Google vs. ChatGPT: Zwischen Suche und Antwort
Montag, 07.45 Uhr.
Gerade bin ich vom Wecker wach geworden. Meine Augen schwer und noch nicht ganz offen, das Licht zu hell. Mein rechter Arm greift zu meinem Smartphone, welches auf dem Nachttisch liegt. Der erste Griff des Tages, bevor ich überhaupt richtig wach bin.
Ich checke die Nachrichten und scrolle durch Instagram. Ein Mix aus lustigen Reels, Fitnessvideos und aktuellen Nachrichten. Dann bleibt mein Blick an einem Schlagwort hängen: „Staatsraison“. Ich kann es nicht einordnen. Früher hätte ich es gegoogelt. Jetzt nicht mehr. Ohne viel nachzudenken, schließe ich Instagram und öffne ChatGPT, um „Was bedeutet Staatsraison?“ zu prompten.
Die Antwort kommt sofort. Klar formuliert, verständlich und ohne, dass ich verschiedene Webseiten miteinander vergleichen muss. Ich lese, nicke und mache weiter. Erst später merke ich: Ich habe nichts überprüft. Ich habe die Information einfach ungefiltert übernommen, ohne sie auch nur eine Sekunde lang kritisch zu hinterfragen.
Sieben Tage Selbstexperiment
Mit diesem Prompt startet mein Selbstversuch. Über sieben Tage hinweg dokumentiere ich jede einzelne Suchanfrage – egal ob für die Uni, den Alltag oder ganz persönliche Anliegen. Am Ende steht ein Ergebnis, das gar nicht so eindeutig ausfällt, wie ich vermutet hatte: 87-mal habe ich klassisch bei Google gesucht, während ich insgesamt 104 Anfragen an ChatGPT gesendet habe.
Auch, wenn die Zahlen nah beieinander liegen, habe ich Künstliche Intelligenz noch nie so intensiv genutzt wie aktuell. Damit bin ich kein Einzelfall. Laut einer Studie des TÜV-Verbands nutzen bereits 91 % der jungen Menschen zwischen 16 und 29 Jahren Künstliche Intelligenz. Dabei ist ChatGPT mit 85 % der klare Favorit, gefolgt von Google Gemini mit 33 % und Microsoft Copilot mit 26 %.
In meinem Experiment steht ChatGPT dabei stellvertretend für die ganze Bandbreite dieser neuen KI-Tools.
Das Versprechen der Bequemlichkeit
Mein Tag geht weiter. Ich will an einer Hausarbeit weiterschreiben, noch starre ich auf ein leeres Kapitel. Ich brauche unbedingt passende Quellen. Ich fange an, mein Thema in die Google-Suchleiste einzutippen. Nach ein paar Minuten finde ich einen passenden Artikel, doch beim Lesen merke ich: Viel zu anstrengend. Fachwörter und verschachtelte Sätze.
Kurzerhand kopiere ich den Text in ChatGPT mit der Anweisung: „Erkläre mir das verständlich“. Sekunden später habe ich eine klare Zusammenfassung. Ich schreibe meinen Abschnitt selbstständig und lasse ihn anschließend nochmals von der KI sprachlich korrigieren. Der Text liest sich danach deutlich flüssiger.
KI ist längst Teil meines Studienalltags sowie von dem vieler anderer auch. Eine Studie der Goethe Universität zeigt: Studierende nutzen KI-Tools in fast allen Phasen des wissenschaftlichen Schreibens - vor allem für den Einstieg, das Verständnis von Inhalten und die sprachliche Überarbeitung. Von etwa einem Drittel der Studierenden werden sie auch für die Recherche und das eigentliche Schreiben genutzt.
Wenn die KI halluziniert
Für den nächsten Abschnitt meiner Hausarbeit fehlen mir noch Belege, aber in der HdM-Datenbank finde ich nichts Passendes. Rein aus Neugierde und um das System auf die Probe zu stellen, frage ich ChatGPT nach wissenschaftlichen Quellen.
Die KI liefert sofort Autor*innen, Titel, Erscheinungsjahr. Auf den ersten Blick sieht es gut aus. Ich suche die Titel bei Google und stelle fest: Die Autor*innen existieren zwar wirklich, aber die genannten Bücher haben sie nie geschrieben. Ein klassischer Fall von Halluzination – die Quellen sind schlichtweg erfunden.
Gerade im Studium ist die Verlockung, ChatGPT zu nutzen, groß. Doch die Meinung des Medienwissenschaftlers, KI-Ethikers und Professors an der Hochschule der Medien Stuttgart Prof. Dr. Oliver Zöllner ist klar: Studierende würden sich selbst ein Bein stellen, wenn sie sich ausgerechnet auf Textgeneratoren und ihre Anfälligkeit für Fehler verlassen würden. Gerade im Studium seien verlässliche Informationen essenziell.
Am Ende stehe ich vor der Wahl: Vertraue ich der bequemen Antwort der KI oder gehe ich den anstrengenden Weg zurück in die Bibliothek? Heute entscheide ich mich für die Online-Bibliothek.
Alltagsentscheidungen
17.30 Uhr.
Ich klappe meinen Laptop zu und mache mich fertig, um rauszugehen und Freunde zu treffen. Doch kurz vor der Tür werfe ich einen schnellen Blick in die Wetter-App: Neun Grad soll es heute Abend werden. Bin ich richtig angezogen?
Anstatt kurz in mich zu gehen und meiner Erfahrung zu vertrauen, tippe ich kurzerhand in ChatGPT ein „Es sind heute neun Grad. Ich trage eine Jeans, Sneaker und eine dünne Lederjacke. Reicht das, oder soll ich noch etwas Wärmeres anziehen?“. ChatGPT rät mir, noch eine zusätzliche Schicht anzuziehen. Ich hole mir einen Pullover für heute Abend aus dem Schrank. Ein kurzer Blick in den Spiegel – passt. Ich ziehe die Tür hinter mir zu.
Ich habe meiner eigenen Einschätzung nicht vertraut – dafür aber einem System, welches nicht den blassesten Schimmer davon hat, wie sich unterschiedliche Temperaturen anfühlen.
Die Nutzung von KI im Alltag oder auch für persönliche Fragen steigt, unabhängig von meinem Selbstexperiment, auch bei mir. Ein Blick auf die Bevölkerung verrät, dass bereits ca. 56 % KI ein- bis mehrmals pro Woche oder sogar täglich für private Zwecke nutzen. Dies wird aus einer Umfrage von YouGov aus dem Jahr 2025 zur Häufigkeit der Nutzung von KI-Tools in Deutschland ersichtlich.
Verlernen wir kritisches Denken – oder hatten wir es nie?
Während meines Selbstversuchs ertappe ich mich immer wieder dabei, Antworten der KI einfach zu übernehmen, ohne sie zu hinterfragen – besonders bei alltäglichen Entscheidungen.
Kritisches Denken ist laut Prof. Dr. Michael Gerlich, Professor für Management, Soziologie und Sozialverhaltensforschung ein komplexes Zusammenspiel verschiedener kognitiver Prozesse. Dazu gehören reflektiertes Denken, gezielte Problemlösung und die Fähigkeit zur fundierten Entscheidungsfindung. Doch wie ich selbst gemerkt habe, ist es genau das, was wir durch die zunehmende Nutzung von KI zu verlernen beginnen.
Zöllner sieht das Problem sogar noch tiefgreifender. Er beobachtet, dass viele Menschen den kritischen Umgang mit KI gar nicht erst gelernt haben. Stattdessen hätten sie die Technologie aufgrund ihres hohen Nutzwerts sofort in ihren Alltag integriert. Entscheidend sei deshalb nicht, KI grundsätzlich abzulehnen, sondern sie bewusst zu nutzen: „KI muss reflektiert und kritisch angewandt werden, dann kann man sich die Technologie zum Freund machen.“ Gerade deshalb gehe es nicht darum, kritisches Denken im klassischen Sinne zu „verlernen“. Vielmehr verliere unsere Gesellschaft zunehmend die Fähigkeit, zwischen verlässlichen und unverlässlichen Informationen zu unterscheiden – obwohl genau diese Unterscheidung bei der Informationssuche essenziell ist.
Wann ich Google nutze
19:45 Uhr.
Abends fällt mir ein: Ich muss noch einkaufen. Ich google die Öffnungszeiten. Hier greife ich nicht zur KI. Ich will keine Erklärung, sondern eine konkrete, verlässliche Information.
Für meine letzte Suchanfrage an diesem Tag nutze ich also den klassischen Weg.
Zwei Tools, zwei Rollen
Mein Selbstversuch zeigt: Mein Informationsverhalten hat sich definitiv verändert. KI dominiert meinen Alltag. Vor allem, wenn es um Verständnis, Orientierung und schnelle Antworten geht.
Auch bei den Bewertungskriterien zeigt sich ein klares Muster: Bei Schnelligkeit gewinnt ChatGPT. Die Antworten kommen sofort, sind verständlich und direkt nutzbar. Bei Präzision und Vertrauen liegt dagegen Google vorne. Wenn es um verlässliche Informationen und überprüfbare Quellen geht, verlasse ich mich eher auf die klassische Suche.
Was das für uns Studierende bedeutet
Fünf Tipps für Studierende:
- Sei dir bewusst, dass Systeme wie ChatGPT Textgeneratoren und keine Suchmaschinen sind.
- Wirkliche Recherche in Bibliotheken oder Datenbanken ist für wissenschaftliches Arbeiten essenziell – KI kann dies nicht ersetzen.
- Verwende KI gezielt für die Grammatik- und Rechtschreibprüfung oder zur sprachlichen Glättung deiner Texte. Auch zur Inspiration für neue Suchbegriffe ist die KI gut geeignet.
- Hinterfrage Antworten der KI grundsätzlich kritisch. Es handelt sich um ein Statistikprogramm, das Texte lediglich auf Basis von Wahrscheinlichkeiten reproduziert.
- Sei dir bewusst, dass Inhalte „halluziniert“ sein können, überprüfe das Ergebnis immer kritisch.
Quelle: Erkenntnisse aus meinem Selbstexperiment
Am Ende meines Selbstexperiments muss ich mir eingestehen, dass ich immer mehr Entscheidungen, die ich früher selbst getroffen hätte, an eine KI abgebe. Durch das Selbstexperiment ist mein Bewusstsein dafür allerdings gestiegen. Es hat mir dabei geholfen, KI dann einzusetzen, wenn es sinnvoll ist, mich aber wieder öfter auf meine eigenen Fähigkeiten und Einschätzungen zu verlassen.