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Und das soll Gleichberechtigung sein?

Mersedeh Ghazaei steht auf dem Podium des Landesparteitags der Linken in Stuttgart am 26. April 2026 und spricht vor dem Publikum.
Bei der Landtagswahl 2026 kandidierte Mersedeh Ghazaei für die Partei Die Linke auf Platz 3 der Landesliste. | Quelle: Franziska Storz
21. Mai 2026

Jung, weiblich, migrantisch – wer heute in die Politik geht, muss oft mehr mitbringen als gute Argumente. Zwischen Wahlkampf, Alltagssexismus und rechten Angriffen kämpfen viele Frauen nicht nur um Stimmen, sondern auch darum, überhaupt gehört zu werden.

Das Sonnenlicht fällt grell durch die hohen Altbaufenster in den Raum. Mersedeh Ghazaei muss die Jalousien schließen, damit man das Beamerbild an der Wand hinter dem pinken Sofa besser lesen kann – „Aktivtreffen der Linken 22.04.“ Rund um den großen Tisch sitzen die ersten Mitglieder. Es herrscht noch Unruhe im Raum, Stühle werden gerückt, Stimmen überlagern sich und jemand lacht laut auf. Mersedeh Ghazaei fragt interessiert nach dem Privatleben eines Genossen und hört angeregt zu. Sie hält den Blickkontakt zu ihrem Gesprächspartner und wendet sich von ihrem Laptop ab, an dem sie gerade noch gearbeitet hat. Ein junger Mann am Kopfende des Tisches räuspert sich und eröffnet dann das Treffen. Alle Anwesenden sollen sich mit Namen, Pronomen und ihrer Wohnsituation vorstellen. Die Höhe der Mieten in Stuttgart soll das erste Thema des Treffens sein. Mersedeh Ghazaei stellt sich mit ihrem Spitznamen „Mersi“ vor und blickt lächelnd in die Runde. Nach und nach kommen weitere, vor allem junge Menschen zur Tür herein. Mersi steht mehrfach auf, um Stühle zu holen. Alle sollen Platz haben. Ein Mitglied beginnt zu sprechen. Mersi lehnt sich nach vorn, um die Person anzuschauen und ihr ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen. Es wird genickt und gelächelt. Alle sprechen sich mit Vornamen an. Viele äußern sich noch mit unsicherer Stimme, sie sind zum ersten Mal da. Ohne sie zu kennen, wüsste man nicht, dass Mersi eine Spitzenkandidatin der Linken bei den Landtagswahlen 2026 in Baden-Württemberg war oder Vorstandsmitglied ihres Landkreises (Stuttgart I) ist. In diesem Raum ist sie einfach Mersi.

Das „Linkseck“ von außen mit den Schildern „Kreisverband Stuttgart“ und „Wahlkreisbüro Luigi Pantisano“.
Im „Linkseck“ finden die Aktivtreffen und ein Großteil der politischen Arbeit der Linken statt.
Quelle: Franziska Storz

Bei solch einem Treffen hat Mersi ihre Mitgliedschaft 2023 in der Linken gestartet. Davor war sie als Aktivistin für migrantische Menschen in Organisationen, wie „Local Diversity“ tätig. Dort gestaltete sie beispielsweise Schülerworkshops. Außerdem ist sie Mitgründerin der Migrantifa in Stuttgart, eine Organisation, die sich vor allem an Anti-Rassismus-Protesten beteiligt. Die 29-Jährige ist Tochter iranischer Eltern und wurde in Esslingen am Neckar geboren. Der Grund für ihren Einstieg in den politischen Aktivismus war der Anschlag in Hanau 2020, der ihr als migrantische Frau immense Angst gemacht hat. Sie fragte sich damals: „Willst du hier gelähmt rumsitzen, oder was willst du machen?“. Daraufhin organisierte sie die Ausstellung „WIR SIND HANAU“. Mittlerweile hat sich diese Angst in Mersi zu einer antreibenden Wut gewandt. Sie möchte das politische System verändern und Hürden abbauen, sodass auch junge, migrantische Frauen endlich ihren Raum, das Gehör und das benötigte Verständnis erhalten. Denn Mersi ist der Meinung: „Hauptsache man traut sich. Weil das, was wir zu sagen haben, was wir Menschen mit Migrationsgeschichte zu sagen haben, was wir Frauen zu sagen haben, das braucht die Welt und das verändert die Welt.“

Im aktuellen Landtag in Baden-Württemberg werden nur ein Drittel der Sitze von Frauen besetzt. Die Landeszentrale für politische Bildung gibt an: nur 53 von 157 Abgeordneten sind Frauen. Nur sieben dieser 157 Abgeordneten sind unter 30. Das merkte Mersi im Wahlkampf. Oft war sie die einzig junge Frau unter all den Männern, die für sie „austauschbar“ erscheinen. Mit 11,7 Prozent sind auch Abgeordnete mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert. Die Linke verpasste den Einzug in den Landtag, aufgrund der Fünf-Prozent-Hürde.

Die AfD-Fraktion hat den niedrigsten Frauenanteil im BW-Landtag (mit nur 11,4 Prozent). | Quelle: Landesfrauenrat Baden-Württemberg | Grafik: Franziska Storz

Hürden für junge Frauen in der Politik

Mersi geht vom Podium, die meisten klatschen. „Das ist immer so toll, wenn so schöne Frauen die Bühne kriegen“, „Warum schminkt man sich eigentlich so viel? Das lenkt ja nur von den Inhalten ab“, „Ihre Schminke sieht auch echt toll aus“ – nur in Kombination mit Kommentaren zu ihrem Aussehen erhält sie Anerkennung von Politikern und Männern aus dem Publikum. Wenn es kein Kommentar ist, dann ein Streicheln über ihre Schulter, eine Hand auf ihrem Arm. Etwas, das ihr zu nahe kommt. Enttäuschung macht sich in Mersis Gesicht breit. Wieder einmal wird sie nicht für ihre Argumente gesehen. Stattdessen erneut darauf reduziert, dass nicht damit gerechnet wurde, dass sie Argumente und Perspektiven hat, die von politischer Bedeutung sein könnten. Diese ständige Ungläubigkeit über die Kompetenz der jungen Politikerin setzt sich auch in ihrer eigenen Wahrnehmung fest. Oft ertappt sie sich dabei, wie sie den Drang hat, ihre eigene Qualifikation zu beweisen, bevor sie ein Argument anbringt – „Ich habe Stipendien, ich habe einen Abschluss, ich forsche dazu“. Sie kann ihre Argumente und Gedanken nicht frei äußern, ohne dass ihre Kompetenz in Frage gestellt wird. Das ist für Mersi politischer Alltag. Auch wenn sie sich doppelt und dreifach beweist, reicht es doch nicht, die gleiche Akzeptanz zu erhalten wie Männer in der Politik.

Mersis Erfahrungen decken sich mit denen vieler Frauen. Eine Studie der Universität Mannheim zeigt: Weibliche Abgeordnete im baden-württembergischen Landtag erhalten bei Reden von Männern sechs Prozent weniger Aufmerksamkeit als ihre männlichen Kollegen. Oft hat Mersi ihr eigenes kleines Experiment durchgeführt. Sie bat einen männlichen Politiker darum, das gleiche Argument wie sie anzubringen. Dieser Test und wissenschaftliche Studien ergeben: Politikerinnen stehen unter einem größeren Druck, werden anders bewertet als Politiker und müssen sich stärker beweisen. Bei Mersi wird das durch ihr junges Alter verstärkt. Laut Expert*innen betrauen Parteien Politikerinnen vor allem mit sozialen und familienbezogenen Themen, bei männlich konnotierten Themen finden sie oft wenig Gehör.  Mersi bricht aus diesen Strukturen aus und beschäftigt sich viel mit Bildungsgerechtigkeit, Sicherheitspolitik und ist darüber hinaus innenpolitisch aktiv. Dabei trifft sie oft auf Erstaunen. Trotzdem endet der Sexismus hier nicht. Parolen wie „Frauen gehören an den Herd“ und sexistische Kommentare über Aussehen und Auftreten sind für Politikerinnen wie Mersi noch immer Alltag. 

Intersektionaler Feminismus

Mersi erinnert sich noch gut an den Morgen, an dem der Wahlkampf mit dem Aufhängen von Wahlplakaten begann. Es war acht Uhr am letzten Januarwochenende dieses Jahres. Draußen war es kalt, doch Mersi spürte davon kaum etwas. Zu groß war ihre Nervosität. Die ganze Nacht hatte sie wachgelegen, mit Angst und dem Gedanken, dass ihre Spitzenkandidatur nun Wirklichkeit werden würde. Über 60 ehrenamtliche Helfer*innen trafen sich im Linkseck. Zu zehnt brachen sie auf nach Stuttgart West, Mersis Auto voll beladen mit Wahlplakaten. Es ging endlich los. Mersis Gesicht wird am Ende des Tages in der ganzen Innenstadt zu sehen sein. Neben Angst verspürte Mersi auch ein Gefühl von Stärke. Sie würde endlich die Themen vertreten können, die ihr bis heute am Herzen liegen. 

Doch die Vorfreude wurde schnell zum Albtraum: Zum Angriff gegen Mersi, ihre Herkunft und ihr Dasein. Weniger als eine Woche später erhält sie Fotos von Plakaten, auf die jemand Hakenkreuze geschmiert hatte. Ihr Terminkalender ist voll, daher verdrängt sie diese Nachricht zuerst. Am Abend empfand sie immer stärker das Bedürfnis: „Ich muss es sehen“. Vor Ort filmte sie die Tat, um später auf Social Media darüber aufklären zu können. Zurück im Auto spürte sie, wie ihr der Atem stockte. Fassungslosigkeit prasselte auf sie ein. Bis sie sich selbst daran erinnerte: „Das muss dir nicht die Hoffnung nehmen. Das ist dein Motor, das ist der Grund, warum du das machst“. Sie wurde hier nicht nur als Frau oder Politikerin angegriffen, sondern vor allem für ihren migrantischen Hintergrund.

Linken Wahlplakate, die mit einem Hakenkreuz beschmiert wurden (Wahlkampf BW-Landtag 2026)
Die Verwendung von Hakenkreuzen ist in Deutschland strafbar.
Quelle: Mersedeh Ghazaei

Mersi macht sich mit ihrem öffentlichen, politischen Auftritt zur Zielscheibe. Eine weitere große Hürde, vor allem für migrantische Frauen, in die Politik zu gehen. Mersi hält ihr Privatleben, Familie und Freunde aus der Politik und Social Media heraus, um sie zu schützen.

Intersektionaler Feminismus

Eine bedeutsame Ausprägung des Feminismus ist der intersektionale Feminismus. Er benennt die zeitgleiche Mehrfachdiskriminierung marginalisierter Personen und Gruppen, hinsichtlich sozialer Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe bzw. Ethnizität, Alter, Klasse und Behinderung. 

Soziale Identitäten von Menschen überschneiden sich, beispielsweise kann eine lesbische Frau zugleich durch ihre Behinderung Diskriminierung erfahren. Möglicherweise ist sie als Alleinerziehende weiteren Benachteiligungen ausgesetzt. Diskriminierende Erfahrungen sammeln sich an und verstärken sich.

Quelle: Friedrich Ebert Stiftung

Nicht nur Mersi erfährt Angriffe. Beispielsweise zündete jemand die Wahlplakate ihrer Parteigenossin Luna Monteiro Bailey an. Sie ist eine Frau, schwarz und queer, daher treten die Angriffe gegen ihre Person verstärkt auf. Mersi betont, wie wichtig der intersektionale Feminismus ist, da manche Frauen eben mehr Hass erfahren als andere. 

Was muss sich ändern?

Ein Ansatz zur Erhöhung des Frauenanteils im BW-Landtag war die Einführung der Landesliste in Baden-Württemberg. Landeslisten sind Listen von Parteien, auf denen steht, wer in den Landtag kommen soll. So können Parteien mehr Frauen ins Parlament bringen, indem sie Frauen und Männer abwechselnd auf die Liste setzen.

Da Frauen trotz dieser Maßnahmen weiterhin unterrepräsentiert sind, fordert Mersi eine Frauenquote innerhalb der Parteien. Dies wird in der Linken bereits umgesetzt. Dadurch sollen Ausreden wie „es gab kein politisches Interesse von Frauen“ vorgebeugt werden.

„Hauptsache man traut sich. Weil das, was wir zu sagen haben, was wir Menschen mit Migrationsgeschichte zu sagen haben, was wir Frauen zu sagen haben, das braucht die Welt und das verändert die Welt.“
Mersedeh Ghazaei