Symbolbild | Bild: Jule Ahles

Data Alkoholisierte Gewalt
Jung, männlich, betrunken – gewalttätig?

Symbolbild | Bild: Jule Ahles

15 Sep 2020

Krawalle in Stuttgart, Randale in Frankfurt oder die wochenendlichen Eskalationen auf den Partymeilen der Republik – Besonders eine Gruppe rückt aktuell immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit: Junge Männer, die im Rausch des Alkohols die Kontrolle verlieren und zuschlagen.

Jana Mack

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2018

Zum Autorenprofil

Jule Ahles

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2018
GesellschaftUmwelt

Zum Autorenprofil

Stuttgart soll sicherer werden. In der Landeshauptstadt wird derzeit über Videoüberwachung und Alkoholverbote diskutiert. Was in der Nacht zum 21. Juni passiert ist, soll sich nicht wiederholen. Angesichts zerstörter, geplünderter Geschäfte und verletzter Polizeibeamt*innen folgerte Polizeivizepräsident Thomas Berger damals: „Gewalt ist männlich und betrunken.“ Es waren Worte, die polarisierten. Aber waren es auch wahre Worte? Allgemein gültige? Oder polarisieren junge betrunkene Männer nur in der Berichterstattung und sind tatsächlich gar nicht so aggressiv?

Faktor Alkohol: Jede vierte Gewalttat unter Alkoholeinfluss

Wirft man einen Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), zeigt sich, dass ein Viertel der Tatverdächtigen bei Delikten der Gewaltkriminalität 2019 unter Alkoholeinfluss stand. Das ist jede vierte Gewaltstraftat.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) wird seit 1953 jährlich vom Bundeskriminalamt herausgegeben. Sie umfasst Daten zu Straftaten, Opfern und auch Tatverdächtigen, zu denen auch Mittäter, Anstifter, Gehilfen und nicht schuldfähige Personen zählen. Die Statistik bildet nicht immer die Realität ab, sondern nur das sogenannte Hellfeld. Das heißt, Straftaten, die nicht angezeigt werden oder der Polizei anderweitig bekannt werden, fallen aus der Statistik. Neben der Anzeigebereitschaft der Bürger gibt es noch viele weitere Faktoren, die die Statistik beeinflussen und verfälschen können.
Zur Gewaltkriminalität zählen in der Polizeilichen Kriminalstatistik folgende Delikte: Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, sexueller Übergriff im besonders schweren Fall einschließlich mit Todesfolge, Raub, räuberische Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung, Verstümmelung weiblicher Genitalien, erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme und Angriff auf den Luft- und Seeverkehr. Weil sich einzelne Gesetze im Laufe der Jahre verändern, kann es immer wieder zu neuen Zuordnungen kommen.

Dass eine Beziehung zwischen Alkohol und Gewalt besteht, sei Fakt, erklärt Figen Özsöz von der kriminologischen Forschungsgruppe der Bayerischen Polizei: „Zum einen wirkt Alkohol enthemmend, dadurch steigert es das risikohafte Verhalten. Diejenigen, die sowieso schon aggressiv sind, werden dann unter Alkoholeinfluss gewalttätiger.“ Gleichzeitig betont sie aber, dass nicht jede*r durch den Alkohol zwangsläufig gewalttätig würde. Dabei spielten noch andere Einflüsse wie beispielsweise Einstellung, Alter, neurobiologische Faktoren oder Geschlecht eine Rolle.

Faktor Geschlecht: Alkoholisierte Männer sind krimineller als Frauen

Und tatsächlich: Bei den alkoholisiert begangenen Gewaltdelikten finden sich nur wenige Frauen unter den Tatverdächtigen. Im letzten Jahr lag der Anteil bei circa 4.500 weiblichen zu über 39.000 männlichen Tatverdächtigen, ähnlich dem Stand der vergangenen Jahre.

Generell seien Jungs zwar gewalttätiger als Mädchen, so Özsöz, aber auch die sozialen Erwartungen an diese Rollen spielten mit. Wenn Männer beispielsweise den Alkohol als Rechtfertigung oder Grund heranziehen, dann begünstige das die Aggressivität. Denn „grundsätzlich reagieren auch Frauen unter Alkoholeinfluss enthemmter und gewalttätiger“. Wichtig sei dabei aber auch, im Hinterkopf zu behalten, dass die Gewalt von Frauen unter Alkoholeinfluss bisher kaum bis gar nicht untersucht wurde.

Ein Grund für die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern zeigt sich auch, wenn man das generelle Trinkverhalten junger Menschen betrachtet. Der Anteil der regelmäßigen Konsumierer sowie der Rauschtrinker ist bei den jungen Männern höher als bei ihren weiblichen Altersgenossinnen – wenn sich diese in den letzten Jahren auch etwas annähern.

Faktor Alter: Junge Gewalt ist sichtbarer

Neben Trinkverhalten und Geschlecht legt ein Blick auf die Geschehnisse in Stuttgart und anderswo nahe, dass auch das Alter bei Gewalttaten eine Rolle spielt. Sind junge Erwachsene unter Alkoholeinfluss gewalttätiger als andere Altersgruppen? Laut PKS: Ja, denn dort ist die sogenannte Alterskriminalitätskurve zu erkennen. Während als Kind die wenigsten Menschen kriminell werden, steigt die Anzahl ab 14 an und fällt nach dem 24. Lebensjahr wieder ab. Die Realität könnte jedoch anders aussehen, denn: „Die Gewalt von jungen Menschen ist sichtbarer. Deutlich sichtbarer. Die spielt sich draußen im öffentlichen Raum ab und dadurch ist das Entdeckungsrisiko auch größer: Es wird mehr angezeigt, die Polizei nimmt davon viel häufiger Kenntnis”, so Özsöz. Auch bei häuslicher Gewalt spiele Alkohol eine große Rolle, jedoch bekomme die Polizei nicht immer alles mit.

Wie hoch die Dunkelziffer der im privaten Raum und nicht zur Anzeige gebrachten Gewaltstraftaten liegt, lässt sich nur mutmaßen. Unabhängig davon betont Özsöz aber: „Junge Menschen – männliche Menschen – bei denen ist generell das Risiko für Gewalttaten erhöht. Wenn sie noch zusätzlich Alkohol konsumieren, haben wir ein noch höheres Risiko.” Das lässt sich in der Grafik wiedererkennen, die meisten Gewalttaten unter Alkoholeinfluss werden im Jugend- und jungen Erwachsenenalter begangen. Im letzten Jahr waren es knapp 20.800 Tatverdächtige in der Altersgruppe der 18-29-Jährigen.

Entgegen dem Gefühl: Alkoholisierte Gewalt wird weniger

Was sich in der Abbildung aber ebenfalls zeigt, ist ein allgemeiner Rückgang der betrunken begangenen Gewaltdelikte. Im letzten Jahr lag die Zahl der Tatverdächtigen bei 43.648, vor sieben Jahren waren es noch 6.500 mehr. Bei den 18- bis 29-Jährigen sank die Tatverdächtigenzahl um über 8.000.

Das hat laut Özsöz zum einen mit dem veränderten Trinkverhalten der Jugendlichen zu tun, die insgesamt weniger Alkohol konsumieren (siehe Grafik oben) und auch anders trinken als noch 2010, als es einen Höhepunkt gegeben habe. Damals seien Rauschtrinken und Vorglühen mehr im Trend gewesen, wo sich „junge Leute innerhalb kürzester Zeit sehr viel Alkohol zugeführt haben“. Zudem war bei den damals beliebten Alkopops viel Zucker im Spiel, wodurch der Alkohol schneller ins Blut gelange, so Özsöz. Zum anderen hätten auch die dann eingeführten Präventionsmaßnahmen der Polizei wie Aufklärung, Jugendschutz, zeitweise Alkoholverbote auf öffentlichen Plätzen oder schärfere Kontrollen gegriffen und das Problem verringert. Im Zusammenspiel könne sie sich das auch für Stuttgart vorstellen.

Außerdem sei die Gesellschaft in den letzten Jahren generell sensibler gegenüber Gewalt geworden und stelle sich eher dagegen. Im Umkehrschluss ist es nicht verwunderlich, dass das Gefühl entsteht, es würden immer mehr Gewalttaten begangen – was nicht stimmt. Und Özsöz beobachtet noch eine weitere positive Entwicklung: „Man sagt, die jungen Menschen sind immer brutaler geworden, das stimmt auch nicht. Auch die Qualität nimmt eher ab. Da ist eine Diskrepanz zwischen unserer subjektiven Wahrnehmung und der objektiven Kriminalitätslage im Moment. Deutschland gehört zu den sehr sicheren Ländern.“

Nicht der Alkohol allein ist schuld

Letztlich lässt sich bestätigen, dass Gewalt männlich, jung und betrunken ist – unter anderem. Denn wie viele Faktoren in alkoholisiert begangene Gewalttaten einspielen, ist situationsabhängig. Den einen, definitiven Grund für die Eskalation in Stuttgart kann auch die kriminologische Forscherin nicht nennen: „Ich weiß nicht, wie hoch der Anteil der Personen bei Stuttgart war, aber natürlich haben Alkohol und Drogen eine enthemmende Wirkung. Wenn noch ein Gruppenkontext hinzukommt, verstärkt das das Gewaltverhalten. Da kommt vieles zusammen.“