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Polstern auf Zwang: Mädchen, warum tragt ihr Push-Up-BHs?

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| Bild: Vanessa Fass

Kolumne Polstern auf Zwang: Mädchen, warum tragt ihr Push-Up-BHs?

| Bild: Vanessa Fass
 

09 Oct 2022

"Den muss man tragen, sonst sieht man ja gar nichts": Mädels, warum tragt ihr eigentlich Pushup-BHs? Zwischen Selbstbestimmung und toxischen Schönheitsidealen. Eine Kolumne im Format "Jungsfrage – Mädchenfrage" vom jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung (jetzt.de).

Daniel Jelski

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2021
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Vanessa Fass

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Die Jungs Frage 

Liebe Mädchen,

es war ein gewöhnlicher Sommertag auf dem Münchner Marienplatz. 30 Grad, meeresblauer Himmel und Eistüten schleckende Menschen, wohin das Auge reichte. Ich war nur zu Gast hier. Eine Schulung, die ich besuchte, hat mich in die bayerische Hauptstadt verschlagen. Ich war aber nicht alleine dort. Einige Kursmitglieder und ich schlenderten durch die Menschenmengen. Wir waren alle ziemlich jung. Typische Teenager eben: naiv, grün hinter den Ohren und nur das eine im Kopf. Als wir zufällig an einem Dessous-Geschäft liefen, meinten die Mädels aus der Gruppe: „Hey, lasst uns da doch mal reinschauen“. Die Schiebetüren öffneten sich. Wir versuchten, wie ein Mafia-Clan mit langsamem Gang in den Laden zu stolzieren, aber fühlten uns eher so, wie Kinder in einer Süßigkeitenfabrik. An den Wänden hingen zart beleuchtete Bilder von halbnackten Frauen, smoother Jazz spielte leise im Hintergrund und überall um uns herum Strings, Tangas, BHs und alles war das Männer- und Frauenherz begehrt. Damals war ich noch Jungfrau und hatte ungefähr so viel Ahnung von Sex und dem weiblichen Körper wie ein Vierjähriger vom Autofahren. Meine Neugier erreichte den Höhepunkt in der BH-Abteilung, als ich den ersten Büstenhalter in die Hand nahm. Unbedingt wollte ich auch einmal wissen, was die Mädchen ihr gesamtes Erwachsenenleben über
fühlen. Was ich aber spürte, hat mich zutiefst überrascht und erschrocken. Die Innenseite des BHs bestand lediglich aus einem riesigen Polster, welches sich durch über das gesamte Körbchen spannte. Eine Freundin bemerkte meinen verwirrten Blick und meinte: „Das ist ein Push-Up. Bei kleinen Brüsten musst du das tragen, sonst sieht man ja gar nichts.“ Ich war schockiert.

Liegt es vielleicht am modernen Schönheitsideal, welches sich so weit weg von jeglicher Realität befindet, dass gerade ihr Mädchen darunter zu leiden habt? Es wirkt so, als wenn große Brüste und ein großer Hintern in unserer heutigen Gesellschaft fast als Aufnahmekriterium dienen. Die Bilder, die auf den sozialen Netzwerken kursieren, verstärken dieses Bild nur – wir kennen sie alle. Nie ist man gut genug. Es muss immer ein „mehr“ geben. Egal, ob klein oder groß – wir Jungs lieben eure Brüste! Da kann selbst das kühle Blonde beim Grillen im Garten nicht mithalten. Und das heißt was!

Also, liebe Mädchen, warum muss es denn manchmal doch der Push-Up sein?
Klärt uns auf!

Eure Jungs

Die Mädchen Antwort 

Liebe Jungs,

so wie es aussieht, wäre ein BH-Verschluss an euren Socken sinnvoll, damit es euch beim nächsten Mal nicht raushaut, wenn ihr mal einen Super-Push-Up-BH anfassen wollt. Der ist echt super. Super ist auch die zahlreiche Auswahl an BHs. Oft ist der Männerwelt gar nicht bewusst, wie viele BH-Arten es tatsächlich gibt. Wir Mädchen haben mal Lust auf dem Laufband zu sprinten? Der Sport-BH muss her. Das Kleid ist rückenfrei? Wir schnappen uns einen Klebe-BH. Der schöne V-Ausschnitt von
unserem Lieblingskleid soll nicht so leer aussehen? Dann greifen wir zum Star eurer Frage: dem PushUp-BH!

Egal für welchen Büstenhalter wir uns letztendlich entscheiden, wir wollen uns über den Tag hinweg gestützt fühlen. Unter anderem brauchen wir diese Stützte, um die Treppen schnell runterlaufen zu können. Ansonsten haben wir das Gefühl, die reißen uns auf dem Weg nach unten noch ab. Stellt euch
einfach am besten vor, ihr geht ohne Unterhosen joggen. Unangenehm, oder? Ist der Punkt Stütze abgehakt, fehlt nur noch der Gestaltungsaspekt. Oder auch nicht. Denn das ist das Tolle! Wir haben die Brüste, gleich zwei davon. Wir entscheiden selbst, ob wir sie größer, runder oder voller wirken lassen wollen. Wir passen unsere Brüste dem Outfit oder auch unserer Stimmung an. An einem Tag tragen wir gar keinen BH, an einem anderen Tag greifen wir zum Push-Up-BH- Beide Entscheidungen treffen wir für uns alleine. Ihr habt recht, dass wir unsere Brüste in eine schützende Schale packen. Aber der Schutz dient alleine unserem Wohlbefinden und nicht als Sichtschutz für
Männer. Bitte nicht falsch verstehen, wir wollen keine lustvollen, lusthalben oder gar lustviertel Blicke von Männern kassieren. Aber der BH schützt uns davor nicht. Was uns davor schützt, ist ein Einstellungswechsel. Genauer gesagt der Wechsel von ,,Ihr pusht eure Brüste nur für uns Männer hoch” zu ,,Hauptsache euch Mädchen gefällt es”.

So ein Blickwinkelwechsel betrifft aber auch uns Frauen. Ihr habt recht. Das mediale Körperideal kommt realen Maßen nicht mal im Entferntesten nahe. Die müssen wohl auf Instagram und Co. eine neue Maßeinheit erfunden haben. Es ist eine Tatsache, die man einfach nicht leugnen kann: Der Mensch vergleicht sich sehr gerne. Wir Frauen und auch ihr Jungs tut es. Mal bewusster, mal unterbewusster. An sich ist daran nichts verwerflich, solange eine Regel beachtet wird: Das eigene
Selbstbild darf dabei nicht verletzt werden. Denn genau unsere Selbstsicherheit rettet uns davor, ständig anderen gefallen zu wollen.

Dass so nicht alle Mädchen denken, ist uns durchaus bewusst. Deswegen zwar kein Push-Up, aber thumbs up für eure Frage. Das gibt uns nämlich die Möglichkeit, Transparenz in das Thema Push-Up-BHs zu bringen und vor allem die tatsächliche Intention dahinter zu klären. Push-Up-BHs sind nämlich nicht für euch gedacht, liebe Jungs, sondern einzig und allein für uns Mädchen. Wir allein entscheiden, was wir mit unseren zwei Liebsten machen und das ist nicht nur gut, sondern auch notwendig. Genau diese Entscheidungskraft lässt uns nämlich selbstbewusst fühlen, nicht der Push-Up-BH.

Und mal ehrlich: In einer Packung Chips ist nach dem Aufmachen immer weniger drin als gedacht und trotzdem lieben wir sie, oder?

Eure Mädchen