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Beziehungen im Wandel der Zeit
Wann die Liebe hinfällt

Die Zeiten im Schnelldurchlauf. | Bild: Anna-Sophie Kächele

Beziehungen im Wandel der Zeit Wann die Liebe hinfällt

Die Zeiten im Schnelldurchlauf. | Bild: Anna-Sophie Kächele
 

10 Dec 2018

Zwischen Tinder, Tüll und Tränen. Gesellschaftliche Ideale verändern sich und mit ihnen die Art, Partnerschaften zu führen. Von der Nulltoleranz-Politik zur allgemeinen Akzeptanz?

Anna-Sophie Kächele

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2018

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Franziska Gill

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2018

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Beziehungen werden immer „in“ sein, nie „out“. Egal, in welchem Jahrzehnt man geboren wird, Menschen werden Beziehungen führen. Aber wie haben sich Partnerschaften seit den 50er Jahren verändert? 

Generation der Traditionellen: Strikt nach der Norm

Klar definierte Geschlechterrollen und eine Ehe, verstanden als eine lebenslange Verbindung zwischen Mann und Frau, kennzeichnete die Generation der Traditionellen. Geprägt von der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs und dem Wiederaufbau vertreten sie klare Verhaltensregeln und festgelegte Lebensmodelle. Nach all den Umbrüchen sehnen sich die Menschen nach Normalität und Struktur. Die klassische Konstellation Mann-Frau, in der sich die Frau nicht nur um die Kinder kümmert, sondern sich stets unterwürfig und sittsam zu verhalten hat, lässt keinen Platz für neumodische Lebensmodelle. Der Gang vor die künftigen Schwiegereltern, um die Erlaubnis zur Heirat einzuholen, hatte seinen festen Platz im Regelwerk und allein der Gedanke von gleichgeschlechtlichen Beziehungen war absurd. „Dass Männer Männer heiraten und Frauen Frauen heiraten gab es damals nicht", so Hans Georg Ritt, der 50 Jahre verheiratet war und sich an seine Zeit als junger Erwachsener erinnert. Schließlich war der Zweck der Ehe, Kinder hervorzubringen. Ist es nicht im Sinne der Frau, ein Leben lang bei ihrem Mann zu bleiben? Schuldig wäre sie bei einer Scheidung sowieso. 

Generation der Babyboomer: Frei und losgelöst

Doch jede Zeit hat ein Ende und die sexuelle Revolution der 68er bricht das Schweigen über jegliche Tabuthemen. Jahrelang mussten Bedürfnisse nach Sex und außergewöhnlichen Beziehungsformen unterdrückt werden. Jetzt wird die Forderung nach mehr Freiheit laut. Forderungen nach der Befreiung der Liebe von staatlichen, kirchlichen und moralischen Fesseln. Schnell wechselnde Partner oder womöglich sogar sexuelle Kontakte mit mehreren Menschen parallel? Nicht mehr unvorstellbar aber laut dem Befragten Peter Huber hätten die Meisten wohl nur davon geträumt. Er ist mit seiner Frau seit 1974 verheiratet und reflektiert, was sich in den letzten 40 Jahren verändert hat. Die Devise lautete: mehr Genuss, mehr Experimentierfreude und vor allem „ja“ zu neuen, menschlichen Beziehungen. Mitte der 70er war man frei, was die Partnerwahl betraf, frei in der Lebensplanung. Doch trotz der aufgeflammten Toleranz war Homosexualität in dieser Zeit noch immer ein verschwiegenes Thema. Wer Interesse am anderen Geschlecht hatte, lebte das lieber hinter verschlossenen Türen aus. Der stets erhobene Zeigefinger des Staates in Form des Paragrafen 175, welcher Männern untereinander jegliche sexuelle Handlungen verbot, blieb im Hinterkopf.

Seit 1961 ist die Antibabypille in Deutschland erhältlich. | Bild: Anna-Sophie Kächele

Generation X-Y: Keine Tabus

Die Beziehungen verändern sich mit den vorherrschenden Werten und Idealen der Gesellschaft. Losgelöst von dem Glauben, man müsse sich früh liieren und damit vor allem als Frau seine Zukunft sichern, steht die berufliche Karriere für viele vor der Ehe und Familiengründung. Damit ist nicht unbedingt der berufliche Durchbruch gemeint. Viele Menschen möchten erst einmal ein paar Jahre arbeiten bevor sie sich das Ja-Wort geben und auch nach dem Zusammenziehen unabhängig ihre Freizeit gestalten. Bernd Kresser, der sich an seine Zeit als Student in den 90er Jahren erinnert, meint, mit dem Abschluss seiner Ausbildung wäre die Ehe nicht gleich der nächste Schritt gewesen, sondern erst einmal in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Beziehungen werden offener ausgelebt und unterschiedliche Lebensmodelle sind in den Generationen der 1970er ganz normal geworden. Die klassische Rollenverteilung „Frau hinter dem Herd – Mann bringt das Geld ins Haus“ wurde aufgebrochen und durch ein gleichgestelltes Paarverhältnis ersetzt. Stefanie Wind-Schmid, die seit Anfang 20 mit ihrem Partner zusammen ist, und ihn dieses Jahr geheiratet hat, spricht von einer Veränderung der Vaterrolle: „Heute bringen auch mal die Väter die Töchter ins Ballett.“

Generation Z: Selbstverwirklichung vor Kompromissen

Heute, nach 50 Jahren sexueller Revolution, sind Bilder, welche viel nackte Haut zeigen, allgegenwärtig. Auf welche Werbebanner man auch blickt, makellose Körper sind fast schon omnipräsent geworden in der Werbe- und Filmbranche. Bedeutet das mehr Toleranz für offene Beziehungen und mehr Toleranz für sexuelle Freiheit? Fraglich. Hollywood setzt uns zwar monatlich neue romantische Liebesfilme vor die Nase und projiziert so in den Köpfen ein Bild der perfekten Beziehung, aber mal ganz ehrlich: Wie oft rennt man auf der Straße in den Traumprinzen? Oder lernt man den heute sowieso nur auf Tinder kennen? Man kann zumindest vermuten, dass seit den letzten Jahren immer mehr für Akzeptanz anderer Lebensstile plädiert wird. Der heutigen Generation vorzuwerfen, sie würde zu früh die Flinte ins Korn werfen, wenn es mal schwierig wird, wäre schlicht und einfach falsch. „Ich denke, man arbeitet viel an einer Beziehung: Viele gehen in die Eheberatung oder besuchen die Partnerschaftsberatung", meint die 28-jährige interviewte Stefanie Böttinger, die seit 2015 verheiratet ist.

Ist die ewige Liebe das, nach dem jeder sucht? Oder sind wir mittlerweile zu bedacht auf unsere eigenen Interessen, um eine erfolgreiche Beziehung zu führen? Auch die heutige Generation verfolgt sicher nicht den Plan der schnellen Ehe und der reibungslosen Scheidung. Nur die Hürde und Überwindung sich einzugestehen, dass eine Partnerschaft nicht mehr funktioniert, ist kleiner geworden, was an den Statistiken zur Scheidungsrate deutlich sichtbar wird. Obwohl diese wieder sinkt, hat sich die Zahl seit den 60er Jahren mehr als verdreifacht. Eine Beziehung nur noch für die gemeinsamen Kinder aufrechtzuerhalten kommt für viele Leute nicht mehr infrage. Uneheliche Kinder sorgen ebenfalls nicht mehr für Kritik und wochenlangen Tratsch unter den Nachbarn. Dafür gewinnen die Werte Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit immer mehr an Bedeutung. Stichwort gesellschaftliche Individualisierung. Junge Menschen weisen oft eine Serie kurzer Beziehungen nach, ohne jeweils mit den Partnern zusammen gewohnt zu haben. 

Seit 2017 ist die Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren in Deutschland erlaubt. | Bild: Anna-Sophie Kächele

Ausblick

Fest steht: Der Mensch ist ein soziales Wesen und wird auch in Zukunft das Bedürfnis nach einem Partner haben, der alle möglichen Lebenssituationen mit ihm meistert. Es fehlen nur die engstirnigen und normativen Zwänge, die früher einen starren Rahmen vorgaben. Scheidung bedeutet heute nicht mehr automatisch die Sprengung der gesellschaftlichen Vorstellungen und Mutter-Vater-Kind ist auch nicht mehr das Lebensmodell, das jeder zu verinnerlichen hat. Mit der Ehe für alle ist zwar nicht jeder einverstanden, trotzdem steht es außer Frage, dass jeder frei ausleben können sollte, wen und wie er liebt. Mehr Offenheit und Toleranz für die verschiedenen Beziehungsformen bedeutet aber eben auch, dass mehr an einem Liebesverhältnis gearbeitet werden muss. „Eine Partnerschaft funktioniert nur, wenn man gewisse Kompromisse eingeht und aufeinander zugeht.“, so die Befragte Gisela Huber als Vertreterin der Baby Boomer Generation, die damit wohl einen Punkt anspricht, der alle Generationen eint.

Fahre über das Bild und klicke auf die Icons, um zu erfahren, was die Befragten zu dem Thema „Beziehungen im Wandel der Zeit“ sagen. | Bild: Franziska Gill, Anna-Sophie Kächele