Der Preis der Geschwindigkeit

Jonah Mielke

Der Preis der Geschwindigkeit

Jonah Mielke

Millisekunden, Motoren und Mut: Talent allein reicht im Kartsport nicht aus, um erfolgreich zu werden. Lukas investiert Zeit, Geld und Risiko für seinen großen Traum, Rennfahrer zu werden.

Emily Madic

Millisekunden, Motoren und Mut: Talent allein reicht im Kartsport nicht aus, um erfolgreich zu werden. Lukas investiert Zeit, Geld und Risiko für seinen großen Traum, Rennfahrer zu werden.

Emily Madic

Die Zeit drängt. Gerade hat die Ampel auf Grün geschaltet. Motoren heulen auf und der Geruch von Abgasen und verbranntem Gummi erfüllt die Luft. Lukas steigt in den engen Sitz seines Karts. Ein kurzer Anschieber seines Vaters und schon springt der Motor mit einem lauten Knattern an. Die Fahrer drängeln, sie wollen endlich raus auf die Rennstrecke. Der kreischende Lärm der Karts übertönt jedes Wort. Lukas folgt den anderen zur Einfahrt auf die Strecke. Er muss sich beeilen, denn er hat nur 20 Minuten.

Lukas Heim ist 17 Jahre alt. Neben seinen Verpflichtungen in der Schule, kommt er am Wochenende oft mit seinem Vater auf die Rennstrecke, um zu trainieren. Nach einer Viertelstunde zeigt Lukas mit der linken Hand auf – das Zeichen dafür, dass er die Rennstrecke verlässt. Sein Vater Peter joggt von der Aussichtsplattform zurück zum Fahrerlager in der Mitte der Strecke. Dort hebt er das Kart auf den Kartwagen und kontrolliert den Luftdruck der Reifen. Jonah, Lukas’ Freund und Fotograf, tankt noch einmal nach. Lukas zieht den Helm vom Kopf und fährt sich durch die kurzen, rötlichen Haare. Seine Wangen sind vor Anstrengung leicht gerötet. Er hat jetzt 20 Minuten Verschnaufpause, während um ihn herum erneut die Motoren röhren.

Seit der Mittagspause wechseln sich die getriebelosen Karts mit den Schaltkarts auf der Rennstrecke ab. Es soll verhindert werden, dass sich unterschiedlich schnelle Fahrer*innen auf der Strecke in die Quere kommen.

Emily Madic

Seit der Mittagspause wechseln sich die getriebelosen Karts mit den Schaltkarts auf der Rennstrecke ab. Es soll verhindert werden, dass sich unterschiedlich schnelle Fahrer*innen auf der Strecke in die Quere kommen.

Emily Madic

„Die Strecke will heute einfach nicht trocknen“, stellt Peter fest und schaut zu den dichten Wolken am Himmel. „Der Abschnitt dahinten ist besonders rutschig.“ Lukas deutet zum nassen Teil der Bahn, der sich im Schatten der umliegenden Bäume befindet. 

Wie im Vorjahr möchte er sich erneut bei den sechs Rennen des Süddeutschen ADAC Kart Cups (SAKC) beweisen. Dazu plant er zwei Gaststarts bei den ADAC Kart Masters. Die Rennserie soll Nachwuchstalenten aus den Regionalserien den Aufstieg in die überregionale Deutsche Kart-Meisterschaft und damit in den Profisport ermöglichen.

Wie alles begann

Lukas und sein Vater erinnern sich gerne daran zurück, als die beiden ihre Leidenschaft für das Kartfahren gefunden haben. Angefangen hat die ganze Rennfahrerei mit einem Besuch bei dem Rennen „24 Stunden von Le Mans“, als Lukas die dritte Klasse besuchte. Es folgten viele Tage auf dem Hockenheimring bei den Deutschen Tourenwagen-Masters (DTM). Ein Besuch bei der Formel 1 ist den beiden besonders in Erinnerung geblieben. „Ich stand da auf der Tribüne und hab geschrien“, erinnert sich Lukas stolz grinsend. Peter erzählt lächelnd, wie sein kleiner Sohn die deutsche Formel-1-Legende Michael Schumacher immer dann angefeuert hat, wenn dieser an der Tribüne vorbeifuhr.

Immer nur bei den Rennen zuzuschauen, kam für die beiden nicht in Frage. Mit sieben Jahren saß Lukas zum ersten Mal im Kart. Angefangen hat er mit dem Kart-Slalom im Ortsclub, danach dann der ADAC Rookies Cup. Dort ist er schon in seiner zweiten Saison Meister geworden. Auch in seiner weiteren Rennkarriere konnte er bereits häufig vorne mitfahren.

Später möchte Lukas einmal Rennfahrer werden. Seine bisherigen Erfolge lassen seine Chancen auf den Profisport vielversprechend wirken.

Emily Madic

Später möchte Lukas einmal Rennfahrer werden. Seine bisherigen Erfolge lassen seine Chancen auf den Profisport vielversprechend wirken.

Emily Madic

Sein großer Traum ist es aber nicht, wie sein damaliges Idol Michael Schumacher in der Formel 1 zu fahren. Ihn begeistern vielmehr die Langstreckenrennen wie die World Endurance Championship (WEC). Über den Kartsport möchte er in den GT-Sport aufsteigen und eines Tages dann selbst bei einem Rennen in Le Mans antreten.

Alles hat seinen Preis

Eine Studie, die sich mit dem Leben von Kindern im Leistungssport befasst, veranschaulicht, dass junge Sportler*innen auch in ungesunde Muster verfallen können. Im Extremfall zeigen sich die Kinder sportbesessen und stark abhängig von den Erwartungen und der Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Der Formel-1-Fahrer Max Verstappen berichtete beispielsweise, dass sich sein damaliges Leben ausschließlich um den Motorsport drehte und er in seiner jungen Rennkarriere den strengen Ansprüchen seines Vaters gerecht werden musste. Andere Kinder entwickeln stattdessen eine gesunde Beziehung zum Leistungssport, bei der Spaß dominiert und auch beim Abbruch der sportlichen Karriere alternative Berufswege in Frage kommen.

Für seinen Traum vom Rennfahrer muss Lukas auch Opfer bringen. Er erzählt davon, dass er sich bereits freitags von der Schule beurlauben hat lassen, um mit seinem Vater zu einem Rennwochenende fahren zu können. Die schulische Laufbahn hat in Lukas’ Leben trotzdem eine hohe Priorität. Seine Eltern sind sich einig, dass ihr Sohn ein sicheres Standbein neben seiner Rennkarriere aufbauen soll. Nach dem Abitur möchte er daher ein Studium im technischen Bereich absolvieren. 

Denn eine Karriere als Rennfahrer*in ist nicht jedem garantiert. Talent allein reicht nicht aus. Das Kartfahren ist der Einstieg vieler Nachwuchstalente in den Motorsport, daher beginnt die Professionalisierung bereits früh. Nicht jede Familie kann es sich leisten, die angehende Rennkarriere ihrer Kinder zu finanzieren. „Da ist das Ausschlaggebende, ob man eben Geld aus dem Vollen schöpfen kann und mal 300 Euro für eine neue Bremse ausgeben kann oder halt nicht“, erklärt Peter. Ein günstiges Rennwochenende koste bereits rund 2.000 Euro allein für Material, Motorinstandhaltung und sämtliche Teilnahmegebühren.

Dazu kommen Kosten für Transport, Unterbringung und Verpflegung.

Emily Madic

Dazu kommen Kosten für Transport, Unterbringung und Verpflegung.

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Nicht ohne Risiko

Die Stimmung im Fahrerlager ist seit der Mittagspause spürbar angespannter. Zwanzig Minuten sind nicht viel Zeit, wenn noch ein Reifenwechsel, kleine Reparaturen oder Kontrollen anstehen. Auf der Rennstrecke kommen zwei Karts vom Asphalt ab. Einer der Fahrer reißt wütend die Arme hoch. Er schimpft darüber, dass er von der Strecke gedrängt wurde. Peter bemerkt den Vorfall und schüttelt nur den Kopf. „Krieg dich wieder ein“, winkt er ab, während er weiter nach Lukas’ Kart mit den giftgrünen Streifen Ausschau hält. 

Kurz darauf kommt ein befreundeter Kartfahrer mit einem peinlich berührten Grinsen zum Fahrerlager der Heims. „Was hast du gemacht? Hat es dich rausgedreht?“, ruft Lukas ihm zu. „Ja, zwei Mal hat es mich dahinten gedreht.“ Er deutet auf den immer noch nassen Abschnitt hinter dem Vereinsgebäude. Die beiden lachen darüber. Allerdings verlaufen solche Vorfälle im Motorsport nicht immer so glimpflich. Auch das Kartfahren bringt große Risiken mit sich, da Fahrende nicht wie bei einem Auto von der Verkleidung oder dem Anschnallgurt geschützt werden. Der Schutz des Fahrers ist daher auf die eigene Ausrüstung begrenzt. Bei Unfällen sind besonders die Hände der Fahrenden betroffen, welche durch Rückschläge des Lenkrads beim Aufprall verletzt werden können. Der Brustkorb und die Ellenbogen gehören ebenfalls zu den gefährdeten Körperteilen.

Das Risiko beim Kartfahren ist auch bei den Heims ein Thema. Es gibt Strecken, die durch ihre schnellen Abschnitte Respekt einflößen können.

Emily Madic

Das Risiko beim Kartfahren ist auch bei den Heims ein Thema. Es gibt Strecken, die durch ihre schnellen Abschnitte Respekt einflößen können.

Emily Madic

Auf der Kartstrecke in Wackersdorf berichtet Lukas von 160 km/h auf der Geraden. „Da hatte ich schon Bammel davor, weil ich noch relativ frisch auf dem Schaltkart war“, gibt er zu. „Wenn man aber einmal auf der Strecke war, vergeht das dann auch.“ Sein Vater Peter hat dagegen ganz andere Sorgen: „Für mich ist eher der Start schlimm, weil da noch alle Karts auf einem Haufen sind und das Risiko sehr hoch ist. Lukas ist meistens ein sehr guter Starter, aber wenn dann vorne eben einer rauszieht und er kommt dann von hinten angeflogen, hat er keine Chance mehr.“

Lukas kann von einigen Vorfällen berichten, bei denen sein Rennen durch einen Zusammenstoß frühzeitig beendet wurde. Ernsthaft verletzt wurde er dabei noch nie. Spurlos geht es aber trotzdem nicht an ihm vorbei: „Da sind dann auch die Emotionen und man probiert, seine Wut rauszufahren. Oftmals ist man dann irgendwie am schnellsten.“ Häufig komme es aber nicht vor, dass bei ihm die Emotionen übersprudeln. „Dass ich einen Fehler mache und dann eben sauer auf mich selber bin, kommt deutlich häufiger vor, als dass ich wirklich sauer auf jemanden bin“, verrät er. Trotz sämtlicher Herausforderungen überwiege beim Kartfahren aber der Spaß, betont er wiederholt.

Jede Zehntelsekunde zählt

Zurück am Trainingstag verabschiedet sich nun ein Freund von Lukas, er müsse jetzt los zu seinem Handballspiel. „Da musst du Prioritäten setzen.“, erwidert dieser kopfschüttelnd. „Ja, mach ich ja!“ Die beiden lachen. „Das sind die falschen!“, findet Lukas. „Aber trotzdem viel Erfolg beim Spiel und danke dir fürs Platzmachen vorhin auf der Strecke. Du warst gefühlt der Einzige. Die anderen haben alle dagegengehalten, wenn ich überholen wollte.“

Konkurrenzdenken gibt es im Kartsport genau wie bei den großen Motorsportklassen. Neben Talent und einem großen Budget kommt es allerdings auch auf die Qualität der Bauteile eines Karts an. Für die maximale Performance ist eine akkurate Bearbeitung entscheidend. „Wenn du ein hochwertiges Produkt hast, dann bist du die entscheidende Zehntelsekunde einfach schneller auf der Strecke. Und wenn du in einem Rennen 20 Runden eine Zehntelsekunde schneller bist, dann hast du halt zwei Sekunden Vorsprung vor deinem Gegner. Das klingt nicht viel, aber im Kartsport, wo die Leistungsdichte extrem hoch ist, ist das unheimlich viel“, erklärt Martin Hetschel. Er ist der Geschäftsführer des einzigen, deutschen Herstellers, der Rennsport-Karts produziert. Unter dem Namen Mach1 behauptet sich das Unternehmen gegen die zahlreiche italienische Konkurrenz.

Am späten Nachmittag an der Rennbahn beginnt es, zu dämmern. Der Duft nach Abgasen und dem verbrannten Gummi der Reifen hängt noch immer schwer in der Luft. Das Fahrerlager beginnt, sich zu leeren.

Emily Madic

Am späten Nachmittag an der Rennbahn beginnt es, zu dämmern. Der Duft nach Abgasen und dem verbrannten Gummi der Reifen hängt noch immer schwer in der Luft. Das Fahrerlager beginnt, sich zu leeren.

Emily Madic

Lukas kehrt von seiner letzten Runde zurück. Am Ende des anstrengenden Tages sind alle zufrieden. „Wir waren wahrscheinlich einer der Schnellsten draußen, hat sich einfach sauber angefühlt“, fasst Lukas zusammen. Auch Coach Frank, der das Training seines Schützlings aufmerksam verfolgt hat, ist zufrieden: „Bei den Zeiten, die wir gegen die anderen Fahrer auf der Strecke gemessen haben, war Lukas ein bisschen schneller. Bei solchen Witterungsverhältnissen sind wir also gut dabei.“ Das sind gute Voraussetzungen für die anstehende Saison. Vorhersehbar sind seine Chancen allerdings nicht: „Wenn wieder mehr Grip auf der Strecke herrscht, kriegen wir wahrscheinlich wieder Probleme.“

Auf der Heimfahrt ist es still. Alle sind erschöpft von den neun Stunden an der Rennstrecke. Peter fragt seinen Sohn, ob er heute sein Obst gegessen hat. Dieser murmelt: „Ich esse es nachher.“ Peter lacht. „Deine Mutter wird dich killen.“