Starkes Ehrenamt, schwache Wohnungspolitik?
Hinweis
Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers zum Thema „Wohnungsnot in Stuttgart.”
Zum Dossier gehören außerdem folgende Beiträge:
- Zu wenig, zu teuer, zu langsam – Eine Analyse zum Mangel an Sozialwohnungen und dem schleppenden Wohnungsneubau in Stuttgart.
- Leerstand: Was kann Stuttgart tun? – add it – Ein Podcast, der über den Leerstand in Stuttgart spricht und erkundet, was für Möglichkeiten dieser für die Stadt bietet.
Stuttgart überlässt seine Wohnungskrise den Freiwilligen. Das ist kein Modell, das ist das Eingeständnis einer verfehlten Politik. Am Ende trifft es die, die am wenigsten haben. Wo sich der Staat aus der Verantwortung zieht, füllt das Ehrenamt die Lücke. Nicht aus Nächstenliebe allein, sondern weil sonst niemand mehr da wäre.
Ehrenamtliche steuern den „Kältebus“ durch die Nacht, schenken in der „Bahnhofsmission“ Kaffee aus und verteilen in der „Vesperkirche“ warme Mahlzeiten. Sie helfen dort, wo Menschen längst in Not sind. Und das in beachtlichem Umfang: Allein die „Vesperkirche“ brachte Anfang 2025 rund 800 Ehrenamtliche zusammen und gab in sieben Wochen 38.000 Essen aus. Die „Bahnhofsmission“ trägt ihren Betrieb mit rund 50 Freiwilligen, der „Kältebus“ fährt seit über zehn Jahren rein ehrenamtlich. Ohne diese Menschen bräche ein Teil der Stuttgarter Grundversorgung zusammen.
Genau das ist der Kern des Problems. Was als freiwillige Hilfe gedacht ist, wird zur dauerhaften Ersatzversorgung. Das Ehrenamt springt ein, wo staatliche Angebote fehlen. Und es tut das am Limit. Bundesweit engagieren sich zwar noch viele Menschen freiwillig, doch die Quote sinkt: erstmals seit Jahren, auf 36,7 Prozent. Wer eine soziale Krise auf ein schrumpfendes Heer von Freiwilligen stützt, baut auf Sand. Ein Ehrenamt, das dauerhaft einspringt, ist kein Bonus. Es ist ein Alarmsignal.
Besonders widersprüchlich wird es beim Geld. Gerade jetzt, wo mehr Menschen Hilfe brauchen, spart die Stadt ausgerechnet an denen, die sie leisten. Anfang 2025 waren in Stuttgart gut 8.000 Menschen in Notunterkünften untergebracht, rund die Hälfte mehr als drei Jahre zuvor. Trotzdem kürzt die Stadt genau die Strukturen, die ihnen Halt geben. Der Doppelhaushalt 2026/27 streicht den freien Trägern 2026 fünf Prozent, bis 2027 zehn. Wer bei Beratung und Prävention spart, riskiert die Notlagen von morgen. Jeder gesparte Euro in der professionellen Hilfe landet am Ende beim Ehrenamt. Als zusätzliche Last auf Schultern, die ohnehin schon zu viel tragen.
Auch beim Neubau klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ihr selbst gesetztes Ziel von 1.800 neuen Wohnungen pro Jahr verfehlt die Stadt seit Jahren: 2024 entstanden nur 1.321 Wohnungen, 2025 sogar nur 661. Die Stadtverwaltung verteidigt sich mit explodierenden Baukosten und gestiegenen Zinsen. Das stimmt, doch darauf hat die Kommune ohnehin nur begrenzten Einfluss. Umso mehr käme es auf die eigenen Verfahren an. Doch die werden langsamer statt schneller. Von der Genehmigung bis zur Fertigstellung vergehen heute durchschnittlich 29 Monate, 2020 waren es 23.
Fairerweise: Die Stadt steht unter Druck. Eigentumsschutz, knappe Flächen und Schutzgebiete setzen dem Neubau echte Grenzen und der „Bau-Turbo“ muss sensible Flächen aussparen. Das ist berechtigt. Es erklärt aber nicht, warum ausgerechnet die eigenen Verfahren immer länger dauern. Der „Bau-Turbo“ soll Tempo bringen. Doch er schafft bislang vor allem neue Projektgruppen und eine Geschäftsstelle. Beschlüsse bauen keine Wohnungen.
Doch ein Netz ersetzt kein Fundament. Eine Stadt darf ihre soziale Verantwortung nicht an Freiwillige auslagern und ihnen zugleich den Rückhalt entziehen. Sie muss die Verfahren spürbar beschleunigen, vorhandene Flächen konsequent nutzen und die soziale Infrastruktur sichern, statt sie zu kürzen. Der Gemeinderat hat den „Bau-Turbo“ beschlossen. Jetzt muss er liefern. Ein starkes Netz fängt Menschen auf. Aber ein Netz ist kein Zuhause. Hilfe lindert Not, eine eigene Wohnung verhindert sie. Sie gibt Halt, Würde und eröffnet die Chance auf einen Neuanfang. Wer Wohnungen nicht baut, überlässt Menschen dem harten Asphalt – und die Verantwortung dafür den Freiwilligen.
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