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Berufe
Arbeiten nach Klischee

Alte Rollenbilder bestätigt: Bis heute gibt es kaum einen Beruf, bei dem das Geschlecht keine Rolle spielt. | Bild: Eileen Wagner

Berufe Arbeiten nach Klischee

Alte Rollenbilder bestätigt: Bis heute gibt es kaum einen Beruf, bei dem das Geschlecht keine Rolle spielt. | Bild: Eileen Wagner
 

08 Jul 2021

Trotz vieler Girls' Days dominieren traditionelle Geschlechterrollen noch immer den Arbeitsmarkt. Frauen arbeiten weiterhin bevorzugt in kommunikativen und sozialen Berufen und Männer in technisch geprägten.

Eileen Wagner

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019
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Lisa Pham

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
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Der Chefarzt und die Krankenschwester. Der CEO und die Sekretärin. Der Rechtsanwalt und die Gehilfin. Aber eine Frau als Kfz-Mechatronikerin oder IT-Expertin? Eine Seltenheit. Männer in sozialen Berufen wie Erzieher oder Pfleger? Untypisch. Stereotype Geschlechterrollen spiegeln sich auch in unserem Berufsalltag wider. Aber welcher Beruf bedeutet denn „typisch Mann“ oder „typisch Frau“?

Traditionelle Rollenverteilung

Früher galt der Mann als der „Ernährer“, der einzige Verdiener im Haushalt, der Arbeiter. Währenddessen sollte die Frau sich um die Kinder kümmern, Essen auf den Tisch bringen, den Haushalt schmeißen. Wenn sie doch berufstätig war, dann ist sie einem Job nachgegangen, der dem einer Mutter und Hausfrau nahekommt, zum Beispiel in der Krankenpflege oder als Erzieherin, Lehrerin oder Köchin. Dieses altmodische Schubladendenken prägt bis heute unsere Berufswelt. Frauen wählen vorrangig Berufe im Sozial- und Pflegebereich, während Männer die technisch versierten, körperlich anstrengenden Tätigkeiten verrichten. Daher ändern sich Geschlechterrollen auf dem Arbeitsmarkt kaum. Doch sollten sich diese Rollenbilder nicht langsam lockern?

Man spricht von einem „Männerberuf“, wenn die Männer mit einem Anteil von über 80 Prozent in der Branche dominieren und vice versa. Das sind z.B. Bau-, Metall- und Elektroberufe bei Männern und Verwaltungs-, Körperpflege- und Erziehungsberufe bei Frauen. Da der Begriff „Männer- oder Frauenberuf“ bereits ein falsches Bild impliziert, sagen Fachleute eher „mehrheitlich von Frauen/Männern besetzt“.

Die erhobenen Daten beziehen sich auf die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit. | Bild: Lisa Pham / Daten: Bundesagentur für Arbeit

Die drei beliebtesten Ausbildungsberufe bei Männern haben sich seit Jahren nicht geändert: Metallbau, Maschinen- und Fahrzeugtechnik und Mechatronik oder Energie- und Elektroberufe. Und diese weisen – wenig überraschend – einen ausgeprägt hohen Männeranteil auf. Mit einem Frauenanteil von unter sieben Prozent sind diese Branchen Männerdomänen. Im Bereich Hoch- und Tiefbau beträgt die Frauenquote lediglich 1,6 Prozent.

Bei den beliebtesten Ausbildungsberufen für Frauen sieht es ähnlich aus. Einen besonders hohen Frauenanteil von über 70 Prozent haben die Berufe in Verwaltung, nichtmedizinischer Gesundheit und Körperpflege und Erziehung oder ähnliche soziale Berufe. Laut Statistik gibt es fast keine Tendenz, dass Männer stärker in frauendominierte Berufsfelder vordringen.

Es scheint, als hätte sich in den letzten Jahren nichts geändert. Trotz medienwirksamer Diskussionen um Geschlechterrollen in der Berufswelt bleiben Frauen und Männer in „ihrem Bereich“. Selbst im naturwissenschaftlichen Sektor ist der Anteil von Frauen zurückgegangen: Während im Jahr 2013 noch 36,6 Prozent der Ausbildungsplätze von Frauen besetzt waren, waren es im Jahr 2019 nur 34,2 Prozent. Das liegt aber nicht nur an der stereotypen Vorstellung, sondern auch am Schubladendenken von beiden Geschlechtern, was zu erschwerten Zugängen in „typische Männer- und Frauenberufe“ führt. So meiden viele Frauen Branchen mit hohem Männeranteil, da sie Benachteiligungen erwarten und keine Aufstiegsmöglichkeiten sehen.

Doch wenn man weiter in die Vergangenheit zurückschaut, sieht man die kleinen Veränderungen. Auch wenn bestimmte Berufe noch immer von typischen Geschlechterrollen geprägt sind: Die Arbeitswelt gehört längst nicht mehr nur den Männern. Heute gibt es in Deutschland mehr erwerbstätige Frauen als noch vor einigen Jahrzehnten. So lag der Frauenanteil im Jahr 1999 noch bei 43,6 Prozent und ist seit 2013 konstant bei 46,4 Prozent.

Mehr Männer als Frauen

Im Vergleich zum Anteil der erwerbstätigen Männer (53,6 Prozent) sind Frauen jedoch immer noch unterrepräsentiert. Noch immer orientieren sich viele Frauen und Männer an alten Rollenvorstellungen: Dachdecker, Maler, Klempner oder Berufskraftfahrer sind fast ausschließlich männlich besetzt. Hingegen sind Erzieher, Krankenschwestern, Verwaltungsassistenten oder Reinigungskräfte Berufe, die fast nur von Frauen ausgeübt werden. Daraus erkennt man, dass Frauen vorwiegend im sozialen Bereich oder in haushaltsnahen Berufen tätig sind, während Männer in technischen Berufen dominieren. In der Erziehung und den hauswirtschaftlichen Berufen wird die Frauendomäne besonders deutlich: 2019 gingen fast nur Frauen dem Job der Kinderbetreuung nach (89,4 Prozent). Deutlich geringer waren die Unterschiede in akademischen Berufen wie bei den Ärzten, Rechtsanwälten oder Lehrenden. Hier lag der Frauenanteil 2019 jeweils über 45 Prozent. Damit hat sich der Anteil von Frauen in akademischen Berufen seit den 1990er Jahren um 24 Prozent erhöht.

Bestätigte Klischees: Die Geschlechterrollen auf dem Arbeitsmarkt ändern sich kaum. | Bild: Eileen Wagner / Daten: Bundesagentur für Arbeit

Fast die Hälfte der Männer und mehr als ein Drittel der Frauen arbeiten in Berufen, in denen über 80 Prozent des Geschlechts dominieren. Nur jeder fünfte Mensch hat bei der Arbeit ungefähr ausgeglichene Beziehungen. Klare Männerdomänen sind vor allem körperlich anstrengende Bauberufe. Unter 334.594 Metallbauern (97 Prozent) finden sich danach nur 10.206 Frauen (drei Prozent). Aber auch Berufe der Deckerei, Stuckateure und Berufskraftfahrer waren stark von Männern dominiert. Hier lag der Männeranteil 2013 bis 2019 jeweils deutlich über 90 Prozent.

Frauen bevorzugen eher kommunikative und soziale Berufe, Männer hingegen technische Berufe. | Bild: Eileen Wagner / Daten: Bundesagentur für Arbeit

Nur jede dritte Führungskraft ist eine Frau

Noch deutlicher zeigt sich die unterschiedliche Beteiligung von Männern und Frauen am Berufsleben, wenn man nur die Führungskräfte betrachtet. Zwar stieg der Anteil von Frauen in Führungspositionen 1992 bis 2011 von 25,8 Prozent auf 30,3 Prozent. Trotzdem war 2019 nur knapp jede dritte Führungskraft eine Frau. Ein Beispiel: Der Bereich der Unternehmensführung und -organisation war 2019 mit 71,9 Prozent reine Männersache. 79,2 Prozent der Sekretariatsstellen waren weiblich besetzt, während in der Chefetage eine klare männliche Dominanz von 78 Prozent herrschte.

Lediglich in klischeebehafteten Frauenberufen wie der Floristik und Sozialarbeit blieb die Frauenquote über 80 Prozent. Doch auch in besagten „Frauenberufen“ ist den Frauen der Weg in die höheren Ränge oftmals nicht gelungen. So waren 98,1 Prozent der Praixstellen in medizinischen Gesundheitsberufen weiblich besetzt. Und auch der Beruf als Krankenschwester war mit 77,6 Prozent weiblich dominiert. In Rechts- und Verwaltungsberufen agierten Frauen mit einem Anteil von 73,6 Prozent ebenfalls nur in einer beratenden Form. Und selbst in Modeberufen und der Textilverarbeitung verlieren Frauen zunehmend die Führungsposition. Während Textil- und Modeberufe mit 85,7 Prozent (2019) klar weiblich dominiert war, lag der Anteil an führenden männlichen Textilverarbeiter im selben Jahr bei 61,9 Prozent.

Frauen sind in Führungspositionen nach wie vor stark unterrepräsentiert. | Bild: Eileen Wagner/ Daten: Bundesagentur für Arbeit

Gender Pay Gap - ein strukturbedingtes Problem?

Die Unterschiede in der Berufs- und Studienwahl sowie die Diskrepanz der unterschiedlich hohen Positionen, die Männer und Frauen meist innehaben, verstärken und erklären größtenteils die sogenannte Gender Pay Gap, den Unterschied zwischen den durchschnittlichen Bruttostundenlöhnen von Männern und Frauen. Im Jahr 2020 haben Frauen 18 Prozent weniger verdient als Männer. Untersucht man die Gender Pay Gap in den letzten Jahrzehnten, schwankt der Wert konstant rund um 20 Prozent seit 1995.

Gender Pay Gap*: unbereinigt und bereinigt
*Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes der Männer und Frauen im Verhältnis zum Bruttostundenverdienst der Männer.
Unbereinigt: Allgemeiner Vergleich des Durchschnittsverdienst aller Arbeitsnehmer*innen miteinander
Bereinigt: Verdienstunterschied zwischen Männer und Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien. 

Die hier genannten Werte beziehen sich auf die unbereinigte Gender Pay Gap.

Kein Wandel der Zeit: Über die Jahrzehnte stagniert die Gender Pay Gap. Seit zwei Jahren ist der Verdienstunterschied unter 20 Prozent - das war seit 1999 nicht mehr der Fall. | Bild: Lisa Pham / Daten: Statistisches Bundesamt

Der Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen ist darauf zurückzuführen, dass Frauen oftmals in schlechter bezahlten Branchen arbeiten und sie seltener eine Führungsposition einnehmen. Außerdem ist die Arbeit in Teilzeit- und Minijobs bei Frauen weit verbreitet, weshalb sie im Durchschnitt pro Stunde weniger verdienen. Fast jede zweite erwerbstätige Frau in Deutschland im Alter von 20 bis 64 Jahren hat einen Teilzeitjob. Das macht einen Anteil von 47 Prozent aller arbeitenden Frauen aus. Der Hauptgrund dafür ist die Familie. Die Mehrheit nannte als Grund die Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen (31 Prozent) oder andere familiäre oder persönliche Verpflichtungen (17 Prozent).

Frauen haben im Jahr 2020 in Deutschland 18 Prozent weniger verdient als Männer. Männer verdienen im Durchschnitt 4,16 Euro mehr pro Stunde als Frauen. | Bild: Lisa Pham / Daten: Statistisches Bundesamt

Über die Gründe der fest gefügten Berufswahlmuster sagen die Zahlen nicht genug aus. Sie verdeutlichen aber, dass Frauen sich häufig für Berufe mit geringen Aufstiegschancen entscheiden. Das sind in der Regel auch diejenigen Berufe und Branchen, in denen ein hoher Frauenanteil herrscht wie zum Beispiel die Krankenpflege und Erziehungsberufe. Außerdem erschweren strukturelle Barrieren wie Standardisierungen der Auswahlverfahren bei der Besetzung von Führungspositionen und hartnäckige Geschlechtsstereotype den Zugang in „typische Männer- und Frauenberufe“. Auch fehlende Lösungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf führen dazu, dass Frauen ihre Karrierewünsche letztendlich hinter die Interessen der Familie stellen.

Stereotype Geschlechterrollen aufbrechen

Um den festgefahrenen Geschlechterrollen entgegenzuwirken, wurden in Deutschland viele Initiativen entwickelt. Am Girls‘ Day können Schülerinnen Einblicke in Berufsfelder gewinnen, die sie sonst aufgrund der festgewachsenen Rollenbilder nur selten in Betracht ziehen. Damit soll der Anteil der weiblichen Beschäftigten in sogenannten „Männerberufen“ erhöht werden. Dasselbe Ziel verfolgt der nationale Pakt für Frauen mit sogennannten MINT-Studiengängen. Das Netzwerk versucht seit 2008 Frauen für MINT-Studiengänge, also Fächer und Berufe aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, zu motivieren. Das Ziel: die Chancengleichheit in MINT-Fächern fördern.

Trotz dieser Initiativen scheinen die Geschlechterrollen und die Vielfalt auf dem Arbeitsmarkt kaum verändert. Noch immer gibt es wenige Maurerinnen und wenige Erzieher. Eine Möglichkeit wäre, Geschlechterrollen bereits in der Kita zu brechen. Damit können sich Mädchen auch mit Handwerkerspielzeug beschäftigen und Jungen mit Puppen. Wenn Klischees bereits in der Kindheit hinterfragt werden, könnte das spätere Generationen dazu ermutigen, ihren eigenen Weg unabhängig von Rollenvorbildern zu gehen.