Martina Merklinger vom Welthaus Stuttgart. | Bild: Ingrid Bonfert

Interviews Nachhaltigkeit in Stuttgart
"Da muss man dranbleiben!"

Martina Merklinger vom Welthaus Stuttgart. | Bild: Ingrid Bonfert

04 Mar 2020

Martina Merklinger ist Geschäftsführerin des Vereins „Welthaus Stuttgart e.V.“ Dieser setzt sich dafür ein, dass Stuttgart die 17 weltweiten Entwicklungsziele auf lokaler Ebene erreicht. Ein Gespräch über Nachhaltigkeit und den Stellenwert des fairen Handels.

 

Ingrid Bonfert

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2018
GesellschaftUmwelt

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Was bedeutet für Sie fairer Handel?
Man kauft Produkte von denen man weiß, dass sie unter fairen Bedingungen entstanden und hergestellt worden sind. Dass faire Löhne bezahlt worden sind, und die Produktion nicht etwa durch Kinderarbeit oder Billiglöhne erfolgte.

Die Stadt Stuttgart ist eine Fair Trade Kommune, über zwei Drittel der Stadtbezirke sind Fair Trade Bezirke, es gibt acht Weltläden in Stuttgart, drei bis fünf Fachgeschäfte für faire Mode. Sehen Sie insgesamt eine Stagnation oder eine Steigerung der Entwicklung des fairen Handels in Stuttgart?
Ich würde schon sagen, dass es eine Steigerung des fairen Handels gibt – in vielerlei Hinsicht: Erstmal gibt es ja auch in Supermärkten in der Zwischenzeit viel mehr fair Trade Produkte als noch vor einigen Jahren. Zudem haben wir ja gerade in diesen Tagen erfahren, dass Stuttgart wieder zertifiziert wurde als Fair Trade City. Das ist ein Zeichen dafür, dass es zumindest hier in der Region aufwärts geht mit dem fairen Handel.

In welchen Bereichen sehen Sie noch Handlungsbedarf?
Handlungsbedarf gibt es schon noch genug, sowohl breitflächig als auch an bestimmten Stellen.
Es müsste natürlich noch mehr in den Supermärkten davon geben und überhaupt müsste der ganze Konsum viel mehr auf fairen Handel und auf faire Produkte ausgerichtet sein, nicht nur in den speziellen Läden wie den Weltläden. Das sollte unsere Zukunft und unsere Vision sein.

Wünschen Sie sich da auch mehr Unterstützung von der Politik?
Ja, auf jeden Fall. Von der Politik, von der Gesellschaft. Eine breitere Akzeptanz braucht der faire Handel. Die Leute müssen verstehen, was das bedeutet.

Finden Sie, dass die Unterstützung der Stadt Stuttgart ausreichend ist?
Stuttgart spielt da bestimmt eine Vorreiterrolle in Deutschland, was die Unterstützung des fairen Handels anbelangt. Sonst hätte sie auch nicht diese Auszeichnung erhalten und diese nicht schon zum zweiten Mal erneuert bekommen.

In Deutschland ist es so, dass der Verbraucher im Jahr 2018 durchschnittlich für Lebensmittel, Textilien und Handwerk aus fairem Handel 20,50€ ausgegeben hat. Wie beurteilen Sie diese Zahl?
Das ist keine Meisterleistung. Diese Zahl dürfte ruhig höher sein.

Sehen Sie einen Trend, dass junge Leute vermehrt Fair Trade einkaufen?
Auf jeden Fall. Viele junge Leute beteiligen sich in der Zwischenzeit am fairen Handel. Und auch Fair Fashion und ähnliche Themen sind bei den Jugendlichen und bei vielen jungen Menschen längst angekommen.

Das heißt, Sie sehen da eine hoffnungsvolle Entwicklung für die Zukunft?
Ja, ich denke, da schwingen natürlich die Themen Klimawandel, Klimastreik, fairer Handel, Fair Fashion mit und profitieren voneinander. Aber wir, die Bildungsinstitutionen, dürfen uns nicht zurücklehnen, weil jetzt Fridays for Future von jungen Leuten initiiert worden ist und auch gepflegt wird. Das heißt nicht, dass diese Entwicklung so positiv bleibt. Da muss man dranbleiben und noch viel mehr Leute informieren, damit Sie mitmachen.

Gerade junge Leute kaufen oft in Unverpackt-Läden ein, von denen es in Stuttgart gerade mal zwei gibt. Woran liegt das?
Natürlich kann es von solchen Läden nicht genug geben, aber vermutlich ist das ein schwieriges Geschäftsmodell – das muss sich ja auch rechnen. In der Zwischenzeit gibt es auch einzelne Supermärkte, die Theken mit offenen Produkten haben, die man dann abwiegt, in eigenen Behältern oder zumindest mal mit Papiertüten und ohne Plastik. Das ist auf jeden Fall besser, als wenn man automatisch in Plastik Verpacktes einkauft. Das wird sicherlich zunehmend Akzeptanz finden. Aber auch da muss man dranbleiben. Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren die Baumwollbeutel auf den Markt kamen und man damit zum Bäcker gegangen ist. Das hat eine Weile angehalten und das haben doch auch viele Menschen praktiziert. Aber nach einer gewissen Zeit war das wieder eingeschlafen. Das heißt, da muss man dranbleiben, damit der Trend des unverpackten Einkaufens auch nicht wieder einschläft.

Damit der Trend zur Gewohnheit wird?
Genau; damit der Verbraucher/in sich daran gewöhnt, Taschen oder Behältnisse in der Einkaufstasche zu haben.

Ein Weg unverpackt zu konsumieren sind ja auch Fair-Teiler. Das sind Kühlschränke, welche von foodsharing e.V. aufgestellt werden. Dort legen Foodsaver abgelaufene Lebensmittel ab, welche in Supermärkten sonst weggeschmissen würden. Jeder darf sich daraus Nahrungsmittel nehmen und muss gewisse festgelegte Regeln beachten. Was halten Sie von diesen Einrichtungen?
Grundsätzlich ist das ja eine gute Sache, dass Nahrungsmittel nicht weggeworfen, sondern konsumiert werden. Aber ich fände es besser, wenn man früher ansetzt. Man sollte eigentlich nur so viele Nahrungsmittel produzieren oder auf den Markt bringen, verarbeiten, wie benötigt werden. Es ist schade, dass z.B. Bäckereien kurz vor Ladenschluss noch ein großes Angebot vorhalten, von dem am Ende vieles gar nicht gekauft und dann weggeworfen wird. Dann ist es natürlich besser, wenn es in solche Systeme kommt wie Fair-Teiler oder Tafeln.

Der Welterschöpfungstag fiel dieses Jahr auf den 29.Juli 2019. Bereits da waren alle nachwachsenden Rohstoffe für das ganze Jahr verbraucht. Die Welt bräuchte insgesamt 1,75 Erden für ein ganzes Jahr. In Deutschland war dieser Tag am 3.Mai 2019, also knapp drei Monate früher. Woran liegt es, dass wir so viel mehr Ressourcen verbrauchen?
Wir sind eine hoch entwickelte Industriegesellschaft und alle Länder, die dazugehören, zeichnen sich durch einen extrem schlechten ökologischen Fußabdruck aus. Wir müssen an vielen Stellen ansetzen, damit wir hier besser wegkommen.

An welchen Stellen?
Auch hier spielt das Thema Ernährung und Nahrungsmittelerzeugung eine wichtige Rolle. Man produziert aber nicht nur mehr Nahrungsmittel als nötig: auch müsste man bei der Kleidung ansetzen, weniger Auto fahren und weniger fliegen. Unser Konsum zeigt sich an unserem ökologischen Fußabdruck.

Der ökologische Fußabdruck eines Deutschen beträgt im Durchschnitt 4,9 gha (globale Hektar). 1,7 gha pro Erdenbürger wären ein fairer Fußabdruck.
Wir haben hier im Welthaus ein Spiel, mit dem man den ökologischen Fußabdruck ermitteln kann. Jeder Bürger kann, wenn er die Fragen dieses Spiels beantwortet, ungefähr ermessen an welcher Stelle er steht und in welchen Bereichen er noch etwas ändern müsste, um seinen persönlichen ökologischen Fußabdruck zu verbessern.

Welches ist Ihrer Meinung nach die meist gefährdete natürliche Ressource?
Wasser!

Beschreiben Sie bitte Nachhaltigkeit in 4 Worten
Maß - Bedacht - wirtschaften - verbrauchen

Wo muss jeder Einzelne ansetzen, um seinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren?
Im Konsum, beim Essen, beim Heizen, beim Einkaufen, im Haushalt.

Die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele ( Sustainable Development Goals) sind in der Agenda 2030 der UN festgelegt und der Fokus liegt auf Ziel 12 nachhaltiger Konsum und Produktion. Definieren Sie bitte dieses Ziel.
Nachhaltiger Konsum und Produktion. Es geht darum, dass man mit Maß konsumiert, verbraucht und produziert und die nachfolgenden Generationen dadurch nicht zu Schaden kommen.

Ist es realistisch, dass dieses Ziel bis 2030 erreicht wird?
Bis 2030 ist es ja nicht mehr lange, nur noch zehn Jahre. Wenn man all die Indikatoren und Analysen betrachtet, dann sieht es wirklich schlecht aus. Auf der anderen Seite erinnere ich mich an das Ozonloch, an den sauren Regen; auch bei diesen Umweltphänomenen, die ja durch die Umweltsünden unserer modernen Gesellschaft entstanden sind, hat man Wege gefunden, um die Situation zu verbessern. Im Moment hat man den Eindruck, dass viele Menschen, auch Politiker auf der Welt, aufgewacht sind. Gemeinsam hoffentlich findet man einen Weg, um vor allem die Menschen auf der Erde zu retten. Die Erde überlebt, da brauchen wir uns weniger Sorgen zu machen. Wir müssen uns Sorgen machen um die Menschen. Aber es gibt halt immer noch viele Menschen, darunter sehr einflussreiche Politiker auf dieser Erde, die noch nicht aufgewacht sind.