Media Night 4 Minuten

Finger weg von meinem Wald!

Stopp-Schild für Skifahrende auf dem Hirschberg
Wo der Weg endet, beginnt der Schutzraum. Hinweisschilder am Hirschberg sollen sensible Lebensräume bewahren. | Quelle: Wir im Wald
26. Jan. 2026

Wo etwas geteilt wird, das allen gehört, entstehen Streitigkeiten – selbst im scheinbar idyllischen Wald.  Jagen, Wandern, Aufforsten: Jeder nutzt ihn anders. Doch wie lässt sich hier Frieden schaffen? Das studentische Kommunikationsprojekt „Wir im Wald“ sucht nach Antworten. 

Es ist Schlafenszeit für die Birkhühner zwischen Vor- und Hauptgipfel des Hirschbergs im bayerischen Miesbach. Gut geschützt ziehen sie sich im dichten Unterholz vor Fressfeinden zurück. Alles könnte so still und friedlich sein – wären da nicht Wandernde und Bergsteigende. Mit Stirnlampen erklimmen sie nachts die Berge oder brechen im Morgengrauen auf, um den Sonnenaufgang zu erleben. Manche Tiere erschrecken sich dabei so sehr, dass sie panisch flüchten und den steilen Hang hinunterstürzen. Oft ist ihr Schicksal damit besiegelt.

Was hier wie ein tragischer Einzelfall wirkt, ist lediglich Ausdruck eines größeren Problems. Wechselseitiges Unwissen, Unverständnis, gegensätzliche Erwartungen, fehlende Kommunikation. Nicht nur Birkhühner leiden darunter. Es kriselt im Miteinander – nicht selten im Gegeneinander – der Nutzer*innen des Waldes. Genau hier setzte „Wir im Wald“ im September 2022 an. Beteiligt waren die Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, die Bodensee Stiftung und die Hochschule der Medien (HdM), finanziell unterstützt durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Die gemeinsame Mission war es, einen lösungsorientierten Dialog zwischen den Konfliktparteien zu ermöglichen, damit der Wald wieder ein Ort wird, an dem sich alle wohlfühlen. Im Dezember 2025 wurde das Projekt abgeschlossen. 

Schon gewusst?

Wusstest du, dass sich Birkhühner im Winter in Schneehöhlen vergraben? In diesen selbst gegrabenen Verstecken ist es erstaunlich warm und windstill. Ernährt wird sich in dieser Zeit hauptsächlich von Knospen und Zweigen der Birke. Daraus erklärt sich auch der Name des Birkhuhns. Ihre befiederten Zehen sind die perfekten Schneeschuhe. In Deutschland sind sie nur noch sehr selten anzutreffen. Nicht nur Wintersportler*innen und Wandernde können ihnen ungewollt gefährlich werden, sondern auch freilaufende Hunde und Drohnen. 

Wir im Wald

Die Studierenden des zweiten Semesters Crossmedia-Redaktion/Public Relations an der HdM Stuttgart waren in vier Fallregionen unterwegs. Vor Ort gestalteten sie kommunikative Formate, wie zum Beispiel Waldspaziergänge, und suchten das Gespräch mit unterschiedlichen Waldnutzer*innen und Konfliktparteien. Neben den gefährdeten Birkhühnern in Miesbach, die sich ihren Lebensraum mit Naturliebhaber*innen teilen müssen, gibt es die Christbaumplantagenbesitzenden, für die der Wald sowohl Lebensgrundlage als auch Einkommensquelle darstellt. Auch die Tourismusbranche legt dort künstliche Seen an, um ihre Schneekanonen zu speisen. Am brandenburgischen Rangsdorfer See bemühen sich die Naturschützenden und Förster*innen um den Erhalt des Waldes, während andere dort sorglos ihren Müll hinterlassen. Im Freiburger Schwarzwald wiederum geraten leidenschaftliche Mountainbiker*innen und erholungssuchende Spaziergänger*innen immer wieder aneinander. 

Mit der steigenden Zahl und Vielfalt der Erholungssuchenden im Wald nehmen auch Nutzungskonflikte zu. 

Monika Bachinger, Professorin für Tourismus und Projektleitung von „Wir im Wald“ an der Forsthochschule Rottenburg

Handzeichen statt erhobenem Zeigefinger

Das Ziel der HdM-Studierenden war es nicht, diese Konflikte vollständig aus der Welt zu schaffen. Vielmehr wollten sie die verschiedenen Konfliktparteien an einen Tisch bringen und ihnen im Unterricht erlernte kommunikative Strategien an die Hand geben. Denn für ein harmonisches Miteinander braucht es vor allem eines: Verständnis und Empathie. Auch im Wald. Die zentrale Frage lautete: Welche Kommunikationstechniken helfen, miteinander zu sprechen und sich gegenseitig zuzuhören, anstatt nur aneinander vorbeizureden? „Mit klug gesetzten Fragen gelingt ein Perspektivwechsel – und genau der öffnet Wege zu gemeinsamen Lösungen“, betont auch Alexander Mäder, Projektleiter und Professor für digitalen Nachrichtenjournalismus an der Hochschule der Medien.

Studierende der HdM führen ein Interview während eines Waldspaziergangs
Direkt aus dem Grünen: HdM-Studierende erforschen im Freiburger Wald Konflikte zwischen Wandernden und Mountainbiker*Innen
Quelle: Wir im Wald

Lasst die Hühner sprechen!

Damit schließt sich der Kreis: Natürlich lassen sich die Birkhühner schlecht mit den Bergliebhaber*innen an einen Tisch setzten, um über den Konflikt zu diskutieren. Darum musste eine andere kreative Lösung her: In einem von den Studierenden organisierten Austausch zwischen Interessierten, Anwohnenden und Expert*innen entstand die Idee, den Vorgipfel des Hirschberges attraktiver zu gestalten, um den Menschen eine naturschutzfreundlichere Alternative zum Hauptgipfel zu bieten. In diesem Rahmen entwickelten die Studierenden Konzepte für eine Fotostation und Sitzgelegenheiten, um Besucher*innen zukünftig auf den Vorgipfel zu locken. Ergänzend entwarfen sie Designvorschläge für ein neues Beschilderungskonzept. Auf diese Weise kann das Birkhuhn – wenn auch nur als gezeichnete Comicversion – mithilfe eines QR-Codes womöglich bald doch noch mit den Bergsteigenden über seinen Lebensraum „sprechen“.

Mehr über diese und weitere Lösungsvorschläge des Projektteams „Wir im Wald“ sowie die Menschen, mit denen sich die Studierenden im Laufe des Projekts beschäftigt haben, gibt es am 29. Januar bei der Media Night zu erfahren.