Politik&Aktion

Hackerangriff
Anonymous an der Seite der Ukraine

Das Hacker*innen-Kollektiv „Anonymous” setzt sich schon seit 2008 für Ziele wie die Redefreiheit ein. | Bild: Marie Pütter

Hackerangriff Anonymous an der Seite der Ukraine

Das Hacker*innen-Kollektiv „Anonymous” setzt sich schon seit 2008 für Ziele wie die Redefreiheit ein. | Bild: Marie Pütter
 

12 May 2022

„Anonymous“: Kapuzenpullover, Gestalten vor ihren Bildschirmen und die charakteristische Maske. Diese Dinge fallen den meisten Menschen beim Thema Hacking als erstes ein. Können die Hacker*innen tatsächlich das Ende des Krieges zwischen der Ukraine und Russland bewirken?

Marie Pütter

Crossmedia Redaktion und Public Relations
seit Wintersemester 2021/22

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Seit dem 24. Februar 2022 führt die russische Regierung Krieg gegen die Ukraine. Noch am selben Tag hat das Hacker*innen-Kollektiv „Anonymous” sich auf die ukrainische Seite gestellt und einen Cyberkrieg gegen Russland ausgerufen. Der Begriff setzt kriegerische Elemente mit den Attacken im Netz gleich und zeigt so, dass der Krieg durch verschiedene Akteure geführt wird. Das Kollektiv droht Russland lahmzulegen, indem sie Attacken auf verschiedene Bereiche der Infrastruktur ausführen. Die Hacker*innen verkündeten, dass der russische Präsident Vladimir Putin nun auch die Online-Aktivist*innen zu fürchten habe. Kann mit ein paar Tastenkombinationen tatsächlich die Welt gerettet und ein Krieg beendet werden? 

Hacker*innen werden in Film und Fernsehen meist sehr typisch dargestellt: mysteriöse, einsame Nerds, die in ihren dunklen Zimmern nur mit Einsen und Nullen zu tun haben. Bei dieser Darstellung geht aber oftmals viel von der Wahrheit verloren, um möglichst viel Spannung aufzubauen. Dieses Problem tritt auch bei „Anonymous” auf, da die Berichte über die Hacker*innen-Angriffe in den Medien häufig dramatisiert werden.

Wer steckt hinter der Maske?

In erster Linie ist „Anonymous” ein reines Internetphänomen, das weltweit von verschiedenen Gruppen oder Einzelpersonen verwendet wird. Dirk Engling, ein Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), erzählt, dass Anonymous von der Presse hochgespielt werde zum übermächtigen Hacker*innen-Kollektiv. Er findet, es sei wichtig festzuhalten, dass es sich nicht um einen festen Zusammenschluss von Hacker*innen handelt, sondern um Einzelpersonen und Gruppierungen, die anonym Daten in Chatgruppen veröffentlichen. Die „Hacktivist*innen”, also Aktivist*innen, die mit Hackangriffen im Netz demonstrieren, haben die Möglichkeit, sich dem bekannten Namen anzuschließen, um so an Reichweite zu gewinnen. Der Begriff Hacker*innen-Kollektiv sei daher irreführend. Es würde sich bei „Anonymous” um einen losen Namen handeln, der häufig auch erst im Nachhinein zugefügt wird. Dies bedeutet nicht, dass die Macht der Angriffe unterschätzt werden sollte. 

Infografik: Mit Video-Botschaften oder Nachrichten auf Twitter hat "Anonymous" schon vielen Menschen den Krieg erklärt | Bild: Marie Pütter

Der Ablauf dieser Cyberangriffe ist genau aus diesem Grund „sehr unterschiedlich, da es auf die Akteure ankommt. Also auf die Angreifer, die Betroffenen und das Ziel des Angriffs”, erklärt IT-Sicherheitsexperte Manuel Atug. „Ich denke, dass das Angriffe auf IT-Umgebungen sind, die gezielt Software-Schwachstellen oder Konfigurationsfehler ausnutzen, um sich einen unberechtigten Zugriff zu verschaffen”, schildert der Experte. Dirk Engling ordnet genauer ein, dass viele solcher Angriffe mit einem ziellosen Herumstöbern starten und dass es nicht immer deutliche Ziele im Vorhinein gibt.

„Cyberwar”- Ein Krieg gegen Putin im Netz? 

Noch am selben Tag der russischen Invasion in die Ukraine erschien die offizielle Kriegserklärung von „Anonymous” gegen den russischen Regierungsapparat auf Twitter. Die verschiedenen Aktivitäten laufen alle unter dem Namen „Operation Russia“. Auf dem Twitter-Account von „Anonymous“ haben sie sich zu den Angriffen auf mehrere Websites russischer Staatsmedien, Banken, Ministerien, Tageszeitungen und TV-Sender bekannt. Einige TV-Sender wurden für einen kurzen Zeitraum übernommen und es wurden pro-ukrainische Botschaften auf Russisch gezeigt. Auf der Internetseite einer russischen Tageszeitung erschien ein „Anonymous”-Banner mit der Schrift: „Wir fordern Sie dringend auf, diesen Wahnsinn zu stoppen, schicken Sie Ihre Söhne und Ehemänner nicht in den sicheren Tod”. Zudem wurden die E-Mail-Adressen und Telefonnummern von russischen Staatsbürgern veröffentlicht und es wurde der Aufruf gestartet, dass man diese Leute direkt kontaktiert, um ihnen mitzuteilen, was in der Ukraine passiert.

"Anonymous" verkündet Kriegserklärungen oder aktuelle Angriffe meist über Twitter | Bild: Marie Pütter
Der Angriff auf Russland ist der größte Hack-Angriff von "Anonymous" | Bild: Marie Pütter
Offizielle "Kriegserklärung" auf Twitter | Bild: Marie Pütter
Auf einem Streaming-Sender wurden über die Untertitel Botschaften an die russische Bevölkerung gesendet | Bild: Marie Pütter
Aufruf an alle Follower: jeder soll helfen | Bild: Marie Pütter

Sind diese Angriffe kriegsentscheidend?

„Es ist eher eine symbolische Geste und eine klare politische Positionierung.” – Manuel Atug, IT-Sicherheitsexperte

Dirk Engling und Manuel Atug sind sich einig: Nachhaltige Folgen haben diese Angriffe nicht, da keine infrastrukturell wichtigen Ziele langanhaltend gestört werden. „Der Krieg kann damit nicht gewonnen werden, auch dann nicht, wenn alle  Hacktivisten an einem Strang ziehen”, erklärt der Sprecher des Chaos Computer Clubs. Manuel Atug betont, dass „sowohl die Bevölkerung in der Ukraine als auch die Truppen moralische Stärkung erleben“. Die Symbolik der Angriffe würde also im Vordergrund stehen. Trotzdem könne gerade durch diese Botschaften erreicht werden, dass russische Staatsbürger von den Geschehnissen auch aus anderer Perspektive erfahren. Es sei schwierig, dabei einzuschätzen, ob immer die richtige Zielgruppe erreicht wird, da auch Zivilist*innen geschädigt werden können. Es gibt nicht den einen Zahlencode, der ein sofortiges Ende des Krieges herbeiführen kann. Allerdings können die vielen kleinen Angriffe in Summe trotzdem einiges bewirken.