Im Moshpit lässt man seinen Gefühlen freien lauf | Bild: Andy Ford

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„Open up this pit!“

Im Moshpit lässt man seinen Gefühlen freien lauf | Bild: Andy Ford

31 Jan 2019

Sobald der erste verzerrte Ton aus den Gitarren erklingt, herrscht Anarchie. Auf einem Beatdown-Konzert gehören fliegende Fäuste und Tritte einfach dazu. Wie lassen sich körperliche Gewalt, Spaß und Musik vereinen?

In den 70er-Jahren entstand der Punkrock, aus dem sich der Hardcore entwickelte. Im Laufe der Zeit brachten immer mehr aufkommende Bands Einflüsse aus dem Heavy-Metal mit ein und formten bis heute eine Vielzahl an unterschiedlichen Subgenres. Beatdown trat dabei Anfang der 2000er hervor. Bekannt ist das Genre durch seine harten Moshpits.

Wie kann eine Beatdown-Show aussehen?

Nico Thom befasst sich an der Musikhochschule in Lübeck unter anderem mit populärer Musik. Das Tanzen im Punk, beziehungsweise Hardcore, hat eine ebenso weitreichende Tradition und Historie aufzuweisen wie das Genre selbst: „Am Anfang ist man nur auf- und abgesprungen, was dann zunahm, bis die einen oder anderen umfielen. Später wurden dann die Arme ausgebreitet und man begann Windmühlen zu drehen. Die Hemmschwelle sank immer mehr und ist mittlerweile an einen kritischen Punkt angekommen, wo in Kauf genommen wird, dass man sich oder andere verletzt.“

Auch Lennys Reizschwelle sank mit der Zeit. Anfangs hörte er massentauglicheren Metal. Sein Musikgeschmack driftete dann mit der Zeit in immer härtere Subgenres ab. „Je härter, tiefer und langsamer die Mukke, desto krasser. Die Musik macht mich aggressiv, aber sie macht Spaß!“, sagt der 20-jährige. Zusammen mit drei Freunden gründete er 2014 in einer Kleinstadt bei Landsberg die „164 Beatdown Crew“. In der Szene organisieren und besuchen sie Konzerte und promoten Bands aus den härteren Genres. Auf Beatdown-Shows gebe es laut Lenny so gut wie keine Regeln: „Manchmal kommt man an einen bestimmten Punkt, an dem es schnell unlustig wird. Klar, Springerstiefel oder Nietenarmbänder sind für mich tabu, aber wenn du auf eine Beatdown-Show gehst, musst du damit rechnen zu kassieren.“

Das Phänomen des „Moshens“, also des um sich schlagens in einem Moshpit, beschreibt Nico Thom damit, dass besonders harte Formen des Metals den Hörer gewissermaßen unter Stress setzen können. Der Herzschlag beschleunige sich, wodurch der Puls in die Höhe steige. „Dadurch entsteht ein starker Bewegungsdrang, wodurch man eben dazu neigen kann, sich adäquat bewegen zu müssen.“, fügt er hinzu. Die einen würden sich diesem Drang beugen, in Form des „Moshens“. Anderen reiche es vollkommen aus, von außen, also rein visuell, daran teilhaben zu können.

Lenny hat noch nie eine „richtige“ Schlägerei auf einer Show erlebt. | Bild: Marcel Posa

Vergleichbar mit Straßenrap strotzen viele Lyrics der Genre-Bands vor Gewalt, Menschenhass, oder Frauenfeindlichkeit. Lenny betitelt sein Lieblingsgenre selbst als „asozial und gestört“. Dass sich Beatdown auf dem ersten Blick eher negativ präsentiert, macht es jedoch für Nico Thom gerade so interessant: „Im Grund wird das alles gespielt. Die Leute meinen es nicht ernst, wenn sie abwertend über Frauen reden oder irgendwen zusammentreten wollen. Die Künstler gehen spielerisch mit diesen Reizen und Provokationen um und kommt es dann darauf an, vertreten diese in Interviews einen klaren, offenen Standpunkt.“ Die Werte und Traditionen des klassischen Hardcores, wie beispielsweise der respektvolle Umgang mit seinen Mitmenschen, seien schon immer fest im Genre verankert, fügt der Musikwissenschaftler hinzu.

Auch für Lenny ist Kunst von der Realität strikt zu trennen. Man müsse darauf klarkommen, dass die Welt nicht so aussehe wie sie in den Texten beschrieben wird: „Wenn der Typ da auf der Bühne ins Mikro schreit, er würde auf Frauen scheißen, dann geht der am Abend trotzdem gerne nach Hause und bekocht seine Frau.“

Lennys Gefühle mit und über Beatdown sind eher negativ belastet. Trotz allem bewegt er sich gerne in der Szene: „Ja, dieses Rumgestresse kotzt mich schon an. Aber würde es das alles in dieser Form nicht geben, wäre es vielleicht auch gar nicht mehr interessant.“ Durch Beatdown und seiner Crew sei er ruhiger geworden und habe angefangen, sich im Leben mehr Mühe zu geben. Für Lenny ist es trotz allem „die abgefuckteste Szene“, die er kenne.