MediaNight

Sterben in einer digitalisierten Welt

Die Gruppe arbeitet an ihrem Projekt "Siebtes Leben" für die MediaNight
20. Juni 2023
In einer Welt, in der alles digital ist, stellt sich die Frage: Werden wir auch digital sterben? Eine Gruppe von Studierenden traut sich an digitale Testamente und virtuelle Grabsteine. In Zukunft könnte die Website „Siebtes Leben“ auf jedem Smartphone zu finden sein.

„Wir haben lange darüber diskutiert, ob wir uns an das Thema Tod herantrauen, doch wir wollten es aus der Dunkelkammer der Gesellschaft holen.“

Michael Cabanis

Vorerst ist Siebtes Leben“ eine Website, mit deren Hilfe ein digitales Testament erstellt werden kann. Ziel der Anwendung ist es, den Prozess so weit zu vereinfachen, dass er für alle verständlich ist und so auf eine teure notarielle Begutachtung verzichtet werden kann. Ruft man die Website auf, öffnet sich ein Fragebogen, der einen Stück für Stück durch die rechtlich relevanten Angaben führt. Dort kann beispielsweise hinterlegt werden, wie das Vermögen verteilt werden soll und an wen ausgewählte Gegenstände nach dem Tod vererbt werden. 

Es besteht zudem die Möglichkeit, besondere Wünsche im digitalen Testament zu notieren, wie z.B. das Spenden an eine Hilfsorganisation. Durch ein simples „Drag and Drop“-System können Erben hinzugefügt und die jeweiligen Erbanteile angegeben werden. So ist in wenigen Minuten eine digitale Testamentvorlage erstellt. Damit das Testament rechtlich gültig ist, muss es aktuell noch per Hand abgeschrieben und mit einer Unterschrift versehen werden. 

Doch das Konzept der Website geht noch viel weiter.

Ein Ausschnitt der Website kurz vor der Veröffentlichung.

Der digitale Grabstein

Neben dem digitalen Testament arbeiten die Entwickler*innen an einem sogenannten „digitalen Grabstein“. Das kann man sich als Pendant zur analogen Todesanzeige in Zeitungen vorstellen. Ähnlich wie bei einem Facebook-Profil können Menschen Fotos, Videos und Texte anlegen und so ihren eigenen Nachruf individuell gestalten. „Du könntest ihn dann auch in Form eines Autos designen“, sagt Entwickler Marvin Pfau. Teil der Funktionen soll es außerdem sein, dass im Todesfall automatisch vorher verfasste Nachrichten an hinterbliebene Personen gesendet werden. An der Art, wie das System vom Tod eines Nutzers oder einer Nutzerin erfährt, tüfteln die Entwickler*innen noch. Klar ist für sie jedoch eins: Die Website soll nutzerorientiert sein und verschiedene Wege bieten, den digitalen Nachruf persönlich zu gestalten.

Gar nicht so einfach

Entstanden ist die Idee zu „Siebtes Leben“ durch ein Projekt in den Studiengängen Medieninformatik und Mobile Medien. Es ist nur eines von vielen Projekten, die das Studierendenteam Michael Cabanis, Maximilian Dolbaum, Max Herkenhoff, Marvin Pfau, Jasmin-Joy Springer und Timo Waldherr zusammen entwickelt hat.

Seit Anfang des Semesters arbeiten die sechs an Konzept, Design und Umsetzung. Technisch ist die Truppe fit genug, die Website war schnell erstellt. Doch das Eintauchen in die Materie von Erb- und Nachlass-Gesetzen und rechtlichen Grundlagen hat sie viel Mühe und Zeit gekostet. In Zukunft hofft die Gruppe, mit Notar*innen und Kanzleien zusammenzuarbeiten, um rechtlich auf Nummer Sicher zu gehen und Kundschaft für sich zu gewinnen. 

Grundsätzlich ist „Siebtes Leben“ für jede und jeden gedacht, die Entwickler*innen rechnen aber eher mit einer Zielgruppe, die sich aus Menschen mit Familie, alten und kranken Menschen herauskristallisiert. Dass sie mit ihrer Testamentwebsite Interessierte erreichen können, das bezweifeln die Entwickler*innen nicht. Ob die Bevölkerung jedoch schon für virtuelle Grabsteine bereit ist, bleibt abzuwarten. Das Team rechnet damit, dass der Gedanke in den nächsten Jahren noch auf Widerstand treffen wird. Aber wer weißwenn unsere Autos selbst fahren und wir mit Virtual Reality-Brillen das Haus verlassen - ist der Weg zu einem sozialen Netzwerk für Verstorbene dann wirklich so abwegig?

Darüber spricht man nicht!

„Das Thema Sterben und Tod ist doch noch ein Tabu-Thema, hier muss man sensibel vorgehen und den Verstorbenen mit Würde und Respekt entgegentreten.“

Michael Cabanis

Den Entwickler*innen ist bewusst, dass es sich um ein heikles Thema handelt, mit dem respektvoll und sensibel umgegangen werden muss. Bei der Website geht es weniger um den traurigen Teil des Sterbens und mehr um das schöne Erinnern von Verstorbenen. Der Fokus auf das „Lebensglück“ zeigt sich auch in der Gestaltung der Website, frohes Gelb statt Bestatter-Schwarz. Da mit sehr persönlichen Daten umgegangen wird, soll auf eine End-zu-End-Verschlüsselung gesetzt werden. Die Entwickler*innen erhoffen sich, durch die Website eine Marktlücke zu füllen und wollen das Projekt auch über den Rahmen des Studiums hinaus weiterführen.

Das eingespielte Team blickt durch den Computer in die Zukunft.

Eine Demo des Websiteprototypen kann auf der MediaNight am 29.06.2023 ausprobiert werden. An ihrem Stand kannst du das Team gerne besuchen, um noch mehr über das Projekt herauszufinden.

Die Website siebtesleben.de wird voraussichtlich in den nächsten Wochen live gehen.