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Migration
„Saliha“– eine von vielen unerzählten Geschichten

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Esrah Ugurlu spielt „Saliha“ mit musikalischer Begleitung von Haki Kiliç. | Bild: Regina Brocke

Migration „Saliha“– eine von vielen unerzählten Geschichten

Esrah Ugurlu spielt „Saliha“ mit musikalischer Begleitung von Haki Kiliç. | Bild: Regina Brocke
 

22 Jan 2023

Die eigene Heimat hinter sich lassen, um den Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Dieses Schicksal betrifft Saliha, deren Geschichte im Theaterstück „Saliha. Die unsichtbaren „Gast“- Arbeiterinnen“ erzählt wird – eine Rezension.

Zehra Sahin

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2022
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Angekommen am Stuttgarter Hauptbahnhof steht Saliha allein da. Mit nur einem Koffer in der Hand, in einem fremden Land, in dem alle Menschen eine fremde Sprache sprechen. Die Szene beschreibt ihre Hoffnung in Deutschland arbeiten zu können, um ihren, in der Türkei zurückgelassenen, Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Die Geschichte von Gastarbeiter*innen

Zwischen 1955 und 1973 sind circa 14 Millionen Arbeitsmigrant*innen aus Ländern wie der Türkei, Italien, Griechenland und Spanien im Rahmen von Anwerbeabkommen nach Deutschland gekommen. Geplant war ursprünglich, dass diese nach ihrer Arbeit als Gastarbeiter*innen wieder zurück in ihre Heimat kehren. Doch es kam anders: Ein großer Teil der Arbeiter*innen sind mit ihren Familien bis heute in Deutschland geblieben.

Die Geschichte von Saliha

Das Theaterstück „Saliha. Die unsichtbaren „Gast“-Arbeiterinnen“, ist im Theaterhaus Stuttgart zu sehen. Dargestellt wird die Geschichte von Saliha Kartag, nach dem Buch „Eine Türkische Geschichte“ von Abdulvahap Cilhüseyin. Saliha ist im Winter 1962, aus der Stadt Sivas in der Türkei, als Arbeitsmigrantin nach Stuttgart gekommen.

Das Stück „Saliha. Die unsichtbaren „Gast"- Arbeiterinnen" zu sehen im Theaterhaus Stuttgart.

Saliha auf der Bühne

Stark, herzlich und eigenwillig. So beschreibt Schauspielerin Esrah Ugurlu ihre Rolle als Saliha. Es gelingt ihr, ihre Rolle authentisch zu spielen: Das Publikum erlebt ihre Reise hautnah mit und begleitet sie auf ihrem Weg. Dabei steht sie nur mit der Musik ihrer Heimat, gespielt von Haki Kiliç, auf der Bühne. Die Musik hat laut der Regisseurin die gleiche Bedeutung wie das Schauspiel. Sie bringt Salihas Emotionen zum Ausdruck. Das Bühnenbild ist insgesamt sehr schlicht gehalten. Anfangs sind als Requsiten nur Dinge wie ein Wäschekorb und ein Kleiderständer zu sehen. Später kommen Koffer und ein Wechsel von ihrem Kleidungsstil hinzu. Aus einfachen und bunten Kleidungsstücken werden einfarbige Kleider und Mäntel. Besonders auffällig ist ein Seil auf der Bühne, welches anfangs entlang der Bühne, dann diagonal auf der Bühne und schließlich um die Musik herum, also um Haki Kiliç, platziert ist. Das Seil könnte für Salihas Heimatgefühl stehen, da nur die Musik, die durch das Seil vom Rest der Bühnenfläche abgegrenzt wird, sie in Deutschland an ihre Heimat erinnert.

Die Emanzipation von Saliha

Der Entwicklungs- und Emanzipationsprozess von Saliha steht in der Handlung im Zentrum: Die Entwicklung einer jungen Frau aus einem kleinen Dorf aus der Türkei zu einer mutigen Frau, die es allein geschafft hat, sich und ihren Kindern eine Zukunft aufzubauen. Dies erfolgt durch die Trennung von ihrem gewalttätigen Mann und durch ihre starke Eigenwilligkeit. „Da habe ich mich entschieden, dass mich nie wieder ein Mann so behandeln darf.“ Mit diesem Vorsatz, hilft Saliha auch ihrer Nachbarin in Deutschland dabei, sich von ihrem gewaltsamen Mann zu trennen. Damit soll das Stück gegen jede Art von Gewalt gegenüber Frauen appellieren, so Regisseurin Anina Jendreyko.

Da habe ich mich entschieden, dass mich nie wieder ein Mann so behandeln darf. – Esrah Ugurlu in ihrer Rolle als Saliha

Mehr Aufmerksamkeit für Gastarbeiter*innen

Im Theaterstück wird nicht nur das Schicksal eines Menschen dargestellt. Saliha steht symbolisch für eine ganze Generation von Gastarbeiter*innen, ohne die das Wirtschaftswunder in Deutschland nie stattgefunden hätte. „Die Geschichte auszulöschen, das ist die Einladung zur Wiederholung.“ Die Regisseurin des Stücks betont mit dieser Aussage, dass unsichtbare Geschichten anerkannt und wertgeschätzt werden müssen, um unsere heutige Realität zu verstehen und unsere Zukunft besser gestalten zu können. Genau diese Aspekte werden im Spiel aufgenommen. Es wird über bestimmte Abläufe, wie den Gesundheitsprüfungen, welche die potenziellen Arbeiter*innen abschließen mussten, aufgeklärt und es wird zudem Archivmaterial gezeigt, das dem Publikum einen realitätsbezogenen Einblick in die Geschichte gibt. 

Saliha, besorgt über die Hindernisse die sie auf ihrer Reise begleiten. | Bild: Regina Brocke
Einblick in die Arbeit einer Gastarbeiterin der 1970er. | Bild: privat

Eine von vielen Geschichten

Anina Jendreyko betont ganz klar, dass es sich im Theaterstück um keine Stigmatisierung von bestimmen Rollenbildern handelt. Salihas Geschichte ist nur eine von vielen Geschichten, welche ebenfalls noch erzählt werden müssen und für diese weitere Bühnen zur Darstellung benötigt werden. Das Stück stellt sich gegen jede Art von Ausgrenzung, egal ob getrieben von rassistischen oder frauenfeindlichen Motiven und möchte Aufmerksamkeit beim Publikum erzeugen. Dies gelingt, da kritisch über Verfahren der Anwerbeabkommen berichtet wird. Das Anschauen lohnt sich sehr, denn klar wird: Gastarbeiter*innen sind in keinem Fall eine homogene Masse, deren Geschichte mit einer Erzählung abgedeckt werden kann.

Infos über den Spielplan findet ihr auf der Website vom Theaterhaus Stuttgart.