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Kultur&Gemeinschaft

Digitaler Antisemitismus
Alter Hass in neuen Medien

Die Synagoge mit Gemeindezentrum in der Hospitalstraße in Stuttgart bekommt derzeit verstärkt Polizeischutz. | Bild: Maura Münter

Digitaler Antisemitismus Alter Hass in neuen Medien

Die Synagoge mit Gemeindezentrum in der Hospitalstraße in Stuttgart bekommt derzeit verstärkt Polizeischutz. | Bild: Maura Münter
 

21 May 2021

In Baden-Württemberg ist jüdisches Leben nicht mehr ohne Polizeischutz zu denken. Auch online droht die Gefahr. Oft reicht nur ein Klick, um im Netz auf antisemitische Kommentare zu stoßen. Was können wir dagegen tun?

Maura Münter

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
seit Sommersemester 2018

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Lea Dillmann

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2017
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"Schön, dass diese Religion die NS-Zeit überdauert hat. Schade, dass sie bis heute Genitalverstümmelung an Kleinkindern betreibt." Der Kommentar zählt 25 Daumen hoch, während andere nicht mal einen bekamen. Er reiht sich in eine Liste von über 800 Nutzer*innenkommentaren unter einem Youtube-Video des Wissens- und Unterhaltungsmagazins Galileo. Der Beitrag erzählt die Geschichte von Anton, einem von 200.000 Juden in Deutschland. 

Die Anzahl antisemitischer Online-Kommentare hat sich laut Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel zwischen 2007 und 2017 vervierfacht. Jeden Tag würden Tausende neue Kommentare hinzukommen. Schwarz-Friesel von der Technischen Universität Berlin hat gemeinsam mit einem Team erforscht, wie Judenhass im Internet verbreitet wird. Über vier Jahre lang haben sie Texte im Netz analysiert. Darunter waren Nutzerkommentare von sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook und Instagram, aber auch von Fan-Foren und Blogs.

Antisemitische Inhalte bleiben jahrelang ungelöscht

"Unsere Analysen zu Google-Suche und Ratgeber-Portalen zeigen, dass oft mit nur einem Klick nach Eingabe eines Schlagworts wie Jude(n), Judentum, Pessachfest oder Israel Userinnen und User unvorbereitet auf Antisemitismen treffen", schreibt Schwarz-Friesel in einem Online-Beitrag für den Deutschen Kulturrat. Die Inhalte blieben zum Teil jahrelang ungelöscht. Gleichzeitig nimmt die digitale Welt immer mehr Raum in unserem alltäglichen, eigentlich analogen, Leben ein. In Deutschland nutzten im Jahr 2020 rund 94 Prozent der Bevölkerung das Internet, die Mehrheit sogar täglich, wie eine Onlinestudie der ARD und des ZDF zeigt

Doch warum erlebt der Antisemitismus gerade jetzt wieder einen Aufschwung? Der Beauftragte gegen Antisemitismus in Baden-Württemberg, Michael Blume, sieht hierfür die veränderte Medienwelt als ausschlaggebend. Die Medien hätten durch die Entwicklung des Internets noch nie so viel Macht gehabt wie heute. Nahezu rund um die Uhr seien Menschen durch die Nutzung eines Smartphones den Medien ausgesetzt. Gleichzeitig seien wir alle zu sogenannten Prosument*innen geworden, so Blume weiter. "Das heißt, wir konsumieren nicht mehr nur Medien, wir produzieren sie auch."

Was ist Antisemitismus?

Die Internationale Allianz zum Holocaustgedenken (IHRA) definiert den Begriff so:

"Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen."

An dieser Definition orientieren sich Arbeitskreise, Institutionen und Nationen weltweit, unter anderem auch das Land Baden-Württemberg. 

Ausgerechnet Online-Kampagnen und Institutionen, die gegen Antisemitismus vorgehen und für Aufklärung sorgen, werden als Plattform für Hassbotschaften missbraucht. Das bestätigt die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS). Bei der RIAS können antisemitische Anfeindungen – egal ob diese im Netz oder im realen Leben geschehen – gemeldet werden. Von denen im Jahr 2020 dokumentierten Fälle in Berlin betrafen die meisten jüdische und israelische Institutionen. Insgesamt dokumentierte die Meldestelle 550 antisemitische Vorfälle im Internet, rund 30 Prozent mehr als im Vorjahr.

Was kann jede*r Einzelne tun, um digitalen Antisemitismus zu bekämpfen? Der Beauftragte gegen Antisemitismus, Michael Blume, und die Social-Media-Redakteurin Madeleine Hellmann geben Tipps.

Judenhass kann unterschiedliche Formen annehmen

Beiträge im Netz können offen antisemitisch sein, andere versteckt. Das macht es nicht einfach, diese sofort zu erkennen. Dies liegt daran, dass Judenhass unterschiedliche Formen annehmen kann. Antisemitismus schließt zum Beispiel Hass gegen Jüdinnen und Juden als Menschen ein. Sie gelten schon seit vielen Jahrhunderten als “die Bösen” – angeblich getrieben von Geldsucht, Machtgier und anderen negativen Eigenschaften. Antisemitische Äußerungen findet man immer wieder auch in einem religiösen Kontext. Zum Beispiel existiert die Behauptung, die Juden hätten Schuld am Tod Jesu. 

Judenfeindliche Beiträge zu erkennen wird dann schwieriger, wenn sich User*innen in eine politische Debatte einklinken. Politischer Antisemitismus behauptet, Anhänger des Judentums würden politischen Ziele gemeinsam durchsetzen wollen. Menschen, die diese Ansichten teilen, stützen sich dabei auf Verschwörungsmythen und halten an einer sogenannten jüdischen Weltverschwörung fest. Sie vertreten die Meinung, Jüd*innen würden zusammen Kriege anstiften, andere Nationen auslöschen wollen. Die durch die Corona-Krise hervorgerufenen Ängste und Unsicherheiten in der Gesellschaft haben diese Muster wieder zum Vorschein gebracht. Dies wird im realen Leben immer wieder sichtbar, zum Beispiel auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Aber auch im Netz, in öffentlich zugänglichen Kanälen wie auf der Plattform Telegram, deren Follower*innen-Zahlen stetig wachsen.

Beiträge im Netz können offen antisemitisch sein, andere versteckt. Klick Dich durch die Bildergalerie und lerne drei Beispiele von Antisemitismus im Alltag kennen. | Bild: Lea Dillmann
Beiträge im Netz können offen antisemitisch sein, andere versteckt. Klick Dich durch die Bildergalerie und lerne drei Beispiele von Antisemitismus im Alltag kennen. | Bild: Lea Dillmann
Beiträge im Netz können offen antisemitisch sein, andere versteckt. Klick Dich durch die Bildergalerie und lerne drei Beispiele von Antisemitismus im Alltag kennen. | Bild: Lea Dillmann
Beiträge im Netz können offen antisemitisch sein, andere versteckt. Klick Dich durch die Bildergalerie und lerne drei Beispiele von Antisemitismus im Alltag kennen. | Bild: Lea Dillmann
Beiträge im Netz können offen antisemitisch sein, andere versteckt. Klick Dich durch die Bildergalerie und lerne drei Beispiele von Antisemitismus im Alltag kennen. | Bild: Lea Dillmann

Jeder vierte Deutsche hat antisemitische Gedanken

So verschieden wie Antisemitismus in seiner Ausdrucksform ist, so verschieden sind auch die Menschen, die diese Ansichten vertreten. Laut einer Studie von der Agentur der Europäischen Union (EU) für Grundrechte (FRA) zu Antisemitismus in der EU aus dem Jahr 2018 kann nicht eine Personengruppe allein für antisemitische Vorfälle verantwortlich gemacht werden. Das bestätigt eine Befragung des Jüdischen Weltkongresses aus dem Jahr 2019. Demnach hat jeder vierte Deutsche antisemitische Gedanken. Das zeigt: Im Netz lässt sich nicht jeder Kommentar einer bestimmten Personengruppe zuordnen.

Meldestellen Antisemitismus Antisemitische Inhalte im Netz können nicht nur auf den Plattformen selbst gemeldet werden, in Deutschland bestehen dafür extra eingerichtete Meldestellen. | Bild: Lea Dillmann

Im Kampf gegen Antisemitismus

In Baden-Württemberg steht das Projekt "Jung und jüdisch" beispielhaft für einen lebendigen Austausch zwischen jungen Menschen zum Thema Judentum, erklärt Blume. Dabei werde auch auf digitale Ausspielwege zurückgegriffen. Ein Film, produziert von der Filmakademie Baden-Württemberg, soll die Geschichte jüdischen Lebens und seine tiefe Verwurzelung in Baden-Württemberg würdigen. Dadurch soll das verstaubte Bild von Jüdinnen und Juden durch junge jüdische Menschen abgelöst werden. Blume betont: "Wir müssen lernen, dass man auf das Bekenntnis 'Ich bin Jude' nicht antworten muss 'Oh, Du tust mir aber leid', sondern, dass wir die Erfahrung machen: Das sind Menschen wie alle anderen auch."

Maura Münter und Lea Dillmann haben im Wintersemester 2020/21 an der Hochschule der Medien einen Kurs über digitalen Antisemitismus mit Dr. Michael Blume besucht, dem Beauftragten gegen Antisemitismus in Baden-Württemberg. Das Seminar wurde als "Buber-Rosenzweig-Lehrauftrag gegen Antisemitismus" vom deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit finanziert.