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Wie verletzlich ist Stuttgart?

Ein Stromkabel vor einem ländlich gelegenen Strommasten
5.600 Kilometer umfasst das Stromnetz in Stuttgart. | Quelle: Alex Risse
02. Juni 2026

Kritisch, komplex, klimaneutral - die Energieinfrastruktur muss Vieles sein. Sie ist ein Baustein unserer Gesellschaft, aber was passiert wenn sie ins Visier genommen wird? Wie gut ist Stuttgart aufgestellt?

Ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke legte Anfang 2026 in Berlin großflächig den Strom lahm und traf bis zu 100.000 Menschen, die stunden- bis tagelang ohne Strom, Heizung, Internet und Mobilfunk waren. Ereignisse wie diese zeigen, wie fragil unsere moderne Infrastruktur ist. Solche Stromausfälle sind selten in Deutschland, doch sie kommen vor. Die Vernetzung der Infrastruktur sorgt dabei für „Kaskadeneffekte". Stuttgart, als industrielles Zentrum und Wohnort für über 600.000 Menschen, ist besonders abhängig von einer stabilen Stromversorgung. 

Ohne Infrastruktur kein Alltag

Der Begriff kritische Infrastruktur (KRITIS) beschreibt alle Systeme, deren Ausfall oder Beeinträchtigung erhebliche Versorgungsengpässe, Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder wirtschaftliche Schäden verursachen würden. Dazu gehören nicht nur Strom- und Wassernetze, sondern auch Verkehrswege, digitale Systeme und das Gesundheitswesen. Ein längerer Stromausfall hätte gravierende Folgen: Supermärkte könnten keine Lebensmittel mehr verkaufen, Krankenhäuser müssten Patient*innen umlagern und die Kommunikation würde stark beeinträchtigt. 

Besonders kritisch ist die Energieversorgung, da Strom für fast alle Bereiche essentiell ist – von der Wasserversorgung bis hin zu digitalen Zahlungssystemen. Die Bundesregierung definiert KRITIS in ihrem „Nationalen Plan zum Schutz der kritischen Infrastrukturen“ als „Systeme, die für das Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar sind.“  

Stromnetz zwischen Tradition und Moderne

Stuttgarts Stromversorgung basiert auf einem Mischsystem aus konventionellen Kraftwerken und erneuerbaren Energien. Den Umstieg kann man direkt am Kraftwerk Stuttgart-Münster beobachten. 2025 wurde es von Kohle auf ein Erdgaskraftwerk umgerüstet und soll später, Mitte der 2030er Jahre, mit reinem Wasserstoff Energie erzeugen.

Derzeit wird die Leistung durch erneuerbare Energien, Importe und dezentrale Erzeugung gedeckt. 

Dezentrale Stromerzeugung nutzt kleine, verbrauchernahe Energiesysteme, wie Solaranlagen oder Windturbinen, um Strom lokal zu produzieren und Transportwege zu sparen. Mikronetze ermöglichen dabei die autarke Versorgung von Gebäuden oder Arealen wie Krankenhäusern oder Universitäten.

Quelle: SmartGridsBW

Wind- und Wasserkraft aus dem Schwarzwald, Photovoltaik auf Dächern und Biomasse aus regionalen Anlagen decken Stand 2024 rund 59% des Bedarfs in Baden-Württemberg. Doch diese Quellen sind schwerer zu kalkulieren. Bei Flaute und Bewölkung muss Strom aus anderen Regionen importiert werden – jedoch besteht die Gefahr, dass auch dort die Netze überlastet sind. Die Bundesnetzagentur warnt bereits vor „Stromlücken“ in den nächsten Jahren. Dabei geht es um die Umstellung der Infrastruktur auf erneuerbare Energien. Wenn der Strombedarf hoch und die Erzeugung aus Wind und Sonne zu niedrig ist, müssen flexible Stromkapazitäten gegensteuern.

Rund 40 Prozent der Stromausfälle waren vom jeweiligen Netzbetreiber geplant, um beispielsweise Bauarbeiten zu ermöglichen. | Quelle: Bundesnetzagentur | Grafik: Alex Risse

Zudem ist das Stromnetz überaltert. Viele Leitungen und Transformatoren müssen dringend erneuert werden. Die Kosten für die Modernisierung sind enorm: Allein das 110-kV-Netz in Stuttgart soll bis 2035 mit rund 500 Millionen Euro modernisiert werden. 

Gesetze fordern mehr

Das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) schreibt vor, dass Strom- und Gasnetzbetreiber*innen für Notfälle vorsorgen müssen. Mit dem KRITIS-Dachgesetz, das 2026 in Kraft getreten ist, und der NIS2-Richtlinie der EU wurden die Regeln für kritische Infrastrukturen wie Energie, Wasser und Verkehr noch strenger: Betreibende müssen Risiken prüfen und Schutzmaßnahmen ergreifen. Zudem gibt es das Bundes-Krisenmanagementgesetz. Dies erlaubt den Einsatz der Bundeswehr im Ernstfall.

In der Praxis haben viele Unternehmen nicht ausreichend finanzielle Mittel und Personal, um die Regeln umzusetzen. Besonders bei der Cybersicherheit gibt es Probleme: Das Lagebild „Cybercrime” des Bundeskriminalamts zählte 2025 über 900 Cyberangriffe pro Tag. Unter den Opfern der Angriffe sind auch Institutionen der kritischen Infrastruktur.

Die Planung und der Betrieb von Stromnetzen folgen bestimmten theoretischen Modellen, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben. Eines der wichtigsten Konzepte ist die Resilienztheorie. Diese besagt, dass Systeme wie Stromnetze flexibel auf Störungen reagieren müssen. Entwickelt wurde sie unter anderem von Erik Hollnagel, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Systemresilienz. Er argumentiert, dass Resilienz nicht nur die Widerstandsfähigkeit eines Systems meine, sondern auch seine Fähigkeit, sich nach einem Schaden zu erholen.

Ergänzend helfen Smart Grids, intelligente Stromnetze, die Erzeugung und Verbrauch von Strom in Echtzeit zu steuern. Sie basieren auf der Idee, dass dezentrale Energieerzeugung und digitale Steuerung die Stabilität des Netzes erhöhen können. In Stuttgart gibt es bereits erste Projekte wie den „Netzbooster“ in Wendlingen, einen riesigen Batteriespeicher mit einer Kapazität von 250 Megawattstunden, der Strom zwischenspeichert und bei Bedarf abgibt.

Energie-Zeitenwende

Die Energiewende führt zu grundlegenden Veränderungen in der Stromerzeugung und -verteilung. Der Rückgang konventioneller Kraftwerke und der gleichzeitige Ausbau erneuerbarer Energien verursachen unbeständige Stromflüsse, die das Netz vor neue Herausforderungen stellen. Diese Schwankungen können zu Überlastungen führen und im schlimmsten Fall die Netzstabilität gefährden. Gleichzeitig wird die Infrastruktur durch die Folgen des Klimawandels zusätzlich belastet. Hitzeperioden mit Temperaturen über 35 Grad beeinträchtigen die Kühlung von Transformatoren. Starkregenereignisse wie das im Jahr 2021 können zu Überschwemmungen in Kabelkanälen und Schaltstationen führen. In einigen Gemeinden, besonders in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, führte dieses Ereignis zu einem gleichzeitigen Ausfall der Strom- und Wasserversorgung. Stuttgart sei dahingehend durch unterirdisch verlaufende Leitungen geschützter, als es durch freiliegende Leitungen der Fall sei, erklärt Maximilian Hugger, Manager der Unternehmenskommunikation der Stuttgart Netze GmbH.

Als Schutz vor den Gefahren nennt er die dezentrale Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Als Lösungsansatz sei diese jedoch anspruchsvoll. Der Netzbetreibende müsse bei einem Über- oder Unterangebot schnell handeln, betont Hugger. Durch Ankauf und Verkauf werde das Netz stabil gehalten. Den Vorteil sehe er in der Selbständigkeit durch die erneuerbaren Ressourcen: „Sie machen uns zunehmend unabhängig von Energieimporten und sie ersparen der Umwelt Kohlenstoffdioxid." 

„Sie machen uns zunehmend unabhängig von Energieimporten und sie ersparen der Umwelt Kohlenstoffdioxid.“
Maximilian Hugger, Stuttgart Netze GmbH

Checkliste zur Vorsorge und Selbsthilfe bei einem Stromausfall

1. Grundversorgung

  • Trinkwasser für mehrere Tage
  • haltbare Lebensmittel (ggf. Babynahrung)
  • Hygieneartikel

2. Licht und Wärme

  • Taschenlampen, Kerzen und Campinglampen (ausreichend Batterien und Gaskartuschen)
  • warme Kleidung und Decken (Ersatz für ausgefallene Heizungen)

3. Informations- und Kommunikationsfähigkeit

  • Batterie- oder Kurbelradio für behördliche Informationen
  • Telefonieren möglichst einschränken

4. Nachbarschaft

  • Pflegebedürftige unterstützen
  • Absprache mit Nachbar*innen und Hilfe koordinieren

Quelle: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Für den Fall eines großflächigen Stromausfalls sind konkrete Notfallvorsorgemaßnahmen erforderlich. Entscheidend ist dabei, Abhängigkeiten und mögliche Kettenreaktionen zu identifizieren: etwa wie ein länger andauernder Stromausfall den ÖPNV, die Trinkwasserversorgung, Krankenhäuser, Kommunikationsnetze und damit letztlich die Handlungsfähigkeit der Gesellschaft beeinträchtigen würde. Auf dieser Grundlage lässt sich bewerten, wo Stuttgart besonders verletzlich ist, welche Sektoren oder Knotenpunkte prioritären Schutz benötigen und welche Maßnahmen die Resilienz der Stadt gegenüber zukünftigen Krisen stärken können. Das umfasst Maßnahmen auf Bundesebene und im privaten Haushalt.

Trotz dieser Herausforderungen existieren technische und organisatorische Lösungen, die eine Steigerung der Netzresilienz ermöglichen. Intelligente Stromnetze nutzen digitale Technologien zur Echtzeitsteuerung von Stromflüssen, zur Speicherung von Überschüssen in Batteriesystemen und zur Anpassung der Versorgung an die Nachfrage. Weitere Ansätze umfassen dynamische Stromtarife, die Verbrauchende zu einem flexiblen Stromverbrauch motivieren, sowie Modelle, die es Bürger*innen ermöglichen, selbst erzeugten Strom ins Netz einzuspeisen.