Die Deutsche Bahn leidet derzeit an einem Lokführermangel. | Bild: Cordula Friz

Reportagen Nachtschicht
Im Lokführer(t)raum

Die Deutsche Bahn leidet derzeit an einem Lokführermangel. | Bild: Cordula Friz

23 Jul 2019

Jeder möchte heutzutage schnell und einfach von A nach B kommen, doch immer wieder fallen Bahnen wegen Personalmangel aus. Benni fährt schon seit Jahren für die Deutsche Bahn und kennt die positiven sowie negativen Seiten des Berufes.

Cordula Marleen Friz

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2018
Crossmedia JournalismusFotografieKulturModeration

Zum Autorenprofil

22:53 Uhr am Bahnsteig Winterbach. Aus den Gärten hinter dem S-Bahnhof ist lautes Gelächter zu hören. „Heute wird bestimmt viel los sein, morgen ist ja Feiertag“, meint Benni. Plötzlich rennt ein junger Mann über die Gleise. „Sowas ist brutal gefährlich“, ärgert sich Benni. Sein Blick schweift auf die Uhr. Kurz darauf: Einfahrt S2 Richtung Filderstadt.

Während seine Frau und sein Kind bereits schlafen, tritt Benni seine Nachtschicht als Lokführer an. Der 37-Jährige arbeitet seit über 20 Jahren bei der Deutschen Bahn. Er läuft entlang des Gleises bis nach vorne zum Lokführerraum und steigt zu seinem Kollegen hinzu. Die beiden scheinen sich gut zu kennen. „Next Station: Main Station“, ertönt es aus den Lautsprechern der Bahn. „Früher mussten wir das immer selbst sagen, heute erkennt das GPS der Bahn, wo wir uns befinden, und die Durchsagen kommen von allein“, erklärt Benni während er in den Hauptbahnhof Stuttgart einfährt. Für seinen Kollegen endet die Schicht hier und seine beginnt. Er nimmt auf dem Lokführersitz Platz, während sein Blick auf die rechte Anzeige des Führerstands fällt: Die Bahn hat momentan fünf Minuten Verspätung.

Ab Hauptbahnhof bis zur Universität folgt eine Tunnelfahrt. Viele Studenten fahren tagtäglich diese Strecke zur Hochschule, doch von hier vorne sieht alles ganz anders aus. Die Fahrt im Lokführerraum bei Nacht erinnert an eine dunkle Rutsche in einem Vergnügungsbad. Viele bunte Lichter schmücken die Strecke, und das Ende des Tunnels ist nicht zu sehen. „Durch den langen Bremsweg des Zuges sind Ampeln immer vorsignalisiert“, erklärt Benni. „Wenn eine rote Ampel kommt, könnte ich nicht sofort halten, deshalb werden meine Stopps immer mit vorherigen Signalen farblich angekündigt.“

Sicherheitssystem der Deutschen Bahn

23:38 Uhr, Stuttgart Universität. Bevor Benni nach dem Halt weiterfährt, steht er von seinem Fahrersessel auf und wirft mit seinen dunklen Augen einen routinierten Kontrollblick aus dem Fenster. Alle Türen sind geschlossen, die Fahrt kann weiter gehen. Benni sieht trotz später Uhrzeit gut gelaunt und wachsam aus. Mit der einen Hand befindet er sich stets am Gashebel. Während er die Bahn steuert, drückt Benni immer wieder auf ein Pedal. Dabei ertönt ein Klacken. „Das ist die Sifa“, erklärt er lächelnd, als würde er eine Person vorstellen. „Die Sicherheitsfahrschaltung muss ich alle paar Sekunden erneut drücken, falls ich zum Beispiel in Ohnmacht fallen würde.“ Benni wartet einen Augenblick, daraufhin leuchtet das Sifa-Zeichen sofort auf seinem Führerstand auf. Einen Moment später kommt ein Piepsen hinzu. „Nach dem akustischen Signal wird der Zug sofort gestoppt“, meint Benni. Jetzt muss er wieder Gas geben. „Viele sagen, dass das automatische Drücken eine Berufskrankheit ist. Die Lokführer drücken auch, wenn sie im Restaurant sitzen alle paar Sekunden“, lacht er.

In Deutschland ist die sogenannte Zeit-Zeit-Sifa gebräuchlich. Dabei hält der Lokführer ein Pedal oder einen Taster gedrückt. Der Druck muss mindestens alle 30 Sekunden kurz unterbrochen werden, damit die Sicherheitsfahrschaltung die Bestätigung erhält, dass der Lokführer noch reaktionsfähig ist.

Benni an seinem Führerstand Benni an seinem Führerstand. | Bild: Cordula Friz

23:58 Uhr, Endstation Filderstadt. Keine Zeit für Benni um sich zu entspannen: „Wir haben hier nicht so viel Zeit“, meint er. Um 00:04 Uhr muss er die S2 zurück nach Schorndorf fahren. Er zieht seinen Schlüssel ab, schaltet den Führerraum aus und steigt mit einem großen Schritt hinab auf den Bahnsteig. Schnell geht er zur anderen Vorderseite des Zuges. Benni steckt seinen Schlüssel ein und startet die Bahn Richtung Filderstadt. Im Abteil hinter dem Lokführerraum herrscht scheinbar eine gute Stimmung, denn das Gelächter der Jugendlichen ist nicht zu überhören. „Normalerweise ist unter der Woche nicht so viel los, aber morgen ist Feiertag und Pfingstferien sind ja diese Woche auch noch“, sagt Benni.

Gefahr im Hinterkopf

Seit Jahren fallen in Deutschland immer wieder Züge aus, da Lokführer fehlen. Um die Hürden für Interessenten zu senken, müssen Bewerber kein schriftliches Anschreiben mehr einreichen. „Die Arbeitszeiten, also die wechselnden Schichten schrecken bestimmt viele ab: Mal früh, mal spät, mal nachts. Auch Wochenendschichten und das Arbeiten an Feiertagen gehört zum Beruf“, sagt Benni. Eigentlich habe er eine 39-Stunden Woche, aber das ist ziemlich unterschiedlich. Manchmal gehen seine Schichten zwölf Stunden, andere wiederum nur sechseinhalb. „Außerdem kann der Beruf sehr nervenaufreibend sein“, lacht Benni. Sein Lachen klingt gekünstelt.

Ein Lokführer trägt ein hohes Risiko, in seiner Berufslaufbahn in einen Bahnsuizid verwickelt zu werden. Nach Angaben der Deutschen Bahn überfährt ein Triebfahrzeugführer in seinem Berufsleben durchschnittlich zwei bis drei Menschen. „Ich habe den Durchschnitt schon überschritten. Ich hatte jetzt schon vier.“ Die Geschwindigkeit seiner Stimme verlangsamt sich. „Aber es gibt auch Kollegen, die fahren schon seit 30 Jahren und haben noch keinen Unfall oder Suizid erlebt.“ Benni atmet kurz auf. „Ja, da ist man halt zur falschen Zeit am falschen Ort“, ergänzt er. Über das Thema redet er offen und abgehärtet. Die Deutsche Bahn umschreibt den Tod eines Menschen auf Schienen mit den Worten "Personenschaden“ oder „Personenunfall“. Die Begriffe klingen nüchtern. Ein Lokführer weiß, wie viel Leid sich hinter diesen Worten versteckt: Benni war schon mehrmals für längere Zeit krankgeschrieben und in psychologischer Betreuung. Die Bahn hält an. Benni läuft wieder ans Fenster und macht seinen Kontrollblick zu den Türen der S-Bahn. Dann gibt er wieder Gas.

„Du kannst das betriebliche Vorgehen, dass man beispielsweise den Notruf absetzen muss, üben, aber auf die Situation an sich ist man nie vorbereitet“, ist sich Benni sicher. Viele seiner Kollegen fahren nach einem Bahnsuizid oder Unfall nie wieder. „Ich hatte Ende Januar wieder einen Vorfall, da habe ich mir das erste Mal überlegt, ob ich meinen Job noch weitermachen will.“ Benni wartet einen Moment und atmet auf, bevor er wieder spricht. „Eigentlich mache ich es ja trotz allem gerne. Und natürlich muss ich meine Familie ernähren und Geld verdienen“, sagt er in einem ernsten Ton. Ein Moment lang herrscht Stille, nur das Klick-Geräusch des Sicherheits-Pedals und der Fahrtwind sind zu hören. „Man hat schon auch Schuldgefühle, das nimmt einen schon mit“, erzählt Benni weiter. „In meiner Familie gab es auch einen Suizidfall.“ Er lacht kurz auf, aber sein Lächeln verschwindet sofort wieder von seinen Lippen. „Wenn man selbst das Leid einmal als Angehöriger mitgekriegt hat, macht man sich bei den Fällen auch seine Gedanken.“ Bennis Ziel ist es, so früh wie möglich in Rente zu gehen. „Ich möchte dann die Zeit genießen, aber das würde ich generell in jedem Job so machen“, meint er fröhlich.

„Die Zeit ist das Wichtigste, was man hat.“ – Benni

Werdegang eines Lokführers

Um 00:24 Uhr erreicht Benni erneut die Universitäts-Haltestelle. Eine Truppe Jugendlicher steigt ein. Einer von ihnen hält eine Weinflasche in der Hand. Das Gelächter der Freundesclique aus dem Abteil hinter dem Lokführerraum schallt bis nach vorne. Fast so, als wären sie direkt mit im Raum. Trotzdem mag er Nachtschichten ganz gern: „Nachts ist eigentlich alles ein bisschen ruhiger“, erzählt er mit seiner lockeren Stimme. Tagsüber in der Hauptverkehrszeit ist es stressiger.“ Dennoch sei der Beruf des Lokführers nicht sein Traumjob gewesen. Er habe nach der Schule nicht genau gewusst, was er beruflich machen soll. „Ein Freund von mir hat ein Jahr früher die Realschule beendet und bei der Bahn eine EnergieelektronikLehre gemacht, denn früher musste man erst einen technischen Beruf lernen, bis man den Lokführer machen darf.“ Daher hat Benni bei der Bahn zuerst einen technischen Beruf erlernt und erst nach seiner Ausbildung zum Industriemechaniker ein Jahr die Weiterbildung zum Lokführer absolviert. „Ich bin glücklich mit meinem Leben, aber das hat nichts mit meinem Beruf zu tun“, erzählt er zufrieden. „Klar, man sollte schon zufrieden sein in seinem Beruf, aber man muss sein Glück nicht im Beruf suchen“, meint Benni.

Um Lokführer zu werden, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Für eine klassische dreijährige Ausbildung zum „Eisenbahner im Betriebsdienst – Fachrichtung Lokführer und Transport“ benötigt man mindestens den Hauptschulabschluss. Aber auch einen Quereinstieg bietet die Deutsche Bahn an, um unter anderem den Mangel an Fachkräften zu beheben. Die Ausbildung dauert zehn Monate und eine vorherige abgeschlossene Berufsausbildung, möglichst technischer Richtung, sollte vorhanden sein.

Durch die offenen Fenster saust der Wind an Benni vorbei. Plötzlich zieht ein Schauspiel aus Blitz und Donner am Himmel auf. „Das hat schon was, das würde ich im Büro nicht sehen.“ Benni lächelt. Der Fahrtwind wird immer leiser, als Benni die Bahn zum nächsten Halt abbremst. Der 37-Jährige sitzt nicht immer in der Bahn, sondern kümmert sich auch um die Störbereitschaft in Plochingen. „Ich war die letzten vier Wochen im Büro und bin jetzt auch mal wieder froh, zu fahren“, sagt Benni. „Ich war noch nie so der Büro-Typ und bin dann mal ganz froh, eine Katze am Bahnsteig zu sehen.“ Sein Blick wandert zu einer Katze auf der rechten Seite des S-Bahnhofs. „Was ich mag und mir im Büro fehlt, ist, dass ich draußen sein kann und immer unterwegs bin.“

„Mein Job ist sehr, sehr selten langweilig.“ – Benni
Bahnhof Schorndorf Bevor Benni die S-Bahn abstellen kann, sucht er die Abteile nach eingeschlafenen Passagieren ab. | Bild: Cordula Friz

Endstation

„Fahrgäste bitte alle aussteigen“, ertönt es aus den Lautsprechern der S-Bahn. Um 01:10 Uhr kommt die Bahn pünktlich in Schorndorf an. Die Fahrten im Lokführerraum vergingen wie im Flug. Hier hat Benni Pause, bevor er die nächste Bahn um 02:10 Uhr übernimmt und seinen Kollegen ablöst. „Unsere Bahn wird für heute abgestellt“, sagt Benni. Wieder zieht er die Schlüssel und schaltet den Führerraum aus. Am Bahnhof ist nicht sehr viel los, nur ein paar Jugendliche befinden sich mit Bierflaschen am Bahnhof. Benni passiert es immer wieder, dass er während seiner Schichten angepöbelt wird: „Oft sind das die, die im Zug liegen bleiben“, lacht er. „Die können auch mal handgreiflich werden. Im schlimmsten Fall rufe ich dann die Polizei, aber das ist relativ selten“, meint er. Benni öffnet die erste Passagier-Türe der S-Bahn. Er tritt in ein stilles Abteil, in dem man sogar eine Nadel fallen hören würde. Mit zügigen Schritten läuft Benni die Gänge der Bahn entlang, um sicherzustellen, dass sich keine Fahrgäste mehr im Zug befinden. Erst danach kann er die Bahn vom Bahnsteig wegfahren und abstellen. Im ersten Abteil befindet sich eine junge Frau im Teenager-Alter, welche mit ihrem Kopf am Fenster schläft. Benni stellt sich neben sie und setzt mit einem lauten Ton an: „Endstation, bitte aussteigen.“ Verschlafen fährt das Mädchen hoch und steigt aus. Im zweiten S-Bahn-Abteil schaltet Benni das Licht der Bahn aus. Jetzt ist es in der Bahn nicht nur vollkommen ruhig, sondern auch stockdunkel. Lediglich das Licht des Bahnhofs fällt durch die Fenster in die Flure der Bahn. So können die Leute am Bahnsteig erkennen, dass diese Bahn abgestellt wird. Die Schritte von Benni sind zielstrebig und schnell. Im nächsten Abteil findet Benni noch einen schlafenden Passagier. „Hey, Endstation! Aussteigen“, sagt Benni mit lauter Stimme. Ein großer, schmaler Mann fährt mit lauter Stimme hoch: „Du hast mich zu Tode erschreckt“, erwidert er, bevor er die Bahn verlässt. „2 Leute sind noch okay, oftmals sind es mehr“, erklärt Benni mit lockerer Stimme. Dann steigt er aus der dunklen Bahn und begibt sich zum Führerraum der anderen Fahrtrichtung, um die Bahn auf ein anderes Gleis abzustellen. Erst jetzt hat Benni Pause.

Pausenraum Schorndorf An jeder Endstation befindet sich ein Pausenraum für die Lokführer. | Bild: Cordula Friz

In Schorndorf gibt es einen kleinen Pausenraum für die Lokführer. Dort befinden sich Toiletten sowie einen Automaten, in dem man sich Kaffee, Tee oder Suppen herauslassen kann. Daneben steht ein Tisch, zwei Stühle und eine kleine Sofa-Ecke. Der Raum erinnert an einen Aufenthaltsraum in einer Schule. Das Ticken der Wanduhr füllt die kleine Stube. „Nächste Woche bin ich im Büro und dann habe ich Urlaub, ich freue mich schon“, sagt Benni mit einem großen Strahlen im Gesicht. Dabei lässt er sich einen Kaffee aus dem Automaten, um sich bis zum Schichtende um 07:30 Uhr wach zu halten. In dieser Nacht wird Benni Schorndorf nochmal besuchen. Die nächste Bahn fährt er nach Filderstadt und wieder zurück. Dann wird er sie erneut in Schorndorf abstellen und eingeschlafene Passagiere aus deren Traum wecken. Nach einer Pause fährt er dann ein weiteres Mal zum Hauptbahnhof. Dort wird Benni abgelöst und bis er daheim ist, wird seine Familie schon wach sein.