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Abgeschlossenes Studium und (k)ein Job?

Volha Anikeyenka
Seit November 2025 ist Volha auf der Suche nach einem Job, der zu ihrem abgeschlossenen Masterstudium in Psychologie passt. | Quelle: Malash Varvara
21. Mai 2026

Abgeschlossenes Masterstudium, 281 geschriebene Bewerbungen und trotzdem kein Job. So wie Volha geht es aktuell vielen beim Direkteinstieg in den Arbeitsmarkt. Warum ist das so und was steckt hinter der Arbeitslosigkeit bei Absolvierenden?

Es ist früher Montagmorgen und die Sonne scheint durch die große Fensterfront eines Stadtcafes. Der Außenbereich, direkt vor dem Café, mit der grau weiß gestreiften Markise, den Klapptischen und Stühlen, ist noch leer. Und auch im Café selbst sind die kleinen rechteckigen Holztische und die Hocker an der großen Theke noch unbesetzt. Hier, in ihrem Lieblingscafé, arbeitet Volha Anikeyenka. Als Servicekraft in Teilzeit kümmert sie sich unter anderem um die Kasse und backt Kuchen. An diesem Morgen hat sie frischen Orangen-Lavendel-Kuchen und Schoko-Cookies gebacken. Die beiden Sorten stellt sie in eine kleine Kuchenvitrine auf der Cafétheke, direkt neben eine weitere Auswahl aus Himbeer-Mascarpone-Kuchen und Blaubeertarte. Der Job sei zwar eine Erleichterung und mache ihr Spaß, erzählt sie, „aber irgendwie ist das nicht das, was ich mir gewünscht habe oder warum ich sechs Jahre studiert habe.“ Geplant hatte Volha diesen Job nämlich nicht. 

An einer Universität in Sachsen absolvierte sie einen Master in Psychologie. Ihr Plan für danach war auch schon lange klar: Arbeiten. Am liebsten in Bereichen wie Personalmanagement, Schulpsychologie oder Personalentwicklung. „Anfang November 2025 […]. Da habe ich mich auf die erste Stelle beworben“, erinnert sie sich mit einem Lächeln. Damals schien für sie noch alles möglich, unwissend, was noch auf sie zukommen wird. Denn ihr Plan gerät ins Wanken. Trotz vieler Bewerbungen und bisheriger Erfahrungen aus Werkstudierendenjobs und einem Praktikum bekommt Volha nur Absagen. „Am Anfang dachte ich: naja okay, es ist schon Ende des Jahres und vielleicht sind einige Unternehmen schon im Weihnachtsmodus. Ab Mitte Januar habe ich mich dann schon gefragt: Wieso läuft das überhaupt nicht?", schildert sie frustriert. 

Seit ihrer ersten Bewerbung ist mehr als ein halbes Jahr vergangen und Volha ist immer noch auf der Suche nach einem Job, der zu ihrem Studium passt. Von Arbeitgebenden wünscht sie sich deshalb vor allem mehr Vertrauen in junge Berufseinsteiger*innen: „Wir müssen irgendwo anfangen zu arbeiten. Also gebt uns einfach die Chance, irgendwo anzufangen.“ Auf die Frage, wie viele Bewerbungen sie bisher geschrieben hat, muss sie nicht lange überlegen: Sie klappt ihren silbernen Laptop auf und öffnet eine riesige Excel-Tabelle. Darin hat sie alle bisherigen Bewerbungen und Infos aufgelistet, um den Überblick zu behalten. Was für andere unvorstellbar klingen mag, ist für sie schon lange Realität: „Bis heute sind es 281 Bewerbungen.“

Wie stehen die Chancen am Arbeitsmarkt aktuell?

Die Zahl der arbeitslosen Akademiker*innen in Deutschland steigt seit 2023 kontinuierlich an. Laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit erreichte sie 2025 mit 335.000 den höchsten Stand seit zehn Jahren. Dennoch liegt die Akademiker*innen-Arbeitslosenquote mit 3,3 Prozent nur knapp über der Schwelle zur Vollbeschäftigung, die häufig bei bis zu drei Prozent Arbeitslosigkeit angesetzt wird.

„Wir müssen irgendwo anfangen zu arbeiten. Also gebt uns einfach die Chance, irgendwo anzufangen.“
Volha Anikeyenka

Das Hauptproblem liege in der klassischen konjunkturellen Arbeitslosigkeit, erzählt Holger Schäfer, Senior Economist für Arbeitsmarktökonomik am Institut der deutschen Wirtschaft. „Wir haben eine gestiegene Arbeitslosigkeit, weil die Wirtschaftslage jetzt schon im dritten Jahr schlecht ist, stagniert, teilweise sogar zurückgeht und vermutlich auch 2026, schon im vierten Jahr, kein großes Wachstum hinzukommen wird.“ Die Arbeitskräftenachfrage der Betriebe sei gering, was aber nicht heiße, dass es mehr Entlassungen gäbe als früher. „Es ist nicht so, dass die Unternehmen entlassen und dadurch die Arbeitslosigkeit steigt. Sie steigt, weil die Firmen weniger einstellen “, so Schäfer. Beispielsweise, führt Schäfer weiter aus, würden viele Stellen, die aufgrund von Rente oder Abfindung frei werden, nicht nachbesetzt. 

41 Prozent der Akademiker*innen finden erst nach sechs Monaten oder später einen Job. Im Vergleich mit anderen Qualifikationsgruppen erzielen sie dennoch bessere Ergebnisse. | Quelle: Bundesagentur für Arbeit | Grafik: Jacqueline Stopper, erstellt mit Canva

Eine weitere Auswirkung der aktuellen wirtschaftlichen Lage ist die Unterauslastung der bestehenden Belegschaft durch ein schwaches Wirtschaftswachstum. Viele Unternehmen, sagt Schäfer, würden ihre bestehenden Mitarbeitenden erst wieder vollständig auslasten, bevor sie neue einstellen. „[…] diejenigen, die in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen, zum Beispiel Studierende, die jetzt ihren Abschluss machen, die stehen tatsächlich vor großen Schwierigkeiten, weil eben der Zugang erst mal schwer ist.“

Doch nicht nur die sinkende Nachfrage, sondern auch der technische Fortschritt könne, laut der Bundesagentur für Arbeit, den Einstieg erschweren. Aufgaben für Einstiegspositionen würden mittlerweile öfter von künstlicher Intelligenz übernommen. Alle diese Faktoren machen es jungen Menschen mit einem Bachelor- oder Masterabschluss schwer, einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden.

Jobaussichten sind nicht in allen Branchen gleich

Wie gut man einen passenden Job findet, ist jedoch auch stark von der Wahl des Studienfachs abhängig. Manche Studiengänge oder Berufsrichtungen haben, laut Bundesagentur für Arbeit, bessere Aussichten als andere:

Statistik - Anteil der Personen mit Studienabschluss, die mit einem bestimmten Berufsfeld in 2025 im Durchschnitt arbeitslos waren.
Volhas Studiengang hat die fünfthöchste Arbeitslosenquote. | Quelle: Bundesagentur für Arbeit | Grafik: Jacqueline Stopper
Statistik - Anteil der Personen, die mit einem bestimmten Studienabschluss in 2025 im Durchschnitt arbeitslos waren.
Die durchschnittliche Arbeitslosenquote der Personen mit Studienabschluss lag 2025 im Durchschnitt bei 3,3 Prozent. | Quelle: Bundesagentur für Arbeit | Grafik: Jacqueline Stopper

In Branchen wie beispielsweise Marketing und Werbung sowie Geisteswissenschaften ist die Arbeitslosenquote hoch. Beim Sozialwesen oder als Lehrkraft ist sie dagegen niedriger, was einen erfolgreichen Direkteinstieg wahrscheinlicher macht. Insgesamt ist die Arbeitslosenquote jedoch in fast allen dargestellten Bereichen gestiegen und macht die Jobsuche schwieriger.

Nie Zuversicht und Mut verlieren!

Volha lässt sich trotzdem nicht demotivieren. Sie hat für sich erkannt, dass ihre Situation nicht nur mit ihr persönlich zu tun hat, sondern Teil eines größeren Problems ist: Die Jobsuche und die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt betreffen viele Menschen in Deutschland und Europa. Das zeigt ihr: Sie ist nicht allein. Und genau das gibt ihr den Mut, weiter nach einem Job zu suchen. „Man muss einfach versuchen, durchzuhalten und zu verstehen, dass das nicht an dir liegt oder an deiner wenigen Erfahrung, sondern dass es gerade ganz allgemein schwierig ist und du nicht allein bist.“

Im Check: Der EU-Arbeitsmarkt

Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass im Mai 2026 1,84 Millionen Menschen in Deutschland erwerbslos sind. Demgegenüber stehen jedoch nur 641.000 gemeldete Arbeitsstellen. Im europaweiten Vergleich sieht die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt noch gut aus. Eurostat verzeichnete im Februar 2026 eine europaweite Arbeitslosenquote von 5,9 Prozent. Deutschland belegte mit vier Prozent den sechsten Platz

Aber wie schafft Volha es, auch nach so vielen Bewerbungen noch motiviert und positiv zu bleiben? Durch Familie und Freunde. Es hilft ihr, mit ihnen darüber zu sprechen. Und wenn ihr alles zu viel wird, trifft sie sich mit Freunden oder geht ihren Hobbies nach. 

„Man muss einfach versuchen, durchzuhalten und zu verstehen, dass das nicht an dir liegt oder an deiner wenigen Erfahrung, sondern dass es gerade ganz allgemein schwierig ist und du nicht allein bist.“
Volha Anikeyenka

Volha hat ihre Arbeitsstunden in ihrem Lieblingscafé inzwischen erhöht. Dennoch lässt sie sich ihre Zuversicht und ihren Plan nicht nehmen. Sie ist sich sicher, dass sie irgendwann den Job findet, auf den sie die letzten Jahre hingearbeitet hat.