Inge Vetter arbeitet freiwillig in der Bücherei mit. | Bild: Ingrid Bonfert

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Schlüssel zur Integration

Inge Vetter arbeitet freiwillig in der Bücherei mit. | Bild: Ingrid Bonfert

30 Jun 2019

In der ehrenamtlich geführten Bücherei Scharnhausen stehen die jungen LeserInnen an erster Stelle. Doch reicht das aus? Inwiefern kann Förderung und Integration in diesem Rahmen gelingen?

Die Leserin Sophia besucht gerne die Bücherei. Die Leserin Sophia kommt gerne in die Bücherei. | Bild: Ingrid Bonfert

Nachdem Sophia die Bücherei Scharnhausen „Die Eule“ betreten hat, fragt sie: „Basteln wir heute wieder etwas?“ Die Frage der neunjährigen Leserin ist nicht ganz unbegründet, denn diese Bücherei bietet einmal im Monat Vorlesen und Basteln an. Sophia geht in die dritte Klasse der örtlichen Grundschule von Scharnhausen. Sie besucht die Bücherei schon seit dem Kindergartenalter regelmäßig mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder.

Insgesamt 18 ehrenamtlich tätige Mitarbeiter halten hier den Ausleihbetrieb aufrecht und sind an drei Öffnungstagen in der Woche für die Leser da. Eine davon ist die Seniorin Inge Vetter. Sie wohnt schon lange in Scharnhausen und kennt die Bücherei daher in- und auswendig. Schon seit der Wiedereröffnung der Bücherei vor sieben Jahren ist sie mit im Team der Ehrenamtlichen.  

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Altersgruppen bis 13 Jahren: „Wir wollen Kindern den Zugang zum Buch vermitteln“, das sei das Hauptziel des Teams der Freiwilligen, erläutert Vetter. Darin liege auch das Potenzial einer ausschließlich ehrenamtlich geführten Bücherei. Ein besonderes Anliegen des Teams ist es deshalb, Kinder zu integrieren und durch konkrete Maßnahmen zu fördern. Dabei gehen die MitarbeiterInnen auch gerne auf besondere Wünsche der Kinder ein.

Die Bücherei Scharnhausen, welche hauptsächlich von der Stadt Ostfildern finanziert und einem Förderverein getragen wird, hat dank einer Spende zweisprachige Kinderbücher in Deutsch-Türkisch, Deutsch-Arabisch und Deutsch-Russisch angeschafft. Doch diese werden im Moment noch eher von Kindern mit deutscher Muttersprache ausgeliehen, denen die Figuren bekannt sind. Die Zielgruppe der Leser mit Migrationshintergrund zeigt ein begrenztes Interesse an den Bilderbüchern: Häufig werden die Titel erst dann ausgeliehen, wenn die Ehrenamtlichen den Müttern oder Kindern bei der Suche helfen und auf die Zweisprachigkeit hinweisen.

Vor zwei Jahren gab es den Versuch, seitens der Bücherei, eine Vorlesestunde von einer Muttersprachlerin auf Türkisch zu veranstalten. Ziel der Vorlesestunden in der Fremdsprache sei es gewesen, Kindern und Müttern mit Migrationshintergrund den Zugang zum Buch möglich zu machen. Denn wenn Kinder ihre Muttersprache gut beherrschen, sind sie fähig eine neue Sprache zu lernen. Zu den Vorlesestunden auf Türkisch erschien trotz Werbung und Mund-zu-Mund-Propaganda in der Schule und den beiden Kindergärten keine einzige Person. Das war eine enttäuschende, ernüchternde Bilanz für das Team der Ehrenamtlichen, das konnte man während dem Bericht der Hauptverantwortlichen in der Teamsitzung spüren. Es bestand schnell Einigkeit darin, dass „man die Menschen nicht an den Haaren heranziehen kann.“ Dennoch lässt die Frage nicht nach, was die Gründe dafür sind, dass alle Bemühungen nichts geholfen haben. Lag es am Konzept und falschen Vorstellungen des Teams oder an unterschiedlichen Zugängen zur Kultur?

Die Vorlesestunde auf Deutsch kommt sehr gut an.

Die klassische Vorlesestunde auf Deutsch mit anschließendem Basteln wird gut angenommen. Die kleine, gemütlich in einem alten Fachwerkhaus gelegene Bücherei ist regelmäßig dienstags mit durchschnittlich siebzehn Kindern und deren (Groß-)Eltern proppenvoll. „Dabei werden Zuhören und die Motorik gefördert“, erklärt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Vetter. Neben der Vorlesestunde gibt es auch das japanische Erzähltheater Kamishibai, in welchem den Kindern die Märchen nähergebracht werden.

Kamishibai – das japanische Erzähltheater

Beim Kamishibai werden vom Erzähler Bilder aus klassischen Märchen in einen großen Bilderrahmen eingeschoben. Dabei entsteht eine Art Bühne und mit jedem neuen Bild steigt die Konzentration und Aufmerksamkeit der Kinder. Das ruhige bildgestützte Erzählen fördert bei den Kindern die Fähigkeit, Geschichten frei zu erzählen ohne den Faden zu verlieren.

Quelle: https://www.buecherei-scharnhausen.de/unsere-b%C3%BCcherei/veranstaltungen/

Die 78-Jährige hat bei den Veranstaltungen für Kinder beobachtet, „dass viele Kinder nicht in der Lage sind ruhig zu sitzen und zuzuhören“. Es stellt sich die Frage, warum dies so ist. Vetter vermutet: „Die Kinder sind es zum Teil nicht gewohnt, dass vorgelesen wird. Ein Stück weit lernen sie es bei uns, ein Stück weit in der Schule.“ Wenn die Bücherei vormittags für eine Schulklasse geöffnet wird, ist die Seniorin häufig vor Ort und hilft den SchülerInnen dabei, das passende Buch für deren Buchpräsentationen oder zum Lesen üben zu finden. Daher bekommt sie auch einen Einblick in den Lernfortschritt der Kinder. Ihrer Einschätzung nach brauchen etwa 50 Prozent der SchülerInnen einer Scharnhäuser Grundschulklasse eine spezielle Förderung. „Besonders für Kinder mit Migrationshintergrund und solche Kinder, die von zu Hause keinen Zugang zum Buch haben, ist es unheimlich schwer jetzt plötzlich vom Nichtlesen zum Buchlesen zu kommen.“

Unterschiedliche Vorlesegewohnheiten

Vetter glaubt, dass für die türkischstämmigen Mütter der Kontakt zur deutschen Sprache und Kultur nicht so wichtig ist und es bei den meisten Familien keine Vorlesegewohnheiten gibt. Und die Studie der Stiftung Lesen zum Thema Vorlesen im Kinderalltag aus dem Jahr 2008 gibt ihr recht: 29 Prozent der Eltern mit türkischsprachigem Migrationshintergrund gaben an ihren Kindern nie vorzulesen und 13 Prozent seltener. Allerdings ist die türkische Migrantengruppe diejenige, bei der am wenigsten vorgelesen wird. Familien mit russischen oder osteuropäischen Wurzeln lesen deutlich häufiger vor. Diese Ergebnisse zeigen, dass man nicht generalisieren sollte, davor warnt auch Vetter.

Dies signalisiert leider, dass die Integrationskraft einer von ausschließlich Ehrenamtlichen geführten Bücherei Grenzen kennt.

Sophia kommt auch heute noch gerne mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder in die Bücherei. Beim Lesen lernen in der ersten Klasse, hat ihr neben ihren Eltern auch eine Ehrenamtliche geholfen. Mittlerweile besucht sie die Bücherei hauptsächlich mit ihrer Schulklasse zusammen, wenn Vetter für die Drittklässler und ihre Lehrerin die Pforten öffnet und Ihnen hilft Bücher für ein Referat oder zum Lesen auszuleihen. Das letzte Mal hat sich Sophia ein Buch über Hamster ausgeliehen. Stolz erzählt sie:  „Jetzt weiß ich auch, dass mein Hamster sehr gerne Körner frisst.“

Sophia hat etwas über ihren Hamster gelernt. | Bild: Ingrid Bonfert
Sophia liest in ihrem Lieblingsbuch. | Bild: Ingrid Bonfert
Inge Vetter kennt und schätzt die Bücherei schon sehr lange. | Bild: Ingrid Bonfert
In der Bücherei wird viel gebastelt. | Bild: Ingrid Bonfert