Kolonialismus 7 Minuten

Warum Besatzer Kopftücher hassen

Büşra Sayed einmal in schwarz-weiß und einmal in Farbe vor einer Weltkugel
Unter die Top 10 der diesjährigen Miss-Germany-Wahl schaffte es die gebürtige Niedersächsin Büşra Sayed. Nach einer kritischen Bundestagsrede einer AfD-Politikerin über sie, kauften aus Solidarität auch Nicht-Muslim*innen, darunter Männer, Hijabs aus ihrem Modelabel. | Quelle: Julian Ebinal, Stephan Glathe, Bearbeitung: Marietta Müller
16. Juni 2026

6 Millionen Aufrufe erzielte das Antwortvideo einer Miss-Germany-Finalistin auf die Rede der AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Im Fokus der Kritik stand ihr Hijab. Ging es dabei um Feminismus oder hinterließen womöglich Erzählungen aus der Kolonialgeschichte ihre Spuren?

„Wo das Kopftuch ist, sind die Jihadisten nicht weit“, kommentierte die AfD-Politikerin Beatrix von Storch anlässlich der diesjährigen Miss-Germany-Wahl. Der Grund hierfür: Unter den Kandidatinnen trugen zwei der Frauen einen Hijab. Iranische Frauen würden für ein Leben wie im Westen kämpfen und die Grünen dafür, dass es in Berlin bald so aussieht wie im Iran. 

Von Storchs Perspektive auf das Kopftuch, weist Parallelen zu Erzählungen auf, die dem westlichen Kolonialismus entstammen.

(Anti-) Feminismus

Im Sommer 1882 besetzten britische Truppen Ägypten, woraufhin eine 40 Jahre währende indirekte Herrschaft folgte. Der General Lord Cromer war lange Zeit der eigentliche Machthaber. In seinen Augen war der Islam eindeutig unterlegen. Während das Christentum Frauen respektiere, stufe der Islam sie herab. Zeigen würde sich dies in der Verschleierung der Frau.

Gleichzeitig erschwerte seine Erhöhung der Schulgebühren ägyptischen Mädchen den Zugang zu Bildung, auch durften Frauen in der Medizinschule in Kairo nicht mehr zu Ärztinnen ausgebildet werden. Zuhause in England gründete er eine Initiative gegen das Wahlrecht von Frauen.

Warum eignete sich Cromer feministische Rhetorik an, ohne danach zu handeln? 

Seine Logik ist in ein gesamteuropäisches Narrativ eingebettet, welches dazu diente, westlichen Kolonialismus zu rechtfertigen. Im Visier der imperialistischen Expansionsbestrebungen befand sich die orientalische Welt. Ägypten war ein Teil davon.

Der Orient als Erfindung des Westens

Edward Said formuliert in dem Werk „Orientalismus“ die These, dass westliche Wissenschaft, Literatur, Kunst und Sprache den Orient kulturell und ideologisch erschaffen. Zentral sei die Gegenüberstellung von Orient und Okzident. Der Begriff orientalisch meint in dieser Denkart alle Menschen östlich Europas, insbesondere muslimische Länder, wodurch deren kulturelle Vielfalt negiert wird. Das geographische Gegenstück ist der Okzident, welcher vor allem Europa und Amerika umfasst. Der Orient werde im westlichen Diskurs als barbarisch und rückständig dargestellt, der Westen hingegen als rational und modern. Das Narrativ ist Said zufolge deshalb beständig, da es in verschiedenen Institutionen, wie Universitäten, Kolonialverwaltungen und Forschungsinstituten stetig weitergetragen und damit strukturell verankert werde. Die Abgrenzung zum Anderen, dem Orient, ist dabei wesentlich für die Konstruktion der eigenen westlichen Identität. Der Orient sei jedoch mehr als ein europäisches Fantasiegebilde. „Die Beziehung zwischen dem Okzident und dem Orient ist eine Machtbeziehung", welche es dem Westen ermöglicht, Erzählungen über den Orient zu führen – die Stimmen seiner Bewohnenden würden ungehört bleiben.

„Die Beziehung zwischen dem Okzident und dem Orient ist eine Machtbeziehung.“
Edward Said, Orientalism

Othering: Über "Wir" und "Die Anderen"

Der postkolonialen Theorie, als dessen Wegbereiter Edward Said verstanden wird, entstammt das Konzept des Othering, das wesentlich für die Konstruktion von Feindbildern ist. Die Out-Group (die „Anderen“) wird durch die Zuschreibung negativer Attribute von einer In-Group (dem „Wir“) abgegrenzt. 

Durch die Abwertung der „Anderen“ wird die eigene Normalität und Überlegenheit betont. Dem zugrunde liegt ein Machtgefälle, in welcher Betroffene sich aufgrund von Diskriminierung, nicht gegen diese Zuschreibungen wehren können. Zu Anderen gemacht, werden Gruppen aufgrund von Behinderung, Rassismus, Religion oder auch sexueller Orientierung.

Quelle: Humboldt-Universität zu Berlin

Freiheit durch Fremdherrschaft

„Der Schleier wurde nun zum Symbol sowohl für die Unterdrückung der Frauen als auch für die Rückständigkeit des Islam”, erklärt Leila Ahmed. 1999 wurde sie an der Harvard University in Cambridge die erste Professorin für Frauenstudien in Religion. Ihrer Interpretation nach konstruiere der westliche Diskurs die Unterdrückung der Frau als kulturelles Problem und setze dadurch ihre (vermeintliche) Befreiung mit der Expansion westlicher Kultur gleich. Die Abwertung der als orientalisch bezeichneten Kultur ziele nicht darauf ab, patriarchale Strukturen zu bekämpfen, sondern eine islamische männliche Vorherrschaft durch eine westliche männliche Vorherrschaft zu ersetzen. 

Werden feministische Forderungen für imperialistische Politik instrumentalisiert, spricht man von imperialistischem Feminismus.

„Der Schleier wurde nun zum Symbol sowohl für die Unterdrückung der Frauen als auch für die Rückständigkeit des Islam.“
Leila Ahmed, Women and Gender in Islam

Westliche Hüte per Gesetz

Selbst von dem Diskurs nachteilig Betroffene verinnerlichen das Narrativ. Atatürk, der Gründer der heutigen Türkei, wollte sein Land nach europäischem Vorbild reformieren. 1925 verabschiedete die große Nationalversammlung das Hut-Gesetz. Statt des Fes, einer traditionellen Kopfbedeckung im osmanischen Raum, mussten Beamte und Mitglieder der Nationalversammlung nun verbindlich westliche Hüte tragen. Für Atatürk war der Fes „ein Zeichen von Hass auf Fortschritt und Zivilisation“. Modernisierung bedeutete für ihn Angleichung an den Westen und damit Distanzierung zur osmanischen Kultur als Teil der orientalischen Welt. Wie das Kopftuch, wurde hier eine traditionelle männliche Kopfbedeckung zum politischen Symbol, dessen Ablehnung reale Konsequenzen nach sich zog.

Portrait von Atatürk und Abbildung eines Fes
Nach Gesetzeserlass waren die Hutbestände in kürzester Zeit ausverkauft, die Menschen bastelten sich Papierhüte. Verstöße wurden in manchen Fällen mit dem Tod bestraft.
Quelle: Marietta Müller

Der Fremde im Inneren

Auch von Storch empfindet das Kopftuch als „Symbol für Unfreiheit und Unterdrückung”. Ginge man nach Said, ließe sich ihr eingangs erwähntes Zitat so deuten, dass auch sie das Kopftuch symbolisch nutzt, um den Islam und den Iran (welcher nach Saids Definition in den Orient fällt) als fremd und rückständig zu markieren. Dies kann dazu beitragen den Westen davon abzugrenzen und aufzuwerten. Die Identität ihrer Partei definiere sich zunehmend durch die Gegenüberstellung eines „christlich-jüdischen Abendlandes“ und des Islam. Religion werde zu einem kulturellen Merkmal umgedeutet und für eigene politische Zwecke instrumentalisiert. „War das historische Thema der Islamfeindlichkeit, den Fremden in der Fremde zu bekämpfen, ist das Thema der modernen Islamfeindlichkeit, den „Fremden“ im Inneren zu bekämpfen”, ergänzt die Islamwissenschaftlerin Dr. Naime Cakir

Miss-Germany-Kandidatin Büşra Sayed bei einem Fotoshoot
In ihren Comedy-Videos verarbeitet Miss-Germany-Kandidatin Büşra Sayed auf humorvolle Weise eigene Rassismuserfahrungen.
Quelle: Stephan Glathe

Vorverurteilt

Heute noch halten sich manche Vorurteile über Muslim*innen hartnäckig. Im Gespräch erzählt Büşra Sayed, wie nach ihrer Teilnahme bei Miss Germany vermehrt Journalist*innen sie für Interviews anfragten. Diese erhielten die Nummer ihres Mannes, der gleichzeitig ihr Manager ist. Schnell verbreitete sich das Gerücht, sie dürfe gar kein Handy besitzen und ihr Mann würde an ihrer Stelle für sie sprechen. Dabei ist sie Influencerin, Unternehmerin und stand im Fernsehen auf der Bühne. 

Bei der repräsentativen Umfrage der Bertelsmann Stiftung wurden keine Muslim*innen befragt, um gezielt die Zustimmung zu Vorurteilen einer Ingroup gegenüber einer Outgroup zu untersuchen. | Quelle: Bertelsmann-Stiftung | Grafik: Marietta Müller

Wenn aus Theorie Gewalt wird

Vorurteile können reale Konsequenzen haben. Weil Muslim*innen als Bedrohung konstruiert werden, werden sie selbst diskriminiert und bedroht. Jede zweite muslimische Person erfährt Rassismus in ihrem Alltag. Häufig sind Muslim*innen Betroffene von Mehrfachdiskriminierung, erleben Benachteiligung also auch aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht oder sozialer Klasse. Das nennt sich Intersektionalität.

Intersektionaler Feminismus

Entstanden aus aktivistischen Bewegungen Schwarzer Menschen erklärt das Konzept, wie unterschiedliche Arten von Unterdrückung und Ungleichheit einander verstärken. Eine Schwarze Frau im Rollstuhl erlebt nicht nur Sexismus, sondern wird auch mit Rassismus und Ableismus (Behindertenfeindlichkeit) konfrontiert. Im Beispiel der Frau findet eine Überschneidung (engl. intersection) dieser Kategorien statt, wodurch eine neue Diskriminierungsform entsteht. Intersektionaler Feminismus berücksichtigt diese Komplexität und setzt sich für die Befreiung und Gleichstellung aller Menschen ein.

Quelle: Heinrich Böll Stiftung

Auch Büşra Sayed berichtet von Alltagsrassismus aufgrund ihres Hijabs, der sich in subtilen Blicken, abwertenden Sprüchen oder Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt äußere. Orte, an denen andere sich selbstverständlich aufhalten, seien für sie nicht sicher. Öffentliche Verkehrsmittel nutze sie deshalb eher weniger. 

Geschichte lebt im Heute

Rhetorik und Motive der AfD-Politikerin von Storch und des Generals Cromer sind nicht eins zu eins vergleichbar. Dennoch zeigt ihr Blick auf das Kopftuch weniger eine Debatte über Frauenrechte, sondern vielmehr über Deutungshoheit und Abgrenzung. Kolonial geprägte Denkmuster wirken bis heute nach. Islamfeindlichkeit reicht weit über rechte Diskurse hinaus und ist tief in gesellschaftlichen Denkmustern verankert. Gleiches gilt für die Vorstellung vom Kopftuch als pauschalem Zeichen der Unterdrückung. Studien zeigen, dass auch viele liberal eingestellte Menschen diese Annahme teilen. Büşra Sayed findet, ein Kopftuch sage nichts über ihre Bildung, ihre Stärke und ihre Freiheit aus. Zwar müsse man nicht alles verstehen oder gleicher Ansicht sein, sie wünscht sich jedoch mehr Bereitschaft, anderen Menschen ohne Vorurteile zuzuhören und offen zu begegnen.