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Um Narben zu verdecken, können sie mit Tattoos überstochen werden. | Bild: ilovetattoos

Archiv Tattoos gegen Gewalt
Schmerz, um Schmerz zu vergessen

Um Narben zu verdecken, können sie mit Tattoos überstochen werden. | Bild: ilovetattoos

30 Jan 2019

Jeden Tag versucht im Schnitt ein Mann in Deutschland, seine Frau, Lebensgefährtin oder Ex-Partnerin zu töten. Auch wenn die Frauen überleben und häuslicher Gewalt entkommen, bleiben oft Narben zurück. Peggy versucht, den Betroffenen zu helfen.

Samira Beditsch

Crossmedia Publishing & Management
seit Wintersemester 2018

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Katharina Lotz

Crossmedia Publishing & Management
seit Wintersemester 18/19

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Manche sind größer, manche kleiner, einige gut sichtbar und andere liegen im Verborgenen. Die Narben von Peggys Kundinnen erstrecken sich teilweise über ihre ganzen Körper. Es sind die Überbleibsel aus einem Teil der Vergangenheit dieser Frauen, an den sie nicht täglich durch ihre Narben erinnert werden wollen. Und Peggy Miksch hilft ihnen dabei: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Das ist das Motto ihres Projekts „Tattoos gegen Gewalt“, das sie vor eineinhalb Jahren begonnen hat. Ein- bis dreimal im Monat übersticht sie kostenlos die Narben von Frauen, die Opfer von Gewalt oder Missbrauch geworden sind, mit ihren Tattoos.

Inspiriert wurde Peggy von ähnlichen Aktionen aus Mexiko und Russland. Sie beschloss, sich ebenfalls zu engagieren und wandte sich an den Verein „Frauen für Frauen“ in Leipzig, der ihr auch ihre ersten Kundinnen vermittelte. Heute bekommt sie oft lange Mails von traumatisierten und eingeschüchterten Frauen, die erklären, was ihnen widerfahren ist und wieso sie ein Tattoo möchten. Als nächstes führt Peggy dann persönliche Gespräche und schaut sich die Narben an, denn: Nicht jede alte Wunde kann auch überdeckt werden. Dabei kommt es auf Größe, Hautbeschaffenheit und Heilungsgrad an. Aber auch, wenn die körperlichen Voraussetzungen stimmen, tätowiert die 25-jährige Leipzigerin nicht jede Frau. Im Gespräch versucht die Tätowiererin herauszufinden, ob die Betroffene auch psychisch stabil genug ist, um eine Entscheidung zu treffen, die sie ihr Leben lang begleiten wird. „Ich will nicht die Verantwortung übernehmen müssen, falls es ein Fehler war.“, erklärt Peggy. Für sie und ihre Kundinnen ist es nicht immer leicht, gemeinsam über die oft sehr sensiblen Themen zu sprechen:

„Das Tätowieren ist keine Therapie.“ – Peggy Miksch

Dass ihre Tattoos Frauen helfen, deren Erfahrungen mit Gewalt zu verarbeiten, glaubt die Tätowiererin nicht. Aber sie können ihnen helfen, zu vergessen. Nicht mehr täglich daran erinnert werden zu müssen, was man durchlebt hat: Das ist Peggys Geschenk an diese Frauen. Einige von ihnen sind Stammkundinnen geworden, andere sogar Freundinnen. Gemeinsam haben sie alle das Tattoo, das jetzt ihre alten Narben überdeckt.

 

Vorher-Nachher-Bild Nach dem Stechen des Tattoos sind die Narben fast nicht mehr sichtbar. | Bild: Peggy Miksch

Das Thema Gewalt gegen Frauen liegt Peggy am Herzen, denn sie hat auch persönlich schon damit zu tun gehabt. Vor allem, wenn Frauen sich als Folge der Gewalt, die ihnen angetan worden ist, selbst verletzen, geht ihr das nahe.

In Zukunft möchte Peggy ihre Aktion auch weiterhin in ihrem Studio „StichGebiet“ fortführen und hofft, auch andere Tätowierer damit zu erreichen und zu inspirieren, so wie sie inspiriert wurde. Denn klar ist: Die etwa vierzig Frauen, die Peggy bisher tätowiert hat, sind nur die Spitze des Eisbergs. Etwa 110.000 Frauen sind im Jahr 2017 von häuslicher Gewalt betroffen gewesen, wobei davon auszugehen ist, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt.

Gewalt gegen Frauen | Bild: Samira Beditsch
Gewalt gegen Frauen | Bild: Samira Beditsch
Gewalt gegen Frauen | Bild: Samira Beditsch
Gewalt gegen Frauen | Bild: Samira Beditsch

Mehr als die Hälfte der Opfer von häuslicher Gewalt tragen körperliche Verletzungen davon – hierzu zählen vor allem Hämatome, Prellungen, Verbrennungen, Brüche und Zahnverlust. Bis zu achtzig Prozent erleiden psychische Schäden, die zum Teil zu selbstverletzendem Verhalten, Alkohol- und Drogenkonsum oder sogar bis zum Selbstmord führen können.

Gewalt in Partnerschaften | Bild: Samira Beditsch

Hilfetelefone und Frauenhäuser unterstützen viele Opfer in akuten Gefahrensituationen, doch es herrscht mit rund 7.000 vorhandenen Betten Platzmangel. Etwa 21.000 Betten wären in den Häusern nötig, um alle hilfsbedürftigen Frauen und ihre Kinder aufzunehmen. Dabei kann ein Ort, an dem Betroffene nicht gefunden werden können, Leben retten. Die Möglichkeiten zu helfen sind vielfältig und durch Menschen wie Peggy können Frauen zum Beispiel durch ein Tattoo einen Neuanfang in ein gewaltfreies Leben starten.

Hilfe bei Gewalt:

  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: Im Jahr 2013 wurde das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ gegründet. Frauen, die von Gewalt betroffen sind, können ein anonymes Hilfe- und Unterstützungsangebot nutzen, das bundesweit, kostenlos und rund um die Uhr zur Verfügung steht.
  • Fachberatungsstellen: Sie sind darauf spezialisiert, Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, zu beraten, zu unterstützen und zu begleiten. Frauenberatungsstellen beraten zu allen Formen von Gewalt.
  • Frauenhäuser und Frauenschutzwohnungen: Viele Frauen, die sich aus einer gewalttätigen Beziehung lösen oder die vorübergehend Schutz vor Gewalt suchen, brauchen eine sichere und betreute Unterkunft für sich und ihre Kinder. Frauenhäuser und Frauenschutzwohnungen bieten eine solche Zuflucht.
  • Interventionsstellen: In vielen Bundesländern ergänzen Interventionsstellen das Beratungsangebot. Sie beraten Opfer von Gewalt vor allem im Zusammenhang mit einem polizeilichen Einsatz und unterstützen auch im Hinblick auf rechtliche Verfahren nach dem Gewaltschutzgesetz.