Die Entscheidung fällt schwer, wenn die Eltern getrennte Wege gehen. | Bild: Franziska Anson

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Zur Mutter oder zum Vater?

Die Entscheidung fällt schwer, wenn die Eltern getrennte Wege gehen. | Bild: Franziska Anson

02 Jul 2019

Wo möchte ich in Zukunft leben? In der Regel wohnen Kinder nach einer Trennung bei ihrer Mutter. Ein veraltetes Familienbild oder gibt es andere Gründe?

Türenknallen und Anschuldigungen. Flüche und Geschrei. Das war bei Josefine nicht anders, als sich ihre Eltern trennten. Damals war sie 16 und hatte die Scheidung kommen sehen. Es war eine Erleichterung für sie, endlich klare Verhältnisse zu haben. „Zuerst konnte ich mich nicht wirklich mit der Vorstellung anfreunden, dass mein Vater ausziehen würde. Ich hatte das Gefühl, dass damit meine Familie zerbrechen würde“, erinnert sie sich.

Josefine in ihrem Zimmer bei ihrer Mutter. Josefine erinnert sich an die Trennungszeit ihrer Eltern. | Bild: Franziska Anson

Doch die meisten Kinder, deren Eltern sich scheiden lassen, sind jünger. Ihnen wird die Entscheidung, bei welchem Elternteil sie zukünftig leben möchten, abgenommen. In vielen Fällen bedeutet das, bei der Mutter zu leben. Wie Pädagogin Annika Matthias vom Kinderschutzbund in Stuttgart erzählt, liege dies nicht unbedingt an einer engeren Bindung, sondern an den gegebenen Lebensumständen: Häufig arbeiten Väter in Vollzeit, während die Mutter weniger arbeitet, um das Kind zu betreuen.

Auch für Josefine war die Frage nach dem zukünftigen Wohnort schnell geklärt: Bei ihrer Mutter in der Nähe ihrer Schule und Freunde wollte sie bleiben. Es gab jedoch weitere Gründe, die sie zu dieser Entscheidung bewogen. Das Verhältnis zu ihrer Mutter sei entspannter und enger als das zu ihrem Vater. Einen Teil der Schuld daran gibt sie der Trennung – sie habe eine Kluft zwischen Vater und Tochter geschaffen. Mit der emotionalen Distanz kommt meist auch eine physische. Selbst wenn das Kind an seinem Wohnort bleibt, muss es sich auf eine neue Umgebung beim Besuch des anderen Elternteils einstellen. Dort kennt das Kind oft niemanden und hat nicht die Möglichkeit, sich mit Freunden zu treffen. Dieses Problem betrifft Josefine nicht, da ihre Eltern immer noch nah beieinander wohnen und sie dank öffentlichen Verkehrsmitteln recht unabhängig ist. Dies ist jedoch nicht bei allen Scheidungskindern der Fall. Regionale Unterschiede gibt es nicht nur bei der Mobilität, sondern auch bei der Anzahl der Alleinerziehenden.  

Geographische Unterschiede

Denn nicht in jedem Bundesland und jeder Stadt gibt es gleich viele alleinerziehende Eltern. Besonders in Städten gibt es mehr Kinder, die mit getrennten Eltern aufwachsen und auch im Osten Deutschlands gibt es mehr Scheidungskinder als hier in Stuttgart. Klaus Pötzsch vom Statistischen Bundesamt schreibt dies den unterschiedlichen Mentalitäten zu: Das Erbe der DDR sei bis heute spürbar. Dort wäre es durch den geringeren Einfluss der Kirche kein Problem gewesen, ein Kind allein großzuziehen. Josefine wohnt in Hessen – einem Bundesland mit verhältnismäßig wenigen Kindern aus getrennten Familien. Trotzdem ist sie als Scheidungskind kein Einzelfall.

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Besonders im Osten Deutschlands gibt es mehr Alleinerziehende. | Bild: Franziska Anson

Insbesondere das Alter eines Kindes spielt bei einer Scheidung eine große Rolle. Laut dem Familienhandbuch, einem Ratgeber für Eltern, tendieren Kinder im Alter von circa drei bis sechs Jahren dazu, die Schuld bei sich zu suchen, während sie im Grundschulalter verstehen, dass es nun eine Art Loyalitätskonflikt gibt. Erst ab ungefähr zehn Jahren sind Kinder in der Lage, die Scheidung allgemeiner und von sich selbst losgelöst zu betrachten – sie verstehen, dass sie nicht der Grund für die Trennung der Eltern sind. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Kinder ab zehn Jahren eine Scheidung einfach hinnehmen und damit keine emotionalen Probleme haben.

Je älter die Kinder, desto leichter kommen sie mit einer Scheidung klar?

So lautet ein häufiges Klischee, das keineswegs der Wahrheit entspricht, wie Annika Matthias erklärt. Das Teenageralter, eine Zeit des Umbruchs, bringe genug Veränderungen mit sich. Umso wichtiger sei es für Teenager ein stabiles Umfeld zu haben. Auch Josefine geht seit der Scheidung anders mit Problemsituationen um als zuvor: Sie hat gelernt, sich selbst mit ihnen auseinanderzusetzen, da ihre Eltern oft mit den eigenen Problemen beschäftigt waren. Damit ist sie ein typisches Scheidungskind, bestätigt Annika Matthias: Oftmals verschlechtern sich die Noten der Kinder bis sich die Verhältnisse wieder normalisiert haben. Manche Kinder fallen in diesem Zeitraum negativ auf, während andere versuchen, so wenig wie möglich aufzufallen und ihren Eltern nicht weitere Probleme zu bereiten. Doch eines haben sie fast alle gemeinsam: Keiner möchte aus seinem gewohnten Umfeld gerissen werden. Um die eigene Lebenssituation so wenig wie möglich zu verändern, bleiben sie bei ihrer Mutter.

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In Deutschland sind alleinerziehende Mütter wesentlich häufiger vertreten als alleinerziehende Väter. | Bild: Franziska Anson

Ein Blick in die Vergangenheit

Die Zahl der Kinder, die entweder bei Mutter oder Vater aufwachsen hat in den letzten 50 Jahren drastisch zugenommen. Zu den offiziellen Zahlen kommen noch die Kinder hinzu, deren Eltern nicht geheiratet haben und nicht in diese Statistik fallen, allerdings in der gleichen Situation sind. Im Jahr 2016 gab es laut Statistischem Bundesamt 81.900 geschiedene Ehen mit minderjährigen Kindern in Deutschland. Diese Zahl hat sich seit 1960 knapp verdoppelt. Es handelt sich um ein Problem, welches immer häufiger auftritt und viele Kinder und Heranwachsende betrifft. In Zukunft benötigt es mehr Einrichtungen, die sich mit dem Thema der Scheidung beschäftigen und es einem Kind ermöglichen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Frau Matthias betont, dass es unterstützende Instanzen wie den Kinderschutzbund leider viel zu wenig gebe und die Jugendämter sich vor allem auf Hochkonfliktfälle fokussierten. Denn auch, wenn es sich nicht um einen solchen handelt: Es tue gut darüber sprechen zu können, bestätigt Josefine. Nicht nur mit Freunden, sondern mit Jugendlichen, welche sich in derselben Position befinden.

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Es gibt immer mehr Kinder, die bei alleinerziehenden Eltern aufwachsen. | Bild: Franziska Anson