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Kultur&Gesellschaft

Schönheitsideale
Beauty and the pain

Schönheit hat viele Gesichter. Schmerzen spielen dabei oft eine große Rolle. | Bild: Annika Piper

Schönheitsideale Beauty and the pain

Schönheit hat viele Gesichter. Schmerzen spielen dabei oft eine große Rolle. | Bild: Annika Piper
 

12 May 2022

„Wer schön sein will, muss leiden.“ Um einem vermeintlich vorgegebenen Schönheitsideal zu entsprechen, nimmt der Mensch viele Schmerzen in Kauf. In vielen Kulturen gibt es Bräuche, die bis unter die Haut gehen. Bis an welche körperlichen Grenzen ist ein Mensch bereit zu gehen?

Annika Piper

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2021
Kultur Schönheitsideale

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Wenn wir an Schönheitsideale in unserer Gesellschaft denken, was kommt uns da in den Sinn? Schöne Haare? Eine perfekte Figur? Ein makelloses Gesicht? So wird es den meisten von uns ergehen. Betrachtet man andere Kulturen genauer, so mögen diese auf den ersten Blick befremdlich auf uns wirken. Denn oftmals werden Bräuche und Rituale im Namen der Schönheit unter großen Schmerzen vollzogen. Was treibt Menschen an, sich diesen freiwillig auszusetzen?

Begriffsdefinition:

Rituale und Bräuche leiten sich von Gewohnheiten ab, welche in einer Gemeinschaft bereits einen sehr langen Bestandteil haben. Sie werden durch eine gewisse Tradition gefestigt und haben oft einen zeitlichen Rhythmus.

Quelle: SWR

Unter einem Ideal versteht man wiederum den Inbegriff der Vollkommenheit. Man strebt die Verwirklichung eines perfekten Zieles an. Dabei kann es sich um optische oder auch gesellschaftliche Vorstellungen handeln.

Quelle: DWDS

Narbensetzung für den Kampf gegen den Feind

Die Skarifizierung am Mittelsepik gehört zu den wohl schmerzhaftesten Ritualen. Der Sepik ist mit einer Länge von 1.100 Kilometern der längste Fluss der Insel Neuguinea. Um eine Krokodilhaut nachzuahmen, nehmen junge Männer tief im Dschungel Neuguineas große Schmerzen in Kauf. Dem journal-ethnologie zufolge werden mithilfe von Rasierklingen fischgrätenähnliche Muster in die Haut von Rücken, Brust, Schultern und Schenkel geritzt. Ist das Ritual beendet, wird, wie Galileo berichtet, eine Tinktur aus Kokosöl auf den Körper aufgetragen. Dies soll Entzündungen provozieren und die Narbenbildung intensivieren. Die Verkrustung der Schnittwunden wird später mit einem Bambus-Streifen abgeschabt.

Ein Mann mit mit dem Rücken zu einem gedreht neben Pflanzen. Den Rücken zieren unzähliche Narben. Mithilfe von Rasierklingen werden Muster in die Haut geritzt. | Bild: Annika Piper

Laut einer Studie des Instituts für Ethnologie der Universität Göttingen werden Krokodile in Papua-Neuguinea als spirituelle Schöpfungswesen verehrt. Die Männer sterben im spirituellen Sinne. Sie werden vom Krokodil verschlungen und anschließend wiedergeboren. Die Teilnehmenden erhalten dann den Status eines erwachsenen und heiratsfähigen Kriegers. Die jungen Männer nehmen mit der Narbensetzung die Kraft des Krokodils auf, um diese im Kampf gegen den Feind einsetzen zu können.

Es werden also Schmerzen bewusst in Kauf genommen, um einem Platz in der Gesellschaft einzunehmen. 

Schönheit um jeden Preis?

Doch diese Methoden sind nicht gerade ungefährlich. Jeder Eingriff birgt seine Risiken und Gefahren. Selbst in Ländern, in denen Schönheitsoperationen unter dem wachsamen Auge von ausgebildeten Ärzten durchgeführt werden, kann es zu Komplikationen kommen. Das aus Brasilien stammende Brazilian Butt Lift (BBL) liegt weltweit stark im Trend. Es werden Fette am eigenen Körper abgesaugt und dann in das Gesäß gespritzt. Doch viele Patient*innen bezahlen dafür mit ihrem Leben. Laut Frederic Becker, plastischer Chirurg aus Ludwigsburg, liege das Risiko an dieser Operation zu sterben bei eins zu 3000.

Füßebinden als Investition in die Zukunft

Ein anderer, bis ins 20. Jahrhundert weit verbreiteter Brauch, ist das sogenannte Füßebinden in China. Einem Interview mit dem SPIEGEL-Magazins zufolge wurden die Füße von kleinen Mädchen in enge Stoffbahnen geschnürt und damit irreparabel deformiert. Dies hatte zur Folge, dass unter dem Körpergewicht und der veränderten Fußstellung die Zehen der Mädchen brachen. Wie eine Analyse beschreibt, bestand das Ziel darin, die Füße nicht größer als zehn Zentimeter werden zu lassen. Das entspricht einer Schuhgröße 17. Nach der Durchführung wurden die Füße in individuell angefertigte Seidenschuhe gebunden und sollten für die Schönheit und Häuslichkeit einer Frau stehen. 

Das Füßebinden deformiert die Füße junger Frauen bis ins Unkenntliche. | Bild: Annika Piper

Dieser Brauch existiert seit dem 10. Jahrhundert und wird auch Lotosfuß genannt. Häufig wurde er bei Mädchen aus höhergestellten Familien durchgeführt. Dieser war jedoch mit großen gesundheitsschädlichen Defiziten und Schmerzen verbunden. Die Schmerzen zu ertragen, wurde als selbstverständlich angesehen. Die kleinen Füße machten die jungen Frauen bei den Männern attraktiv. Durch die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit und den veränderten Gang ließ die Deformierung Frauen zudem fülliger wirken. Auch das entsprach damals einem Schönheitsideal. Frauen mit großen Füßen unterlagen gesellschaftlicher Ächtung. Die Eltern sahen im Abbinden der Füße daher eine notwendige Investition in die Zukunft. Seit 1911 ist das Füßebinden verboten.

Deutschland gibt bei Schönheitsoperationen Vollgas

Obwohl diese Rituale und Bräuche für uns auf den ersten Blick befremdlich wirken mögen, ist das Thema Schönheit in Verbindung mit Schmerzen auch in den westlichen Ländern ein sehr prägnantes Thema. Frauen zwängen sich in High Heels, um größer und attraktiver zu werden. Dabei ist es nicht selten der Fall, dass es dadurch zu Fußfehlstellungen kommt. Nasen- und Brustoperationen können auch sehr schmerzhaft sein. Um einem vermeintlich vorgegebenen Schönheitsideal zu entsprechen, legen sich jährlich Millionen Menschen unters Messer. Freiwillig. Eine Studie der International Society of Aesthetic Plastic Surgery (ISAPS) zeigt auf, dass in Deutschland im Jahr 2020 rund 426.000 Operationen durchgeführt wurden.

Die USA belegen weltweit den ersten Platz bei am häufigsten durchgeführten Schönheitsoperationen. An der Einwohnerzahl gemessen, belegt Brasilien Platz eins. | Bild: Annika Piper

Selbst innerhalb von Deutschland kann man regionale Unterschiede bei Schönheitsoperationen beobachten. Laut Frederic Becker geht im Schwäbischen „alles noch wohl dosiert“ zu. Das Ziel sei es zwar, eine Veränderung zu schaffen, aber am besten so, dass die anderen nichts davon merken sollen. Peter Stein, Facharzt für Anästhesiologie, bestätigt, dass sich die Einwohner*innen aus Hamburg am meisten für Schönheitsoperationen interessieren. Bereits 2018 gab er eine Einschätzung dazu ab: Die Stadtbevölkerung sei generell Schönheitseingriffen gegenüber aufgeschlossener. Speziell betreffe es Menschen mit Migrationshintergrund, die eine andere Sozialisierung erfahren hätten. In deren Heimatländern seien ästhetische Eingriffe gesellschaftlich wesentlich akzeptierter.

„Schmerzfrei ist eine Operation einfach nicht“ – Frederic Becker

Die Oberlidstraffung, Brustvergrößerung und Bruststraffung gehören laut Becker zu den am häufigsten durchgeführten Schönheitsoperationen in seiner Klinik. Eingriffe, die meist nur unter Narkose durchgeführt werden können. Welche Schmerzen werden dafür in Kauf genommen und wie gehen die Patient*innen damit um? Ästhetische Eingriffe gehen einer langen Entscheidungsphase voraus. Eine behandelnde Person mache sich nicht erst eine Woche vorher über eine Brustvergrößerung oder ein Facelift Gedanken, erzählt er dazu. Die Patient*innen würden bereits mit einer reifen Entscheidung in die Sprechstunde kommen. „Der Patient weiß, dass solch ein Eingriff auch einen gewissen Aufwand mit sich bringt. Einerseits zeitlich, andererseits wird er auch sicherlich ein paar Schmerzen haben. Insofern wissen schon viele, was auf sie zukommt“, erklärt Becker. Mit Schmerzmitteln versuche man, die Schmerzen soweit es geht zu nehmen. Dies geht aber auch nur in einem gewissen Rahmen: „Schmerzfrei ist eine Operation einfach nicht“, stellt Becker klar. Laut ihm würden die Patient*innen die Schmerzen aber in Kauf nehmen, um ihre Ziele zu erreichen.

Schmerzen spielen also oft eine große Rolle, wenn es um die Optik geht. Für die Männer aus dem Mittelsepik um ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Für die Frauen aus China um ihre Zukunft zu sichern. Und um einem Schönheitsideal zu entsprechen, wird sogar mit dem eigenen Leben gespielt. Das alles wird in Kauf genommen, um einer bestimmten Vorstellung zu entsprechen. Mit dem Aussehen definiert man sich und seine Werte. Gleichzeitig hebt man sich so auch von anderen ab. Es ist ein elementarer Bestandteil in unserer Gesellschaft und das bereits seit vielen hundert Jahren.