Mut zur Lücke: Wenn Parken zum Luxus wird
Dieser Kommentar gibt - wie alle Meinungsbeiträge des edit.Magazins - ausschließlich die Meinung der studentischen Redakteurin wider. Es handelt sich nicht um die Meinung der HdM als Hochschule.
Für alle, die mit dem Auto anreisen, wird das Studium in Stuttgart-Vaihingen ab August um eine zusätzliche finanzielle Hürde erweitert. Das Land Baden-Württemberg führt durch die Parkraumgesellschaft Baden-Württemberg (PBW) eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung ein. Offiziell geht es um Nachhaltigkeit, Mobilitätswende und Kostendeckung. Ein realistischer Blick auf das Vorhaben offenbart jedoch ein erhebliches finanzielles Dilemma für pendelnde Studierende. Am 15. Juni startet die offizielle Buchungsphase und ab dem 1. August wird es für die Studierenden ernst. Der ursprüngliche politische Beschluss fiel schon 2018, vor acht Jahren. Wir schauen mal, was sich seit diesem Zeitpunkt für Studierende verändert hat.
In den letzten Jahren sind die Preise in fast allen Lebensbereichen explodiert. Während man 2018 für den Liter Super E10 noch rund 1,40 Euro gezahlt hat, waren es diesen April bereits ca. 2,10 Euro. Und das zusätzlich zur aktuell eher hohen Geldentwertung durch die Inflation. Die Lebenshaltungskosten sind im Studienalltag an allen Ecken gestiegen. Und bei der Parkraumbewirtschaftung klammert man sich weiterhin starr an Pläne aus dem letzten Jahrzehnt. Wie sollen sich Studierende, wenn sowieso schon alles teurer wird, auch noch die zusätzlichen Gebühren für das Parken leisten?
Bürokratie und Bahnchaos
Die behördliche Grundlage für das gesamte Konzept basiert im Kern sogar auf Daten aus dem fernen Jahr 1994. Damals wurde der Stuttgarter ÖPNV vom Land noch mit der Bestnote „Sehr gut“ bewertet, lange vor dem Großbauprojekt Stuttgart 21. Mit der heutigen Realität hat das nichts mehr zu tun. Der Umstieg auf die Schiene ist für viele Pendelnde keine verlässliche Alternative, da der ÖPNV mit dauerhaften Störungen sowie chronischer Unzuverlässigkeit kämpft und schlichtweg nicht bis in jedes Dorf reicht. Wie akut dieses Problem ist, zeigt sich pünktlich zum Start der Parkgebühren, wenn die S-Bahn-Stammstreckensperrung das System kollabieren lässt. Zwar lenkt die PBW hier kurzfristig mit einem reduzierten Sondertarif ein, das langfristige Problem löst dieses temporäre Zugeständnis jedoch nicht. Wie es bei den nächsten Sperrungen aussieht, die mit Sicherheit kommen werden, bleibt völlig offen. Ebenso wie die Preisgestaltung selbst: Die PBW behält sich schlicht vor, die Preise bereits nach zwölf Monaten wieder anzupassen. Von echter Planungssicherheit für Studierende kann nicht die Rede sein.
Automaten, Schranken und Scan-Cars
Ab August gehören Schranken, Automaten und Strafzettel zum studentischen Alltag. Statt durchdachter Mobilitätskonzepte liefert die Realität automatisierte Scan-Cars, deren einzige Mission das sekundenschnelle Aufspüren von Falschparkern ist. Damit bricht am Campus die Ära von „Pay-to-Win“ an. Wer es sich leisten kann, mietet sich in Zukunft einfach einen der begrenzten Plätze nach dem First-Come-First-Serve-Prinzip. Das offizielle Argument der „Kostendeckung“ wirft dabei Fragen auf: Wie hoch die Instandhaltungskosten dieser Flächen auf einmal sein sollen, wird von der PBW nicht eindeutig beziffert. Ein Blick auf andere Standorte wie Hohenheim zeigt, dass dort zwar aktuell billigeres Tagesparken möglich ist, langfristig jedoch ebenfalls Preisanpassungen nach oben debattiert werden, anstatt Tarife landesweit nach unten anzugleichen. Zur Zeit drängt sich eher der Eindruck auf, dass es darum geht mehr Geld in die Landeskasse zu bekommen, weil große Gewerbesteuer zahlende Unternehmen aus der Autoindustrie wegbrechen.
Gesamtkapazität: Über 30 Parkobjekte mit ca. 2.600 Plätzen.
Insgesamt stehen Studierenden 1.169 Plätze Dauerparken Verfügung.
Dauerparken = 25,00 € / Monat
Semesterticket= 125,00 € / 6 Monate (ca. 20,83 €/Monat)
Tagesparken= max. 4,00 € / Tag
Sondertarif = 2,00 € / Tag
während der Stammstreckensperrung (01.08.–12.09.2026).
Quelle: PBW https://www.pbw.de/parken/detail/748
Änderungen vorbehalten | Stand: Mai 2026 (Preise für die nächsten 12 Monate)
Die Einführung von Parkraumbewirtschaftung ändert nichts an der grundlegenden Infrastruktur am Campus. Das Angebot an Parkplätzen ist begrenzt, die Maßnahmen führen primär zu einer finanziellen Mehrbelastung. Betroffen sind davon insbesondere Studierende, die aufgrund mangelnder Anbindungen zwingend auf ein Auto angewiesen sind und ohnehin über ein geringes Budget verfügen. Dass die Parkraumbewirtschaftung das eigentliche Kapazitätsproblem am Standort Stuttgart-Vaihingen nicht verbessert, verdeutlicht folgendes Rechenbeispiel.
Rechenbeispiel
Am Campus Stuttgart-Vaihingen treffen die 5.500 Studierenden der HdM und rund 20.536 Studierenden der Universität Stuttgart
(insgesamt 26.036) auf eine Gesamtkapazität von gerade einmal 2.600 Parkplätzen. Davon sind lediglich 1.169 für das studentische Dauerparken vorgesehen.
Die mathematische Realität dahinter im Überblick:
Gesamtkapazität:
2.600 Parkplätze / 26.036 Studierende x 100 = 9,9861... % ca. 10,0 %
→ ca. für jeden zehnten Studierenden überhaupt eine physische Stellfläche bei der PBW
Studentisches Dauerparken:
1.169 Dauerparkplätze / 26.036 Studierende x 100 = 4,4899... % ca. 4,5 %
Natürlich pendeln nicht alle Studierenden mit dem Auto. Verlässliche Zahlen dazu gibt es leider noch nicht. Doch selbst bei einer defensiven Schätzung kommen wahrscheinlich mehr Studierende mit dem Auto, als die 4,5 %, für die studentisches Parken angeboten werden soll. Da über 95 % der Studierenden bei dieser Option leer ausgehen, ist die Befürchtung groß, dass auch der Parkdruck auf die umliegenden Wohngebiete steigt. Der Unmut über die aktuelle Parkraumsituation steigt, dies zeigt sich unter anderem in einer Online-Petition, die sich an das Land und an die PBW wendet. Unter anderem wird dort die zusätzliche finanzielle Belastung für Studierende und Mitarbeitenden an den Bildungsstätten kritisiert.
Die vermeintlich grünen Anreize gelten nur für diejenigen, die es sich ohnehin kaum leisten können. Wer keine finanzielle Unterstützung erhält, ohnehin jeden Cent drei Mal umdrehen muss und zwingend auf das Auto angewiesen ist, wird für den bloßen Versuch, sich weiterzubilden, wirtschaftlich sanktioniert. Echte Anreize schafft man durch einen attraktiven ÖPNV, nicht durch finanzielle Bestrafung auf dem Campus.
Während die einen den neuen Parktarif also als weiteres Abo im Hintergrund laufen lassen können, müssen die anderen die Kosten für den Weg zur eigenen Weiterbildung mühsam abwägen. Hier zeigt das Land Baden-Württemberg beim Thema Mobilitätskonzept echten Mut zur Lücke. Vielen Dank für die weitere finanzielle Belastung. Danke, THE LÄND.
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Auto bleibt für mich die einzig gute Möglichkeit.