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Das Landei in seiner Ursprungsform. | Bild: Diana Mühlberger

Blickwinkel Leben in Stuttgart
Landei im Großstadtdschungel

Das Landei in seiner Ursprungsform. | Bild: Diana Mühlberger

15 Apr 2020

Laut Statista wohnen 77 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands in einer Stadt. Aber was ist mit dem Rest, der auf dem Land wohnt? Wie schlagen sie sich durch den Großstadtdschungel, wenn es auf einmal nötig ist?

Franziska Anson

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2018
MusikKulturGesellschaft

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“Es ziehen ja eh alle in die Stadt.” sagte mein Vater schulterzuckend, als ich letztes Jahr für mein Studium nach Stuttgart zog. Und die Nachrichten geben ihm Recht: Die Verstädterung nimmt immer weiter zu. Mehr und mehr Menschen ziehen vom Land in die Stadt. Ich bin eine dieser Personen, 19 Jahre habe ich in einem kleinen hessischen Dorf gewohnt und wohne jetzt in einer Großstadt mit mehr als 600 000 Einwohnern. Da sind schon mal einige Dinge anders als in einem Tausend-Seelen-Dorf: Bei uns gibt es genau eine Art des öffentlichen Transportmittels für den Alltag und das ist der Bus, der einen jeden Tag in die Schule bringt. Den Busfahrer kennt man also zwölf Jahre lang, weiß, dass er mit der anderen Busfahrerin verheiratet ist und die beiden nebenbei noch einen Imbiss im nächsten Dorf betreiben. Meinen S-Bahn-Fahrer hier in Stuttgart habe ich leider noch nie getroffen.

Allein an der Unterscheidung zwischen U-Bahn und S-Bahn scheiterte es bei mir. Warum fahren denn die S-Bahnen sowohl ober- als auch unterirdisch? Und die U-Bahn heißt hier in Stuttgart auch noch Stadtbahn und fährt nur auf überirdischen Schienen! Hä? Das Chaos war also perfekt als ich in der ersten Woche versuchte, meinen Weg durch den Großstadtdschungel zu finden.

Jetzt will man sich aber natürlich auch nicht die Blöße geben und das in irgendeiner Weise zugeben, denn die anderen kriegen das auch ohne Probleme hin und man ist ja schließlich weltgewandt. Bei meiner ersten Fahrt mit der U-Bahn bin ich tatsächlich eine Station zu weit gefahren. Und zwar nicht, weil ich es einfach verpasst hätte, auszusteigen. Ich stand an der Tür und habe ganz einfach nicht den Knopf zum Öffnen gefunden. Also habe ich bis zur nächsten Haltestelle diesen doofen Halteknopf gesucht. Unauffällig versteht sich, es muss ja keiner wissen, dass man eigentlich eben schon aussteigen wollte. Der ist aber auch wahnsinnig versteckt, wenn man direkt vor der Tür steht und ihn irgendwo daneben erwartet! An der nächsten Station bin ich dann ausgestiegen und habe geguckt, dass keiner merkt, wie ich mich direkt an die Haltestelle auf der anderen Seite stelle und wieder zurückfahre.

Und dann gibt es noch diese ganzen ungeschriebenen Regeln, die (fast) alle befolgen, die aber nirgendwo erwähnt werden. Ich habe beispielsweise den großen Fehler begangen, mich in einer Viererkonstellation nicht schräg gegenüber der anderen Person zu setzen, sondern direkt neben den anderen Studenten. Welch Fauxpas! Ein irritierter Blick und ich wusste nicht mal, warum er denn jetzt so komisch guckte! Ich wollte schlicht und einfach nicht rückwärtsfahren, weil mir davon schlecht wird.

Mittlerweile weiß ich es besser und sitze schräg gegenüber einer älteren Frau während ich mich frage, ob ich meinen S-Bahn-Fahrer auch einmal kennenlernen werde. Hat der eigentlich auch eine S-Bahn-Fahrerin geheiratet?