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Sex gegen Geld: Über seine Website kann man Alex (30) für Termine anfragen. | Bild: Alex Erlebnis

Sex&Identität Prostitution
Interview mit einem Callboy

Sex gegen Geld: Über seine Website kann man Alex (30) für Termine anfragen. | Bild: Alex Erlebnis

12 Feb 2021

Hauptberuflich arbeitet er (30) in der Automobilbranche. Zusätzliches Geld verdient er unter seinem Pseudonym Alex als Callboy – ein junger Mann, der gegen Bezahlung sexuelle Wünsche befriedigt. Wie ist es, als Vater zwei verschiedene Leben zu führen? Mehr dazu im Interview.

Lisa Pham

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019

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Was wäre, wenn später deine Tochter in der Branche arbeiten würde?

Also ich könnte das irgendwie nachvollziehen. Aber als Vater willst du natürlich nicht, dass deine Tochter sowas macht.

Obwohl du‘s selbst machst?

Ja. Ich weiß, ziemlich widersprüchlich. Aber da ist eben auch der Unterschied zwischen Mann und Frau. Es wird bei uns Männern nicht so streng gesehen wie bei Damen. Da wird nicht gesagt „Scheiß Nutte“. Bei Frauen hat man ein anderes Bild. Beim Mann ist’s geil und die Frau ist aber dann ‘ne Schlampe. Ist leider so.

Du meinst, eine Frau wird immer noch als „Schlampe“ angesehen, wenn sie ihre Sexualität so auslebt, wie es ein Mann tut. Findest du das fair?

Ich denk da jetzt nicht so. Für mich ist eine Frau nicht schlechter, nur weil die das beruflich macht. Da bin ich aber auch der Letzte, der das sagen könnte.

Weibliche Prostituierte haben bei ihrer Tätigkeit vor allem Angst, mit Gewalt konfrontiert zu werden. Gab es Situationen, wo du dich nicht sicher gefühlt hast?

Nein. Als Mann kann ich mich einfacher verteidigen, bei einer Frau ist das ein bisschen schwieriger. Aber den Job macht ja jeder freiwillig, Frauen auch. Natürlich gibt’s welche, die das nicht freiwillig tun. Aber es gibt so viele Damen, die sagen „Ey, ich hab' Bock zu bumsen“. Die verdienen ihr Geld damit und die haben auch keinen Zuhälter.

Laut einer Statistik machen das aber nur 10 Prozent aller Prostituierten in Deutschland freiwillig.

(schüttelt den Kopf) Also das ist nicht mehr so wie früher. Du kannst mir nicht erzählen, dass eine 50-jährige das nicht freiwillig macht. Die machen sich die Brüste, die Lippen, die Wimpern, die Nägel. Dafür brauchen die Geld und deswegen machen die das.

Wie bist du Callboy geworden?

Das Thema kam mal bei einem entspannten Abend mit einem Kumpel auf. Und dann hab‘ ich gedacht, das könnte man zum Beruf machen. So aus Spaß.

Weswegen machst du das?

So aus finanziellen Gründen überhaupt nicht. Also doch, auch. Ich würde mich jetzt nicht mit ‘ner Dame treffen und umsonst mir irgendwelche Dates ausmachen. Aber meinen Lebensunterhalt verdiene ich immer noch mit meinem „richtigen“ Job. Das sonstige Geld spare ich. Ich habe eine sechsjährige Tochter und für die lege ich was zurück. 

Wissen Familie und Freunde davon Bescheid?

Ja, die wissen alle davon. Ich hab’s einfach mal nebenbei erzählt. Die waren da echt entspannt.

Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass sie nicht mal das Gesicht verzogen haben, als du das erzählt hast.

Ist ja keine große Sache. Warum auch? An meinem Beruf ist nichts Verwerfliches. Selbst wenn, ich muss keine Rechenschaft ablegen.

Und für die Mutter deiner Tochter?

In der Hinsicht hat sie mir nichts zu sagen. Es ist mein Leben und wir sind getrennt. Ich kümmer‘ mich um meine Kleine, ich werde ihr jeden Wunsch erfüllen, den ich ihr erfüllen kann. Und da weiß sie ganz genau, wenn irgendwas wäre, dann bin ich immer für sie da.

Was reizt dich besonders am Beruf?

Man trifft immer nette Leute, man kann viel Spaß haben. Ich bin viel unterwegs; kann auch schon vorkommen, dass du ‘ne Anfrage nach Dubai bekommst.

Fühlst du dich seltsam, Geld für Sex zu nehmen?

Nein, gar nicht. Weil ich genau weiß, ich werde dafür ‘ne Leistung abgeben. Für mich ist nix Falsches dabei.

Triffst du dich nur mit Frauen?

Nur mit Frauen oder heterosexuellen Pärchen. Ich habe auch sehr viele Anfragen von Männern. Aber Sex mit ‘nem Mann, das würde ich nicht machen. Einfach, weil ich nicht auf Männer stehe.

Du wirst mehr von vergebenen Frauen als von Single-Frauen gebucht. Was gibst du ihnen, was sie von ihren Männern nicht bekommen?

Grundsätzlich ist es so: Sie kennt mich nicht, sie kann mit mir bedingungslos Spaß haben, ohne jegliche Verpflichtungen mir gegenüber. Und es wird nix laufen, worauf sie keine Lust hat.

Hast du da kein schlechtes Gewissen? Schließlich gehen sie mit dir fremd.

Nein, weil ich in dem Moment einen Vertrag mit ihr eingehe. Es ist eine Dienstleistung, kein privates Treffen. Sonst würde ich mich nicht mit ihr treffen. Und in der Leistung ist eben auch enthalten, dass ich alles für mich behalte. Wie sie ihr Privatleben regelt, geht mich nichts an.

Welche Frauen buchen dich?

Im Durchschnitt kommen Frauen im Alter von 24-36. Die sehen aus wie diese ganzen Instagram-Mädels. Gemachte Brüste, sportlich und so. Ich denke, ich bin einfach der Typ Mann, den diese Typ Frauen attraktiv finden. Es gibt andere Callboys, die entsprechen dann eben anderen Geschmäckern.

Achtest du bei deinen Kundinnen aufs Aussehen?

Mal hart ausgedrückt, wenn die Dame mir nicht gefällt oder jetzt 200 Kilo wiegen würde… Ich habe überhaupt nichts gegen Frauen, die Kurven haben. Das kann auch schön sein, aber... Wenn du das jetzt so reinschreibst, klingt das so arrogant, aber ich mein‘s nicht persönlich.

Alex empfängt seine Klientinnen bei Hotel-Dates mit einer Flasche Champagner. | Bild: Alex Erlebnis

Wie war dein erstes Treffen?

Das war in Wien, in ‘nem richtig geilen Hotel. Ich war sehr aufgeregt, hatte enormen Druck. Nicht nur, sie zufriedenzustellen. Man muss ja auch aufs Zwischenmenschliche achten und schauen, dass sich die Dame wohlfühlt. Und das habe ich auch geschafft.

Fühlst du dich männlicher, wenn du viele Frauen triffst, die dich für Sex bezahlen?

Nö, das hat ja nix mit mehr Männlichkeit oder sonst was zu tun. Hat überhaupt keine Bedeutung, ob du mit 100 oder mit 10 geschlafen hast.

Was wäre eine Grenze, die du nicht überschreiten würdest?

Also ich werde keine Frau schlagen, selbst wenn sie es will. Keine Frau anpissen, anscheißen oder solche Sachen. Ein schlechter Porno soll's auch nicht sein.

Hat der Beruf deine Sicht auf Frauen verändert?

(lange Stille) Vielleicht, wie man mit Frauen gescheit umgeht oder sich besser in sie einfühlt. Je mehr du was mit ‘ner Frau hattest, desto mehr kannst du dich in eine Frau einfühlen. Mir fallen die kleinen Dinge auf, auf die man in einer langen Beziehung einfach nicht mehr achtet. Wenn sie zum Beispiel einen neuen Haarschnitt hat oder was sie das erste Mal anhatte. Nach einer langen Zeit sehen Männer ihre Frauen als selbstverständlich an. Bei mir nicht.

Führst du zurzeit eine Beziehung?

Ja, seit drei Jahren.

Weiß deine Partnerin von deiner Nebentätigkeit?

Ja, sie macht auch den gleichen Beruf.

Ihr wohnt zusammen. Wie läuft es dann ab, wenn ihr von euren Terminen heimkommt?

Das eine ist Arbeit, das andere ist privat. Wir reden darüber nicht. Es interessiert mich nicht, wieviel sie heute hatte. Damit geht man auch ‘nem Streitthema aus dem Weg, weil sie das vielleicht nicht so trennen kann wie ich. Für mich ist das kein Problem.

Ist da etwas vorgefallen?

Das war so: Wenn sie ihre Arbeit macht, ist das ihre Sache und ihr Leben. Aber wenn ich einen Termin gemacht habe, ist das ein Problem. Wir haben da jetzt einen Mittelweg gefunden, indem wir einfach nicht über die Arbeit reden. Schließlich haben wir uns mit dem Beruf kennengelernt, da muss man sich vorher entscheiden, ob man sich darauf einlassen will.

Ist der Sex bei der Arbeit besser oder schlechter als Sex in einer Beziehung?

(denkt nach) Emotional gesehen ist der Sex in einer Beziehung natürlich anders. Vielleicht ist es nicht hemmungsloser als bei der Arbeit. Da ist eine Frau eher lockerer drauf. Weil sie weiß, sie bezahlt dafür und danach ist‘s vorbei und fertig. Wenn ich aber eine Beziehung hab, dann wäre der Sex vom Gefühl her ganz anders, auf ‘ner ganz anderen Ebene. Das ist nicht vergleichbar.

Angenommen, deine Partnerin würde von dir verlangen, damit aufzuhören. Was würdest du tun?

Reisende soll man nicht aufhalten. Wenn mir etwas Spaß macht und ich das machen will, dann mach ich‘s auch. Man muss einen Menschen so nehmen wie er ist, mit seinen Macken und Kanten. Oder man lässt es bleiben.

Denkst du, du wirst das in paar Jahren bereuen?

Nein. Ich hab‘ bisher nix im Leben bereut. Das werde ich auch nicht bereuen.