Edmund Collein: „Leben am Bauhaus Dessau: Studierende der Webereiklasse am Fenster der Bauhaus-Kantine“, 1927-1929. | Bild: BHA Berlin; Copyright: Ursula Kirsten-Collein, Birkenwerder

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Revolutionär, innovativ – unterdrückt?

Edmund Collein: „Leben am Bauhaus Dessau: Studierende der Webereiklasse am Fenster der Bauhaus-Kantine“, 1927-1929. | Bild: BHA Berlin; Copyright: Ursula Kirsten-Collein, Birkenwerder

04 Jul 2019

Die Hoffnung auf Selbstverwirklichung und der Traum einer künstlerischen Karriere brachte viele Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts ans Bauhaus – die fortschrittlichste Kunstschule dieser Zeit. Anlässlich des Bauhausjubiläums stellt sich die Frage: Wie unterscheidet sich die heutige Situation der Frauen an der Bauhaus Universität zu der von früher?

Wie erleben Studentinnen heutzutage den Alltag an der Bauhaus Universität in Weimar?

Die moderne Frau des 20. Jahrhunderts trägt Bubikopf und ist berufstätig. Sie raucht, wählt, besucht Kino und Theater. Was im 19. Jahrhundert noch als undenkbar galt, änderte sich mit der Weimarer Republik: Frauen erlangten das Wahlrecht und die Lehrfreiheit. Als Walter Gropius, Gründer des staatlichen Bauhauses, 1919 die Kunstschule in Weimar eröffnete, verkündete er: „Als Lehrling aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht.“ Begabte KünstlerInnen konnten sich in Bereichen wie beispielsweise der Töpferei, der Holzwerkstatt oder der Weberei verwirklichen und weiterentwickeln – unabhängig von ihrem Geschlecht. Das war zu dieser Zeit revolutionär und sehr besonders.

Schnell war das Bauhaus für seinen guten Ruf bekannt und entwickelte sich zur fortschrittlichsten Kunstschule Deutschlands. Insbesondere Frauen waren an der Lehr- und Bildungseinrichtung interessiert, denn für sie sei es bis dahin sehr schwierig gewesen, eine Kunstakademie zu besuchen, so der Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt, Patrick Rössler. Für die herkömmlichen Kunstakademien wurde Abitur benötigt. Doch für die Mehrheit der Mädchen war das zu dieser Zeit nicht möglich – nur die „höheren Töchter“, wie Patrick Rössler sie nennt, hatten deshalb Zugang zu den begehrten Kunstschulen. Am Bauhaus war das anders. Laut Rössler habe man sich schon damals mit einer Eignungsmappe beworben. Zusätzlich dazu wurden auch einige Studentinnen der herzoglichen Kunstschule Weimar übernommen, da diese aufgelöst wurde. So kam es, dass es immer mehr Frauen ans Bauhaus zog – angelockt vom visionären Charakter der Schule. Bereits im ersten Semester gab es mehr weibliche als männliche Bewerber.

Künstlerinnen in die Frauenklasse 

Dem Gründer Walter Gropius wurde das schnell zu viel und er ruderte zurück. Er fürchtete, die große Anzahl der Frauen könne dem Ansehen der Kunstschule schaden. Frauen passten offenbar nicht in das Bild einer Avantgarde-Institution. Zudem vermutete man, so Rössler, dass die Absolventinnen in Bereichen wie dem Handwerk nicht ernst genommen würden. Die Folge: Ein Beschluss, der die Aufnahme von Frauen stoppte und der Versuch, die Künstlerinnen, die schon am Bauhaus waren, auf die Weberei zu beschränken – die sogenannte Frauenklasse.

„Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt und sei es nur zum Zeitvertreib.“ – Oskar Schlemmer, Bauhaus-Meister

Die Frauen, die in der Weberei tätig waren, haben dort nicht weniger künstlerisch gearbeitet – das Bild, welches viele Menschen heute von der Weberei haben, wird der Arbeit dort nicht gerecht. Einfache Arbeit, die nicht viel Kreativität forderte, dieses Vorurteil ist noch heute in vielen Köpfen fest verankert. Doch das genaue Gegenteil war der Fall. Denn die Weberei war der Ort, an dem ein Großteil der bekannten Designs entstand. Designs, die den Bauhaus-Gedanken bis heute vermitteln. In den Medien werde meist detailliert über den kurzen Zeitraum berichtet, in dem die Frauen mit Einschränkungen konfrontiert waren. Dadurch entstehe der Eindruck, dass es eine „systematische Benachteiligung“ von Frauen gegeben habe – dies sei jedoch ein Irrglaube, betont Patrick Rössler:

Der Bauhaus-Experte sieht die Geringschätzung der hervorragenden Arbeit, wie wir sie noch heute teilweise erleben, als eine doppelte Benachteiligung und erneute Erniedrigung an. Tatsächlich war die Weberei die erste Werkstatt, die lukrative Aufträge von außen bekommen und damit Geld verdient hat. Fest steht: Die Frauenklasse hat maßgeblich zum Erfolg des Bauhauses beigetragen.

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Das Bauhaus im zeitlichen Kontext. | Bild: Jule Ahles

Erfolgreiche Bauhausfrauen 

Auch wenn die Frauen und ihre Projekte zunehmend an Ansehen gewannen, wurde das Bauhaus weiterhin von männlichen Künstlern dominiert. Dies ist vor allem auf die Umstände der Zeit zurückzuführen. Einige herausragende Frauen setzten sich dennoch durch. Marianne Brandt, die bekannteste unter ihnen, schliff beispielsweise in der Metallwerkstatt am gefeierten Bauhaus-Stil mit. Später war sie die erste Industrie-Designerin in den Ruppelwerken, einer Metallwarenfabrik in Gotha. Der Sprung in leitende Positionen gelang nur sehr wenigen Frauen, Gunta Stölzl war eine von ihnen. Ab 1925 leitete sie die Weberei und war damit die einzige Werkmeisterin. Nicht zu vergessen sind neben den erfolgreichen Künstlerinnen auch die Ehefrauen der Bauhauskünstler, welche ihren Männern den Rücken stärkten: Ise Gropius, die sich um die Verwaltung der Kunstschule kümmerte oder Lucia Moholy, welche die fotografischen Dokumentationen am Bauhaus erstellte.

„In jedem Fall waren die Frauen der Bauhausmeister ein sozialer Mittelpunkt am Bauhaus.“ – Prof. Dr. Patrick Rössler

Häufig luden die Gattinnen zu gesellschaftlichen Anlässen, an denen die Bauhäusler und lokale Prominenz zusammenkamen. Bauhauskünstlerinnen wie Ehefrauen der bekannten Meister, sie alle trugen in erheblichem Maße zu dem Bild der Kunstschule bei, welches wir heute haben: die berühmteste Schule für Kunst, Design und Architektur in Deutschland.