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Sex&Identität

LGBTQIA+ im Film
Repräsentation, aber zu welchem Preis?

Wenn es um Filme und Serien geht, machen LGBTQIA+-Menschen oft negative Erfahrungen. | Bild: Maria Petalidou

LGBTQIA+ im Film Repräsentation, aber zu welchem Preis?

Wenn es um Filme und Serien geht, machen LGBTQIA+-Menschen oft negative Erfahrungen. | Bild: Maria Petalidou
 

12 May 2022

LGBTQIA+ Menschen sind oft noch mit ihrer Darstellung in etwa Fernsehserien unzufrieden, auch wenn Charaktere immer diverser werden. Stereotypisierung sei weit verbreitet, heißt es aus der queeren Community. Inwieweit stimmt das?

Maria Petalidou

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2021
LGBTQIA+FeminismusKunstMusik

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„Heutzutage versucht jede Show zu sagen, dass sie gute queere Repräsentation hat. Am Ende ist es dann aber doch nur wieder ein Stereotyp“. So beschreibt I.*, ein anonymes Mitglied der LGBTQIA+ Community, ihre Erfahrungen mit Darstellungen queerer Charaktere in Filmen und Serien. Ist das nur persönliche Erfahrung oder steckt mehr dahinter? Unterstützend zur Recherche berichten vier Mitglieder der LGBTQIA+ Community, die über eine Anfrage in den sozialen Medien auf diesen Artikel aufmerksam wurden, von ihren Eindrücken.

Um diese Frage zu beantworten, ist ein kurzer Blick in die Vergangenheit notwendig. US-amerikanische Spielfilme wurden bereits seit dem Jahr 1934 mit der Einführung des Hays-Code zensiert. Erst im Jahr 1967 wurde er abgeschafft und durch das noch bestehende „MPA film rating system“ ersetzt. Dieses ähnelt dem in Deutschland vorhandenen System der Freiwilligen Selbstkontrolle, kurz FSK. Aber bis heute werden Filme, die LGBTQIA+-Themen behandeln, oft mit dem R-Rating versehen (entspricht FSK 16), während Filme mit gewalttätigen Inhalten das PG-13-Rating (entspricht FSK 12) bekommen. Die Motion Picture Association, kurz MPA, die über Einstufungen entscheidet, wird deswegen von der queeren Community Diskriminierung vorgeworfen.

Nicht vorhandene oder schlechte Repräsentation ist aber nicht nur in Spielfilmen ein Problem. Auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann das beobachtet werden. Es ist schwierig, überhaupt LGBTQIA+-Charaktere im Programm der ARD und ZDF zu finden. Die Begeisterung war also groß, als die ARD ankündigte, die Serie „All You Need“ mit vier schwulen Hauptcharakteren sei in Produktion. Die Umsetzung war aber nicht ideal: Die Serie wurde erst nur in der Mediathek ausgestrahlt, dann nur im linearen Fernsehsender ONE, und nicht in der ARD selbst. Dazu kam Kritik über die Darstellung der Charaktere: Einige Klischees und gängige Stereotypen seien verwendet worden, so Andi, ein schwules Mitglied der LGBTIQIA+-Community.

Anders sieht das bei Online-Streaming Plattformen wie Netflix aus. Dort werden LGBTQIA+-Charaktere häufiger dargestellt. Aber auch dabei wird sich oftmals an Klischees bedient, die das queere Publikum frustrieren. Warum wird jedoch überhaupt stereotypisiert? Mitglieder der LGBTQIA+-Community begründen das mit mangelnder Repräsentation bei Skriptschreiber*innen und Regisseur*innen.

Bild mit Zitat: Es ist sehr offensichtlich, wenn ein Charakter in einem Raum voll mit cisgender-heterosexuellen Menschen geschrieben wurde. Dann fühlt sich der Charakter immer ein-dimensional an. Mitglieder der LGBTQIA+-Community erkennen, wenn ein Charakter nicht von einer queeren Person geschrieben wurde. | Bild: Maria Petalidou

Diversität in der Filmbranche

Dass die Filmindustrie ein Problem mit Diversität in den eigenen Reihen hat, ist kein Geheimnis. Der „Hollywood Diversity Report“ zeigt seit Jahren, dass Frauen und ethnische Minderheiten nur knapp 21 beziehungsweise 25 Prozent der Regisseur*innen in Hollywood-Filmen ausmachen, sowie 26 Prozent der Skriptschreiber*innen. Bei Serien sieht es ebenfalls ähnlich aus. Die Problematik hierbei ist, dass Menschen, die einer Minderheit nicht angehören, Schwierigkeiten haben, authentisch über deren Erfahrungen zu schreiben. So beschreibt es auch Karel: „Es ist sehr offensichtlich, wenn ein Charakter in einem Raum voll mit cisgender-heterosexuellen Menschen geschrieben wurde. Dann fühlt sich der Charakter immer eindimensional an“. Dieses Thema wird jedoch kontrovers diskutiert. Es ist nicht eindeutig, ob mangelnde Diversität die einzige Ursache für stereotypische Darstellung ist. Da es keine Zahlen zu LGBTQIA+ Menschen, die in der Filmindustrie arbeiten, gibt, lässt sich auch kein finales Urteil darüber fällen.

Cisgender, oder kurz cis, ist ein Adjektiv. Es beschreibt Personen, bei denen die Geschlechtsidentität (das Geschlecht, dem sie sich zugehörig fühlen) mit dem Geschlecht, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde, übereinstimmt. Wenn beispielsweise einer Person bei Geburt das Geschlecht „weiblich“ zugewiesen wurde und sie sich auch als weiblich empfindet, ist sie cisgender.

Stereotypisierung und Klischees

Es gibt einen Unterschied zwischen Stereotypisierung und sogenannten „Storytelling Tropes“. Die Stereotypisierung bezieht sich auf die Darstellung des Charakters und wie seine Persönlichkeit an die Zuschauer*innen gebracht wird. Storytelling Tropes sind Klischees, die sich auf die Geschichte und Entwicklung des Charakters beziehen.

Stereotypisierung ist vor allem bei schwulen Charakteren zu finden. Schwule Männer werden oft als modebewusst dargestellt, sind schnippisch und haben fast nur heterosexuelle, weibliche Freundinnen. Diese Darstellungen kommen aufgrund des Unterhaltungsfaktors zustande.

Bild mit Zitat: „Ein schwuler Mann, der nicht als androgyn oder feminin dargestellt wird, ist für den Zuschauer scheinbar weniger unterhaltsam“ Vor allem homosexuelle Männer werden für Unterhaltungszwecke stereotypisch dargestellt. | Bild: Maria Petalidou

Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Charakter Julien aus der Netflix-Serie „Emily in Paris“. Seine einzigen Charaktereigenschaften in der ersten Staffel sind seine Homosexualität und die damit verbundenen Stereotypen. Darüber hinaus gibt sein Charakter nicht viel her, während andere Nebencharaktere, wie beispielsweise Emilys Vorgesetzte Sylvie, trotz ähnlicher Auftrittszeit wie Julien vom Image der emotionslosen Karrierefrau losgelöst wird.

Bury your Gays

Bei Storytelling-Klischees gibt es ebenfalls einige, die sich klar abzeichnen. Allen voran gibt es das "Bury Your Gays-Trope". Dieses Klischee beschreibt den abrupten und/oder unbegründeten Tod eines LGBTQIA+-Charakters. Ein Beispiel dafür ist der Charakter Lexa aus der Serie „The 100“, deren Tod eine große Welle der Empörung bei Zuschauer*innen auslöste. Zuschauer*innen drückten ihre Enttäuschung auf den sozialen Medien aus mit Aussagen wie: „Ein Teil von mir ist heute Nacht gestorben“, und „Es ist psychisch belastend und traumatisierend, eine emotionale Bindung zu fiktionalen Lesben aufzubauen, nur um sie immer wieder sterben zu sehen“. Vor allem letztere Aussage zeigt, dass dieses Klischee häufig genug auftritt, um für Verärgerung zu sorgen. Dies stellte auch die Non-Profit-Organisation GLAAD fest. In ihrem „Where We Are On TV“-Bericht hielt sie im Jahr 2016 explizit fest, dass vor allem queere Frauen durch teils brutale Tode vom Fernsehen „im Stich gelassen wurden“.

Gay Best Friend

Eine weiteres Storytelling-Klischee ist der Gay Best Friend. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hier um einen schwulen Mann, der der beste Freund des/der Protagonist*in ist. Er wird oftmals genutzt, um die Zuschauer*innen mit seiner extravaganten Persönlichkeit zum Lachen zu bringen. Dieses Klischee ist dann oft mit einer Stereotypisierung verbunden. Allgemein ist es in vielen Serien so, dass die LGBTQIA+-Charaktere, falls vorhanden, in den Hintergrund rücken und nur dann eine Rolle spielen, wenn es um die Entwicklung des/der heterosexuellen Protagonist*in geht.

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Auf Netflix kann man erkennen, dass zwar viele queere Charaktere in Serien vorkommen, aber die Darstellung oft Stereotypen und Tropes beinhaltet. | Bild: Maria Petalidou

Welche Auswirkungen kann stereotypische Repräsentation haben?

Die Mitglieder der LGBTQIA+-Community, die für diesen Artikel interviewt wurden, sind alle gleicher Meinung. Sie haben häufig negative Gefühlen, wenn ein Charakter, mit dem sie sich eigentlich identifizieren sollen, stereotypisch dargestellt wird.

Bild mit zwei Zitaten: 1. LGBTQIA+-Personen sind oft frustriert, wenn sie nicht authentisch repräsentiert werden. | Bild: Maria Petalidou

Darüber hinaus können Darstellungen von Minderheiten im Fernsehen Auswirkungen darauf haben, wie das Umfeld mit ihnen umgeht. Für viele Menschen sind Film und Fernsehen die ersten Berührungspunkte mit Minderheiten. Wenn sie stereotypisch dargestellt werden, kann das zur Internalisierung dieser Stereotypen und Vorurteilen führen, wie es in einem Fachzeitschriftenartikel beispielsweise erklärt wird. Die interviewten Mitglieder der LGBTQIA+-Community sind ebenfalls überzeugt, dass stereotypische Darstellungen einen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Sie berichten von Ausschluss aus bestimmten sozialen Sphären, Diskriminierung von Verwandten und Sätzen wie „Man sieht dir gar nicht an, dass du schwul bist“.

Gute Aussichten

In den letzten Jahren gab es aber auch positive Beispiele von LGBTQIA+-Repräsentation. Charaktere wie Callie Torres von Grey’s Anatomy und Rosa Diaz aus Brooklyn 99 werden gelobt für ihre Darstellung von bisexuellen Menschen. Auch Netflix macht Fortschritte: Die Serie Young Royals beispielsweise zeigt, dass der Streaming-Service auch durchaus klischeefreie Geschichten für queere Charaktere erzählen kann. Simon, der schwul ist, wird nicht als modebewusst, schnippisch und von Frauen umgeben dargestellt, eher im Gegenteil. Er steht ungerne im Mittelpunkt, hat wenig Gespür für Mode und sein Freundeskreis ist überwiegend männlich.

Abschließend kann man sagen, dass die Sorgen der queeren Community über ihre Darstellung in Film und Fernsehen berechtigt sind. Stereotypische Darstellungen sind immer noch weit verbreitet, ob auf Netflix, in Hollywood oder im deutschen Fernsehen. Es ist aber auch deutlich zu erkennen, dass die Filmindustrie Fortschritte macht.