportieren. Eine junge europäische Frau, die alleine und nur zum Spaß spazieren geht, wirkt hingegen fast schon fehlplatziert auf Jumlas Straßen. 

Redaktionelle Anmerkung: Aufgrund der Einschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus mussten die Reise nach Nepal und die geplante Hauptversammlung des Vereins "Förderkreis Patenschulen e.V." verschoben werden. Sobald die Situation eine weitere Planung ermöglicht wird der Verein diese und alle weiteren Projekten wie angedacht nachholen und umsetzen.