Seit 25 Jahren verbindet Ilvesheim und Chécy eine Partnerschaft. | Bild: Leah Striegel

edit.Connect Städtepartnerschaften
Gelebtes Europa

Seit 25 Jahren verbindet Ilvesheim und Chécy eine Partnerschaft. | Bild: Leah Striegel

20 May 2019

Brexit, nationales Denken, Entfremdung von der europäischen Idee. Europa erlebt schwierige Zeiten. Können Städtepartnerschaften die Bürger wieder einander näherbringen? Und hat diese Form des kulturellen Austausches überhaupt noch eine Zukunft oder fehlt es an engagiertem Nachwuchs?

Ilvesheim ist ein kleiner Ort im Norden Baden-Württembergs. Die Gemeinde liegt am Neckar, der Ortskern wird eingerahmt vom Fluss und dem Neckarkanal. Die Bewohner sprechen deshalb von „der Insel“. Wenn sie sagen, sie gehen „in die Stadt“, ist Mannheim gemeint. Die drittgrößte Stadt Baden-Württembergs liegt nur rund zehn Kilometer entfernt, aber auch die Universitätsstadt Heidelberg ist schnell zu erreichen.

Ilvesheims französischer Zwilling Chécy liegt ebenfalls an einem Fluss, der Loire und dem Canal d’Orléans. Die gleichnamige Großstadt Orléans ist ähnlich weit entfernt wie Mannheim von Ilvesheim. Auch die Einwohnerzahlen ähneln sich stark. In beiden Gemeinden leben jeweils rund 9.000 Personen.

Seit 1994 verbindet die zwei Gemeinden eine Partnerschaft, auch Jumelage genannt. In diesem Jahr feiert sie ihr 25-jähriges Bestehen. Es finden regelmäßige Begegnungen zwischen interessierten Bürgern beider Orte statt, die Sportvereine und die Freiwillige Feuerwehr beteiligen sich ebenfalls an der Partnerschaft. Durch die strukturellen Ähnlichkeiten der Gemeinden kommt es auch auf politischer Ebene zum Erfahrungsaustausch.

Wer aufmerksam durch Ilvesheim geht, findet überall Hinweise auf die Städtepartnerschaft. | Bild: Leah Striegel

Städtepartnerschaften haben Tradition

Ilvesheim und Chécy sind nur eines von zahlreichen Gemeindepaaren. Im Jahr 2018 wurde die Anzahl der Städtepartnerschaften in Europa auf etwa 20.000 geschätzt, allein rund 2.200 davon sind deutsch-französische Partnerschaften.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die ersten Städtepartnerschaften geschlossen, mit dem Ziel, die Bürger einander näher zu bringen. Der Gedanke war, dass die Menschen sich und ihre Lebensweise kennenlernen sollten. Gegenseitiges Verständnis füreinander und private Beziehungen sollten dabei helfen, die Aussöhnung voranzutreiben und den Frieden in Zukunft zu wahren. Das meint auch Sarah Nick-Toma, die erste Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Ilvesheim-Chécy (PIC).

25 Jahre erfolgreiche Partnerschaft sind eigentlich ein Grund zur Freude, doch ein Umstand wirft seinen Schatten auf die geplanten Feierlichkeiten. Der PIC, in dem sich die Mitglieder ehrenamtlich engagieren, hat keinen regulären Vorstand mehr. Sarah Nick-Toma übernimmt die Leitung nur noch kommissarisch für insgesamt zwei Jahre, nachdem sich niemand bereit erklärte, für das Ehrenamt zu kandidieren. Falls sich nicht rechtzeitig ein Nachfolger findet, droht dem Verein sogar die Auflösung. Fehlt in Zeiten von Europaskeptikern, Brexit und aufstrebenden rechtspopulistischen Parteien der engagierte Nachwuchs?

Momentan zählt der PIC knapp 200 Mitglieder, Tendenz sinkend. Sarah Nick-Toma und Ilvesheims Bürgermeister Andreas Metz glauben aber nicht, dass ein mangelndes Interesse an Europa der Grund für die Probleme ist. Beide beobachten auch in anderen Vereinen strukturelle Schwierigkeiten bei der Nachwuchssuche. Sarah Nick-Toma vermutet die Ursache eher darin, dass die Menschen sich nicht mehr langfristig an einen Verein binden möchten, sondern sich lieber projektbezogen engagieren wollen.

Schüleraustausch als Lösung?

Ein Ausweg könnte die gezielte Beteiligung junger Menschen an der Städtepartnerschaft sein. In den letzten Jahren wurde ein Schüleraustausch mit dem im Nachbarort gelegenen Gymnasium organisiert. Die Schule wird von vielen Ilvesheimer Schülern besucht, da die Gemeinde selbst über keine weiterführende Schule verfügt. Doch ist das wirklich die Lösung?

Ursula Maßmann, die verantwortliche Lehrerin, erzählt von begeisterten Schülern, jährlich steigenden Anmeldezahlen und privaten Freundschaften, die so bereits entstanden sind. Für die Schule scheint der Austausch ein voller Erfolg zu sein. Im kommenden Jahr fahren 36 Schüler nach Chécy und auch auf französischer Seite berichtet die Koordinatorin von großem Interesse. Hier funktioniert der ursprüngliche Gedanke der Partnerschaften anscheinend vorbildlich.

Doch spiegelt sich die Begeisterung der Schüler auch in Engagement außerhalb des Austauschs wider? Sarah Nick-Toma verneint das. Trotz des Austauschs und weiteren Aktivitäten für junge Leute, trete fast niemand mehr in den Verein ein. Sie seien zwar gewillt, gezielt an einzelnen Veranstaltungen zu helfen, aber den Beitritt unterschreiben, das wollen nur noch wenige.

Bürgermeister Metz kann sich eine Partnerschaft ohne den Verein, rein auf der Verwaltungsebene nur schwer vorstellen. Natürlich sei die Unterstützung durch die Stadtverwaltung wichtig, aber sie könne das bürgerschaftliche Engagement nicht ersetzen. Die Grundessenz des Ganzen solle die Begegnung der Menschen sein und dazu brauche es eben auch Menschen.

Menschen gibt es aber nicht nur innerhalb von Vereinen. Die Begeisterung der Schüler und die wachsende Nachfrage an dem Austausch zeigen, dass sich die Jugendlichen für die Partnergemeinde interessieren. Sie sind neugierig auf die andere Kultur und das Zusammentreffen mit Gleichaltrigen. Damit ist der Grundgedanke der Städtepartnerschaft auch weiterhin vorhanden.

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die bewährte Art in Form eines Partnerschaftsvereins immer noch funktionieren würde, aber vielleicht ändern sich die Strukturen und man muss neue Wege finden, damit sich die Bürger auch in Zukunft beteiligen. Denn in der heutigen Zeit ist ein miteinander verbundenes Europa wichtiger denn je.