Digitalisierung in Deutschland: Bitte faxen Sie uns Ihre Meinung!
Mein Termin im Bürgeramt ist auf 9.40 Uhr datiert. Ich betrete den Tempel der Bürokratie um 9.12 Uhr. Formulare ausgedruckt, Personalausweis griffbereit, den eigenen Kugelschreiber eingepackt, ein Überlebensinstinkt. Auftrag: Wohnsitz ummelden. Der Staat bietet dazu „Online-Vorbereitung“ an. Ein digitales Trostpflaster. Das Prozedere: PDF herunterladen, ausdrucken, unterschreiben, persönlich einreichen. Der digitale Fußabdruck verwandelt sich zu Tintenstrichen auf Papier.
Deutschlands Verwaltung digitalisiert seit Jahrzehnten. In der Theorie. Es gibt Strategiepläne so visionär wie ein S-Bahn-Fahrplan während eines Streiks. Es gibt Gipfel, deren Protokolle wohl per Brieftaube verschickt werden und dann gibt es die Wirklichkeit: Einen sauerstoffarmen Raum mit einem Drucker, der „PC LOAD LETTER“ stöhnt und einem Schild: „Viele Dienstleistungen können Sie online erledigen“. Dieses Schild hat sicher schon mehrere Legislaturperioden überlebt. Es hängt mit der Gelassenheit eines Artefakts, das auf seine archäologische Bergung wartet.
Im Wartebereich blättert ein Mann in einem Ordner, so dick wie ein Koalitionsvertrag. Zwei Plätze weiter kämpft eine Studentin vergeblich im Formular-Dschungel: „Antrag auf Karteikartenabschrift“. Das Land der unbegrenzten Formular-Möglichkeiten.
Ich sinniere: In anderen Ländern meldet man seinen Wohnsitz online um. Einloggen, Adresse ändern, fertig. Kein Nummernautomat, keine Plastikstühle, keine Kugelschreiber als Überlebensausrüstung. Hierzulande hingegen ist das persönliche Erscheinen das Fundament der Verwaltung, obwohl der Termin beim Bürgeramt die Ausnahme sein soll. Ich nenne es mal Behördengang-Perseveranz: Die spezielle Ausdauer die entsteht, wenn digitale Verheißung auf physische Stempelkultur trifft. Dabei mangelt es nicht an Ambitionen. Die Politik verspricht seit Jahren den „Digitalpakt Verwaltung“, als „Motor für sichtbare Fortschritte“. Hier im Wartebereich klingt dieser jedoch eher wie der eines alten Rasenmähers.
Modernisierung scheint langsam das Tempo einer Kontinentalverschiebung anzunehmen. Die Regierung selbst sagt: „Für ihre Umsetzung brauchen wir einen langen Atem, der über Legislaturperioden hinweg reichen muss“. Ein diplomatischer Euphemismus für „Houston, wir haben ein Prokrastinationsproblem“. Ich trete vor den Schalter und überreiche meine Papiere mit der Ehrfurcht einer Tributpflichtigen. Die Sachbearbeiterin, eine Priesterin des Prozedere, beginnt ihr Ritual: Formular und Ausweis prüfen. Nochmal Formular prüfen, als könnte sich die Tinte neu anordnen. Dann die Klimax, der Griff zum Stempel. Thump. Das Geräusch offizieller Endgültigkeit.
Kurz bevor ich mich zur Tür wenden will, höre ich das hektische Klicken einer Tastatur. Der Blick der Sachbearbeiterin springt zwischen Formular und Bildschirm hin und her. Auf dem Monitor dreht sich ein Sanduhr-Symbol träge. Ihre Finger jagen über eine Tastatur, die aussieht, als habe sie schon den Mauerfall erlebt. Jetzt geschieht sie also, die Digitalisierung. Der Stempel war das Urteil, die Tastatureingabe ist die Übertragung in eine höhere, unsichtbare Sphäre, genannt „System“.
Ich verlasse stolz den Schalter. Mission Impossible gemeistert. Digital oder analog? Eher ein hybrider Verschmelzungsakt. Auf dem Weg nach draußen fällt mein Blick erneut auf das schicksalhafte Schild: „Viele Dienstleistungen können Sie online erledigen“. Welche genau, frage ich mich. Vielleicht das Buchen eines persönlichen Termins? Ich beschließe es nicht zu erfragen. Dafür bräuchte man vermutlich Formular „F 007: Antrag auf Auskunft über hypothetische Online-Dienstleistungen“ - einzureichen persönlich oder per Fax.
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