Wenn Theater feministisch wird
Ein kleines Theater im Herzen von Stuttgart und der Ort, an dem Frauen eine Stimme finden, an dem Scham die Seite wechselt. Hinter diesen Türen erhalten sie Gehör. Die Scheinwerfer gehen an, das Gemurmel verstummt und die Schauspieler treten auf die Bühne. Heute Abend geht es nicht nur um Unterhaltung. Es geht um die strukturelle Überlastung von Frauen, deren Wut, Mental Load und die gesellschaftlichen Erwartungen an sie. Themen, die normalerweise gemieden werden, es aber verdienen, dass über sie geredet wird.
Feministisches Theater zeigt die Realität, die viele nicht sehen. Genau hier hält das Studio Theater dem Publikum einen Spiegel hin. Durch die kleinen, familiären Bühnen kommt das Publikum den Geschichten so nah wie nie und sie können ihm, wie der Slogan schon sagt „Unter die Haut [..]“ gehen.
Was ist feministisches Theater?
Ein feministisches Stück hinterfragt patriarchale Machtstrukturen und rückt Frauen in den Fokus. Charakteristische Merkmale sind die Darstellung der Frau als Subjekt, die Einbeziehung verschiedener Sexualitäten und fragmentierte Erzählstrukturen, bei denen die Handlung nicht chronologisch verläuft.
Feministisches Theater lebt von von vielfältigen Perspektiven: Es bezieht Erfahrungen von Frauen verschiedener Herkünfte, Identitäten und sozialer Hintergründe ein.
Durch gesellschaftlichen Kontext, den Einbezug feministischer Theorie und die küsntlerische Umsetzung geht es weit über Aktivismus hinaus. Wichtige Impulse erhielt diese Theaterform in den 1970ern durch Pionierinnen wie Martha Boesing und Micheline Wandor, die feministische Themen erstmals stärker auf die Bühne brachten.
Quellen: https://exeuntmagazine.com/features/calm-down-dear-what-is-feminist-theatre/ , https://study.com/academy/lesson/feminism-in-theatre-history-examples.html
„Ich habe deshalb auch immer den Impuls gehabt, Geschichten auszuwählen, zu denen die Leute einen direkten Bezug haben“, äußert sich Daniela Urban. Sie ist seit zwei Jahren die künstlerische Leitung des Studio Theaters in Stuttgart und ständig mittendrin. Ob als Dramaturgin bei einem Stück, Kommunikatorin für die Presse oder wenn sie sich auf Regisseuren-Suche begibt – sie macht von allem ein bisschen alles. Auch bei den beiden Stücken „Ellen Babić“ und „Die Wut die bleibt“ hatte sie die Funktion der Dramaturgin inne. Das bedeutet, dass sie die Inszenierung konzeptionell und inhaltlich mitgestaltet hat.
Theater als politischer Raum
„Theater kann gar nicht anders, als politisch zu sein“, beteuert Frederik Zeugke, Schauspieldramaturg und Dozent für Dramaturgie und Theorie des Theaters an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Dafür brauche es noch nicht einmal eine Bühne, Theater finde nämlich genau da statt, wo es beschließt Theater zu sein.
Dass feministische Themen die Wirkung haben, Gesprächsstoff zu erzeugen, ist natürlich kein Zufall. „Der Feminismus hat allein deswegen eine große Bedeutung, weil er wesentliche Phänomene und weiterhin ungelöste Probleme in der Gesellschaft aufzeigt“, sagt Zeugke. Bringt man nun diese Themen auf die Bühne, erkennen sich vor allem Zuschauerinnen wieder und es entsteht ein Gesprächsraum. Im Theater kann man lernen, eine eigene Haltung zu entwickeln, auszuprobieren und zu verteidigen, ohne sich hinter Anonymität zu verstecken. Schon ein Blick, eine Pause oder eine körperliche Konfrontation auf der Bühne kann diese Auseinandersetzung intensivieren. Es schafft die Möglichkeit, nach dem gemeinsamen Erleben in einen direkten Diskurs zu treten und Verantwortung für die eigene Position zu übernehmen, was ein wesentlicher künstlerischer sowie demokratischer Bestandteil ist.
Die Wut bleibt auf der Bühne
Eine weibliche Realität des Alltags, dargestellt von einem rein weiblichen Ensemble. Das und noch viel mehr erlebt das Publikum bei dem Stück „Die Wut die bleibt“ unter der Regie von Lisa Wildmann, dramaturgisch begleitet von Daniela Urban, basierend auf dem Roman von Mareike Fallwickl. Wildmanns Inszenierung erzählt die Geschichte ganz ohne Männer, weil der Roman bereits eine sehr feministische Perspektive einnimmt, in der die Männer eher zweitrangig sind. So werden die Handlung und die Figuren aus einer reinen Frauenperspektive erzählt. Dadurch rücken dann nicht nur die Wut, sondern auch die Überlastung und Verantwortung, mit der Frauen täglich umgehen müssen, in den Fokus des Stücks.
Wildmann wollte mit ihrer Inszenierung „nah am Buch bleiben“. Damit ein aktuellerer Bezug entsteht, entschärfte sie das Thema Corona, das zum Zeitpunkt der Handlung noch allgegenwärtig war. Als Mutter von zwei Kindern spricht sie auch auf persönlicher Ebene über den Stoff. „Da ist wirklich sehr, sehr viel auf den Rücken der Frauen ausgetragen worden“. Die Verzweiflung und Überladung, mit der viele Frauen konfrontiert waren, könne sie also sehr gut nachempfinden. Vor allem von jungen Frauen erhalte sie auch viel Zuspruch für diese Inszenierung. Auch sie selbst ist stolz auf die Arbeit an ihren Herzensprojekten: „Ich glaube, da ist auch sehr viel Herzblut und oft Verzweiflungsenergie reingeflossen. Das hat sich irgendwie dann doch wahnsinnig gelohnt“.
Macht, Nähe und Misstrauen - Ellen Babić
Auch ein zunächst unscheinbares Wohnzimmergespräch füllt im Studio Theater einen ganzen Abend. Eine lesbische Lehrerin, ihre Partnerin und ehemalige Schülerin und der Schuldirektor werfen sich Anschuldigungen an den Kopf und ringen um Macht und Verantwortung. Der Stoff regt zum Mitdenken und Interpretieren an. „Man kommt raus und kann sich schlicht nicht mehr entscheiden, wer hier Opfer und wer Täter ist“, äußert sich Urban zu dem Stück.
Der Text selbst ist voller Unterbrechungen und Doppeldeutigkeiten: „Wissen zurückhalten und es dann an einer gezielten Stelle rauszugeben… Und dann sind die Texte natürlich auch unglaublich schwer“, erklärt Urban die dramaturgischen Herausforderungen. Oft wird nicht gesagt was gemeint ist, es ist also ein permanentes Navigieren. Gerade weil die Figuren oft nur andeuten statt auszusprechen, wird das Publikum selbst in die Deutung des Geschehens hineingezogen.
Genau das macht das Stück feministisch-politisch: Es zeigt Macht nicht als einfache Hierarchie, sondern als Deutungskampf.
Kontroverser Diskurs
Laut Zeugke muss Theater provokant sein, um zu wirken und Theater darf auch mal unbequem sein. „Theater ist dafür da, als soziale Wirkungsmacht einen Exkurs zu produzieren“, sagt er. Unbequemlichkeit zwingt zur Haltung, sie zwingt den Zuschauenden aus seiner passiven Haltung und verlangt nach aktivem Mitdenken. „Wenn es kontrovers ist, ein bisschen provokant, unbequem, dann habe ich was zu klären“ , ergänzt Urban. Genau das leistet feministisches Theater. Es konfrontiert nicht mit einfachen Lösungen, sondern mit Fragen, über die wir sprechen müssen „Ich glaube, was dem Publikum hier oft passiert ist, dass sie etwas sehen, was ihnen neu ist oder was sie in der Intensität so noch nicht wahrgenommen haben“, beschreibt Urban. Die kleine Bühne des Theaters verstärkt diese Wirkung, denn jede Geste, jede Pause kommt direkt an. Danach kommt es im Hinterhof zum Diskurs, an dem auch die Schauspielenden selbst teilnehmen.
Für die Zukunft wünscht sich Urban Folgendes: „Ich hoffe, dass ich noch auf ganz viele, tolle zeitgenössische Stoffe stoßen werde, die das politische Theater und soziopolitische Interesse, das Christoph Küster hier sozusagen gepflanzt hat, weiterführen“. Sie ist also sicher, dass das Studio Theater weiterhin politische Themen aufgreifen und inszenieren wird.