Nachdem sie das Wintersemester in Antwerpen verbracht hat, ist Wibke jetzt wieder zurück in Stuttgart. | Bild: Lara Schüttler

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Lernen in der Ferne

Nachdem sie das Wintersemester in Antwerpen verbracht hat, ist Wibke jetzt wieder zurück in Stuttgart. | Bild: Lara Schüttler

27 Jul 2020

Auslandserfahrungen werten jeden Lebenslauf auf. Die Möglichkeiten dafür sind mittlerweile endlos. Für Studierende bietet es sich an, ein oder zwei Semester ihrer Studienzeit im Ausland zu verbringen. Wer dabei innerhalb von Europa bleibt, kann vom Erasmus-Programm der EU profitieren. Auch Wibke hat diese Chance genutzt und fünf aufregende Monate in Belgien verbracht.

Kleine Gassen, gemütliche Cafés, individuelle Boutiquen, im Hintergrund Möwengekreische – da kommt Urlaubsfeeling auf. Aber nur fast: Wibke hat Antwerpen nämlich nicht als Reiseziel für einen kurzen Städtetrip gewählt. Ein Semester lang hat sie in der belgischen Stadt an der Artesis Plantijn Hogeschool studiert. „Für mich war schon früh klar, dass ich ins Ausland will. Wenn die Voraussetzungen und Möglichkeiten gegeben sind, dann finde ich es eigentlich eine schöne Sache. Vor allem, wenn man auch noch von Erasmus gefördert wird.“

Erasmus heißt seit 2014 eigentlich Erasmus+. Den meisten ist das Förderprogramm der Europäischen Union (EU) für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport jedoch immer noch unter seinem alten Namen geläufig. Inhaltlich hat sich aber einiges verändert. Beispielsweise hat die EU das Programm-Budget weiter aufgestockt. Bis 2020 sollen jetzt 14,7 Milliarden Euro dafür sorgen, dass Lehrende und Studierende gut ausgestattete Bildungseinrichtungen vorfinden und ihren Aufenthalt nicht aus eigener Tasche finanzieren müssen. Dabei ist es unwichtig, ob man im letzten Semester nur Einsen abgesahnt hat oder der Schnitt noch Luft nach oben hat: Um ein Stipendium kann sich jeder immatrikulierte Student aus den 28 EU-Mitgliedsstaaten und Partnerländern wie zum Beispiel Norwegen, Serbien, Israel oder Russland bewerben. 

Planung ist das A und O

Hat man eine passende Hochschule oder Universität gefunden, kommt einiges auf einen zu: Zur Bewerbung zählen ein Lebenslauf, ein Motivationsschreiben und eventuell sogar ein Auswahlgespräch. Wibke, die derzeit im siebten Semester an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart studiert, hat schon über ein Jahr vor ihrer Abreise damit begonnen, sich mit diesen Schritten zu beschäftigen. „Im Frühjahr 2017 habe ich die Zusage bekommen, aber dann musste ich mich noch an der Hochschule direkt bewerben, auch mit Bewerbungsvideo. Das war zwar etwas aufwändiger, aber ich wollte den Platz unbedingt“, sagt sie.

Dass man sich früh genug umfassend informieren sollte, kann auch Martina Schumacher, Leiterin des Akademischen Auslandsamtes an der HdM, bestätigen: „Viele Studierende sind sich nicht darüber im Klaren, dass es überall unterschiedliche akademische Kalender gibt.“ Das führe oft zu Terminüberschneidungen: zum Beispiel, wenn in Deutschland noch eine Prüfung ansteht, das neue Semester im Ausland zu diesem Zeitpunkt aber schon begonnen hat. Allerdings seien die meisten Probleme lösbar, wenn man sich rechtzeitig darum kümmere, so Schumacher.

Seit 1987 unterstützt die Europäische Union studienbedingte Auslandsaufenthalte. Früher lief das noch unter den Namen „Sokrates“ oder „Programm für lebenslanges Lernen“. | Bild: Lara Schüttler

Auf nach Belgien!

Ihren Platz an der Hochschule hatte Wibke irgendwann sicher. Ein Platz zum Wohnen, Essen und Schlafen stand ihr hingegen noch nicht in Aussicht. „Die Wohnungssuche war tatsächlich nicht so einfach, vor allem nur für fünf Monate. Zwischenzeitlich dachte ich wirklich, dass das in einer Studentenstadt wie Antwerpen noch richtig schwierig wird“, erinnert sie sich. Untergekommen ist sie letztendlich über eine private Organisation, die Zimmer in Häusern an Studenten und Studentinnen vermietet.

Anfang September 2017 hieß es schließlich Sachen packen und ab nach Belgien. Schon nach sechs Stunden Fahrt war Wibke in ihrer neuen Heimat angekommen. Erwartungen habe sie keine gehabt, wollte es einfach mal auf sich zukommen lassen. „Durch die Atmosphäre, die Leute, die Stadt habe ich mich schnell wohl und zu Hause gefühlt. Auch, weil Deutschland und Belgien ähnliche Werte haben, Demokratien sind und eine ähnliche Geschichte haben. Da gibt es viele Parallelen.“

Nicht nur Land und Leute ähneln ihrer Heimat. Auch die Sprache weist Parallelen auf. Verstehen könne man zwar nicht alles, aber einiges ließe sich herleiten und sei dann „auch ganz witzig“. Wenn Wibke im Supermarkt auf Flämisch oder Niederländisch angesprochen wurde, konnte sie trotz einer Woche Sprachkursleider nicht wirklich antworten. „Das war aber kein Problem, da waren alle sehr offen und hilfsbereit“, sagt sie.

Spanien und Großbritannien als Topziele

Belgien als Gastland haben viele nicht unbedingt auf dem Schirm, das bestätigt auch die Statistik. Gerade mal 844 deutsche Studierende haben laut dem Deutschen Akademischen Austauschdienst im Erasmus-Jahr 2016 ihr Auslandssemester dort verbracht. Spitzenreiter ist seit vielen Jahren Spanien, 2016 mit 6.490 deutschen Eingeschriebenen an den Hochschulen und Universitäten des Landes. Es folgt Großbritannien auf Rang zwei.

Auch an der HdM sei das Vereinigte Königreich sehr beliebt, so Schumacher. Sie erklärt das damit, dass viele Studierende gerne in die USA oder nach Australien möchten, diese Destinationen aber mit hohen Kosten und nur sehr wenigen Plätzen verbunden sind. Dass man am Ende an seinem Wunschziel landet, dafür gibt es laut der Expertin keine Garantie. Was sie jedoch versprechen kann: „Jeder der raus will, wird auch von uns rausgeschickt. Das ist uns sehr wichtig.“

Irgendwas ist immer

Land, Leute und Kultur entdecken und das Leben genießen? Ganz so entspannt geht es während der Monate im Ausland nicht zu. Auch dort müssen Prüfungen und Hausarbeiten geschrieben werden. Wibke verfolgte das Ziel, „das halbe Jahr nicht zu verschwenden“ und alle erforderlichen Leistungspunkte auch in Belgien zu erhalten. Umso ärgerlicher war es, dass sie diesbezüglich mit Problemen zu kämpfen hatte. „Mir war nicht ganz klar, warum ich welche Note bekommen habe. Das war schon etwas enttäuschend und schade.“ Ob es an der Umrechnung aus dem belgischen Punktesystem oder an missverständlichen Informationen gelegen hatte – zwei Monate später und zurück in Deutschland ließ sich das schwer nachvollziehen und: „Geändert hätte sich auch nichts mehr. Man will sich die Noten dann einfach nur noch anrechnen lassen“, sagt Wibke.

Mein Tipp ist, sich nicht zu sehr auf Fachliches und Noten zu versteifen. Bei dem Grundgedanken von Erasmus geht es schließlich auch noch um andere Dinge. – Martina Schumacher

Erasmus - die Balance von Leben und Lernen?

Das Erasmus-Klischee von durchgehend durchtanzten Nächten, das Leben genießen und das Studium erst an zweiter Stelle kann Wibke so also nicht bestätigen. Zu kurz kam all das trotzdem nicht. Gerade am Wochenende reiste Wibke durch Belgien und die Niederlande und konnte so mehrere Städte erkunden. Doch auch in Antwerpen gab es viel zu entdecken: den Hafen, die historischen Zunfthäuser mit den typischen Dächern, den Hauptbahnhof, den „Grote Markt“, kulturelle Veranstaltungen. „Oder man läuft einfach nur um die Ecke und es riecht nach frischen Waffeln.“ 

Rückblickend kann Wibke ihre Zeit in Belgien definitiv empfehlen: neue Leute und eine neue Kultur kennenlernen, „fünf Monate gezwungen zu sein, Englisch zu sprechen“, Antwerpen als Studentenstadt für einen Erasmus-Aufenthalt. Oder auch als Urlaubsziel: Wibke hat sich in die Stadt verliebt und stattet ihr schon in diesem Sommer bestimmt nicht zum letzten Mal einen Besuch ab.

Auch andere Länder haben viel zu bieten

Europas zweitgrößte Hafenstadt, Antwerpen, war für Wibke rückblickend auf jeden Fall die richtige Wahl für ihr Auslandssemester. | Bild: Wibke Kroll
Jonas hat sein Erasmus-Semester am Volda University College in Norwegen verbracht und dort einen Ort gefunden, „an dem man sich selbst finden, die Natur genießen und sich kreativ austoben kann“. | Bild: Jonas Közle
Auch Franziska war in Volda und hat dort das norwegische Unisystem schätzen gelernt: „Super fand ich, dass man nur zwei Kurse mit jeweils 15 ETCS pro Semester belegt und sich so auf diese voll und ganz konzentrieren kann.“ | Bild: Franziska Knoll
Die Organisation von ihrem Aufenthalt an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona hat Sandra zwar einige Nerven gekostet. Dafür hatte Barcelona aber eine spannende Skaterszene und viele coole, alternative Bars und Restaurants zu bieten. | Bild: Sandra Rötlich
Kim kann sowohl die Baltic Film, Media, Arts and Communication School in Tallinn, als auch die Stadt selbst weiterempfehlen. Vor allem die Gegensätze von alt und neu haben sie fasziniert. | Bild: Kim Joanna Groche
„In Edinburgh fühlt man sich auf Grund der Architektur ein bisschen wie im Mittelalter“, erzählt Aaron. Seit seinem Aufenthalt an der Napier University reist er mindestens ein Mal im Jahr nach Schottland, weil ihm Land und Leute so gut gefallen. | Bild: Aaron Kuder