Wo ist der Ort, der sich Heimat nennt? | Bild: Sandra Belschner

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Richtung Heimat

Wo ist der Ort, der sich Heimat nennt? | Bild: Sandra Belschner

19 May 2019

Zwischen Schutz und Schande, Alpenbildern und AfD-Plakaten: Was bedeutet Heimat? Und in welchem Kontext sollen wir den Begriff benutzen? Über einen Ausdruck, der schon zu lange im Abgrund des politischen Missbrauchs schmort. Ein Kommentar.

Ich liebe meine Heimat.

Wer jetzt geschockt die Luft anhält und mir Nationalstolz vorwirft, der sollte genau zuhören. Denn es ist Zeit, dass wir den Heimatbegriff wieder aufblühen lassen. Und zwar nicht als Romantisierung eines alten Begriffs, der von den Nazis als Synonym für das „deutsche Vaterland“ gebraucht wird. Gewiss ist das deutsche Wort Heimat schwer in andere Sprachen zu übersetzen. Das heißt jedoch nicht, dass es ein rein „deutsches“ Gefühl ist, bei dem andere Ethnien ausgeschlossen werden. Heimat widerspricht nicht der offenen Gesellschaft, sie ist ein wichtiger Teil davon.

Heimat ist ein Gefühl. Ja, ein sehr schwer definierbares Gefühl. Ein sehr individuelles. Für mich ist es Geborgenheit. Ein Ort, an dem ich Liebe erfahre von Menschen, die mir wichtig sind. Ein Sehnsuchtsort. Dort fühle ich mich wohl, kenne mich aus, weiß, wie die Dinge laufen und kann deshalb entspannt sein. Ich kehre gerne dorthin zurück. Das ist mein Ruhepol, mein Heimathafen.

Dieses Empfinden kann und soll man niemandem aufzwingen. Wenn sich jemand an einem Ort nicht wohlfühlt, peitscht der Begriff wie eine Bedrohung, klingt nach Zwang zur Zugehörigkeit und Einordnung. Umso befremdlicher, wenn dann ein Ministerium auf den Namen „Heimat“ getauft wird. Dieser Begriff hat in der Politik nichts zu suchen, maskiert er doch das schmucklose, auf Funktion getaktete Staatsorgan mit einer romantischen Fassade. Heimat passiert auf emotionaler Ebene, nicht auf politischer oder gar nationaler.

Denn die geografische Verortung von Heimat ist zufällig und zweitrangig. Ich liebe meine Heimat ja nicht wegen des bestimmten Flecks, den sie auf der Erdoberfläche markiert. Die entscheidende Rolle spielen die Menschen, die dort leben und die prägenden Erinnerungen, die ich mit ihr verbinde. Oft ist Heimat deshalb auch der Ort, an dem man seine Kindheit verbracht hat. Er bildet damit den Gegenentwurf zum Verloren-Sein, der Ungewissheit und der Einsamkeit. Ist das nicht etwas, was wir uns in einer schnellen, unübersichtlichen Welt wünschen?

Deswegen sind wir alle gefordert, unsere Heimaten zu offenen Orten zu gestalten, an denen Neues willkommen ist. Dieser Prozess muss von uns ausgehen, nicht von einem politischen Instrument. Wir müssen patriotischen Heimatparolen Grenzen setzen und stattdessen für eine positive Bedeutung von Heimat stehen. Zusammen können wir den Begriff prägen. Damit an meinem Wohlfühlort auch andere Menschen eingeladen sind, Heimat zu finden. 

Der Heimatbegriff im Laufe der Zeit. | Bild: Jule Ahles