Eine Schallplatte hat eine Ästhetik, bei welcher die CD als jüngerer Bruder, nicht mithalten kann. | Bild: Franziska Anson

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Kreisrunde Klassiker

Eine Schallplatte hat eine Ästhetik, bei welcher die CD als jüngerer Bruder, nicht mithalten kann. | Bild: Franziska Anson

20 May 2019

Zartes Knistern. Alle 20 Minuten die Seite wechseln. Platten sind nicht komfortabel, trotzdem werden sie bis heute genutzt. Warum? Der Verkäufer Axel Zurek erzählt von der Liebe zum Detail, dem Trend zu den schwarzen Scheiben und warum diese die CD schlagen. 

Man öffnet die Tür und betritt eine andere Welt. Manch einer hebt den Kopf, doch die meisten bleiben vertieft in die Box, in der sie gerade stöbern. Die Zeit scheint still zu stehen, niemand muss sich hetzen und im Hintergrund hört man das leise Rauschen einer Platte vermischt mit einzelnen Gesprächsfetzen. Alles klingt leicht gedämpft, die Hauptstraße von nebenan verschwindet aus dem Ohr und auch aus den Gedanken, während man durch die Reihen läuft. Beim Vorbeischieben an anderen Leuten stellt sich die Frage: Warum existieren Geschäfte dieser Art bis heute, obwohl sie bereits durch CDs und später durch Downloads und Streamingdienste abgelöst wurden? Trends gibt es immer und seit ein paar Jahren sind Platten wieder in Mode. Laut dem Marktforscher BuzzAngle wurden im Jahr 2018 in Amerika knapp zwölf Prozent mehr Vinylplatten verkauft als im Jahr zuvor.

Laut Axel Zurek, Besitzer eines Second-Hand-Plattenladens namens „Plattenbau“ in Stuttgart, liegt es an der Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft: Wir sehnen uns wieder nach etwas, das unseren Fokus erfordert und nicht nur im Hintergrund mitläuft.

Der bewusste Konsum durch den Kauf einer Platte sei eine Form des Minimalismus – die Reaktion auf die Überforderung, die manch einer verspüre beim Anblick von Millionen von Songs, aus welchen er wählen solle.

„Liebhaberei, Hobby, Liebe zum Detail“

Wie vielfältig die Vinylliebhaber sind, zeigt sich beim Betreten des „Plattenbau“: Von Jugendlichen zu Senioren, von ausländischen Studenten zu lokalen DJs. Auch die Genre könnten nicht unterschiedlicher sein: Von R’n’B, Rap und Hip-Hop zu Rock, Metal und Pop ist alles vertreten. Aber warum suchen all diese Menschen Tonträger aus einer anderen Zeit? Denn eines ist klar: Es handelt sich um ein Medium, welches in der heutigen Zeit nicht ausschließlich genutzt werden kann. In der U-Bahn oder beim Joggen greift man zurück auf den kleinen MP3-Player oder das Handy. Doch diesen Medien fehlt das besondere Retro-Gefühl. Bei den runden Klassikern handelt es sich um ein Hobby. Denn das Haptische hat einen Charme, den Streamingdienste wie Spotify nicht leisten können. Die Vertiefungen in der Scheibe, das große Cover, die Texte auf der Rückseite oder der Innersleeve verzaubern Menschen auf eine Art, die weder die CD leisten kann, noch das Internet.

Als Innersleeve bezeichnet man die Hülle, in welcher eine Schallplatte steckt, um sie zusätzlich vor Kratzern, Hitze oder Staub zu schützen. Meist besteht das Innersleeve (auch Inlay genannt) aus Papier und ist weiß, in manchen Fällen ist es allerdings vom Label bedruckt und zeigt weitere Angebote. 

Doch wer sich fragt, ob der Onkel vor 30 Jahren genauso in einem Laden stand, wie manch einer heute, sollte wissen: Heute sind Plattenläden anders organisiert. Da es sich um einen Nischenmarkt handelt, wird nicht mehr nach Charts sortiert, sondern nach Genre. Im 21. Jahrhundert ist es nicht mehr nötig, eine Scheibe zu kaufen, um einen Hit jederzeit hören zu können, ein Klick auf YouTube genügt. Dennoch ist sich Axel Zurek sicher, dass es Plattenkäufer immer geben wird.

Der „International Record Store Day“ (RSD) ist der Tag unabhängiger Plattenläden und findet einmal jährlich statt. 2008 wurde er in Amerika eingeführt und erfreut sich auch in Europa wachsender Popularität. Hierbei sollen vor allem lokale Musikgeschäfte unterstützt werden, um digitalen Käufen entgegenzuwirken und die Beratung vor Ort hervorzuheben. 

Beim „International Record Store Day“ sieht der Verkäufer allerdings eine Bedrohung: Besondere und limitierte Editionen verkommen zu sehr zu Geldanlagen und Renditen. Der Fokus verschiebt sich von der Liebhaberei zu einer Spekulation, die vor allem auf Plattformen wie eBay stattfindet. Der große Unterschied zwischen einem altmodischen Laden und einer Auktion liegt nicht nur darin, dass jeder für sich bleibt, sondern auch im Entdecken. Denn davon lebt die Vinylliebhaberei: Das Stöbern und Finden eines neuen Albums, einer fremden Band – die Offenheit gegenüber dem Unbekanntem. Was bewegt Menschen überhaupt, sich diesem Medium erneut zuzuwenden? Vor allem junge Bands, welche ihre Alben nun wieder auf Vinyl veröffentlichen, steigern die Popularität. Zugleich sind diese auch auf Spotify zugänglich. Ein duales System, das in Zukunft vielleicht mehr junge Menschen verzaubert.

Im Gespräch mit einigen Liebhabern stellt sich allerdings heraus, dass es nicht das Zusammenkommen ist, was die Menschen bewegt, einen Plattenladen zu besuchen. Vielmehr sind es die Erinnerungen, die uns zu diesem Retro-Trend bewegen: Der geliebte Opa, mit dem man vor dem Plattenspieler saß und Geschichten gehört hat, die Erinnerung an die Jugend, als dieses Medium noch die gängigste Form der Musikdistribution war. So ist es nicht die Verbindung zu anderen Vinylliebhabern, die gesucht wird, sondern die Nähe zu den geliebten, eventuell bereits verstorbenen Menschen aus dem eigenen Leben. Nostalgie heißt das Stichwort, das uns bewegt, die kreisrunden Klassiker mit ihrem typischen Knistern und Knacken bis heute zu lieben.

Elli (25) verbindet die Liebe zu Vinylplatten mit ihrem Opa, der sie schon als Kind mit zu diversen Plattenbörsen nahm. | Bild: Franziska Anson
Vergessen oder geliebt? Manch einer kennt die Platte heutzutage nur noch von Bildern. | Bild: Franziska Anson
Diana (26) wäre am liebsten in einer anderen Zeit geboren. | Bild: Franziska Anson
In einem Schallplatten findest du alles: Von Funk zu Pop über Rock und Metal bis zu Schlager. | Bild: Franziska Anson
Lina (23) sieht Spotify einfach als die günstigste und praktischste Methode, immer und überall auf ihre Musik zugreifen zu können. | Bild: Franziska Anson