Spielbrett statt Konsole: Warum analog spielen mehr ist als Nostalgie
Seit ich ausgezogen bin, hat sich viel verändert: Ein neuer Lebensort, eine neue Umgebung, viel Ungewohntes. Aber trotzdem - immer wenn ich nach Hause komme, wartet meine Mutter schon mit einer neuen Spieleschachtel auf mich und ich darf gespannt sein, welche neuen Brett- oder Kartenspiele auf mich warten. Für manche ist es Kinderkram, längst zurückgelassen. Für andere ist es ein Zeitvertreib, am PC oder am Handy zu zocken, Ablenkung durch den Bildschirm. Für mich bedeutet Spielen aber mehr. Für mich hat Spielen wenig mit Digitalem zu tun. Spielen ist Heimkommen. Denn Gesellschaftsspiele sind so viel mehr als nur Kinderkram oder ein einfacher Zeitvertreib.
Mit meiner Einstellung bin ich nicht allein. Immer mehr Menschen spielen wieder Gesellschaftsspiele. Der Markt für Brett- und Kartenspiele wächst stetig und Prognosen sagen, dass der Markt bis 2030 sogar noch um etwa 50% zulegen wird. Die SPIEL Essen, die weltweit größte Messe für Brettspiele, erreichte 2025 einen neuen Besucherrekord von 220.000 Menschen und hatte auch in den Jahre vor Corona immer wieder neue Rekorde aufgestellt. In einer YouGov-Umfrage im selben Jahr gaben 23 Prozent der Deutschen an, sich für Brettspiele zu interessieren. Damit ziehen die Brettspiele gleich mit den Videospielen. Im digitalen Zeitalter, in dem wir immer mehr auf Bildschirme verlagern, ist das durchaus verwunderlich. Woran liegt das?
Spielen als Urinstinkt
Genauso, wie wir alle früher gespielt haben, haben es auch unsere Vorfahren getan. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass wir Menschen schon immer gespielt haben. Schon vor 4.000 Jahren haben die Ägypter Brettspiele gespielt. Natürlich nicht so bunt und ausführlich, wie wir sie heute kennen, aber mit Regeln und Spielabläufen. Es wird angenommen, dass dies der Verehrung ihrer Götter diente und Teil ihrer Rituale war. Spielen ist also fest in unserem Leben und in unserer Identität als Menschen verankert.
Auch hier in Deutschland haben wir eine tief verwurzelte Spielekultur. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde erstmals das spielerische Lernen in Deutschland etabliert. Es entwickelten sich zunehmend mehr Vereine und das Spielen wurde mehr wertgeschätzt. Bis zu den 1960er Jahren waren Spielesammlungen und Klassiker wie Memory oder Malefiz immer weiter verbreitet. Mit der Gründung des „Spiel des Jahres” e. V. 1979 brachte die Auszeichnung nochmal eine ganz andere Seite von Spiel mit in unsere Gesellschaft.
Spiel des Jahres
Das „Spiel des Jahres“ ist ein Preis für analoge Gesellschaftsspiele im deutschsprachigen Raum und wird seit 1979 vergeben. Zu Beginn wurde nur ein Hauptpreis vergeben, seit 2001 gibt es zusätzlich das „Kinderspiel des Jahres“ und seit 2011 das „Kennerspiel des Jahres“. Die Jury arbeitet unabhängig und besteht aus Spielekritikerinnen und Spielekritikern aus deutschsprachigen Ländern. Sie stellen gemeinsam eine erste grobe Auswahl an Spielen zusammen, die sogenannte Longlist, aus der anschließend drei Spiele in die engere Auswahl, die Shortlist, kommen. Daraufhin wird von diesen drei Spielen eines zum Spiel des Jahres gekürt. Ziel der Auszeichnung ist es, Gesellschaftsspiele als Kulturgut zu fördern und Orientierung bei der Auswahl guter Spiele zu geben.
Quelle: Spiel des Jahres e.V.
„Catan - das Spiel”, auch kurz „Catan“, gewann diesen Preis 1995 und zeigte damit, dass Spiele nicht nur für Kinder geeignet waren, sondern auch Erwachsene herausfordern können. Das war ein Wendepunkt in der deutschen Spielewelt. Die Spiele wurden ausgefeilter, komplexer, aber auch anschaulicher und verständlicher. Auch für mich war „Catan“ eines der ersten Spiele, die mich wirklich gepackt haben. Ich kann mich noch gut an einen Abend erinnern, an dem mich eine Freundin besucht hat, die „Catan“ noch nie zuvor gespielt hatte. Meine Mutter und ich brachten es ihr bei und durch ein bisschen Strategie und Glück gewann sie sogar die Partie. Seitdem ist es eines ihrer Lieblingsspiele und immer eine schöne Erinnerung, wenn wir wieder zusammenkommen.
Heutzutage ist das „Spiel des Jahres” eine der größten Auszeichnungen für Brett- und Kartenspiele im deutschen Raum, wie auch international. In diesem Jahrhundert hat jedoch vor allem das digitale Spiel viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Durch Gaming-Revolutionen, das Internet und Konsolen spielen viele, vor allem junge Menschen, viel online. Warum erlebt also das analoge Spiel jetzt ein Comeback? Was suchen Menschen am Spieltisch, was ihnen die digitale Welt offenbar nicht geben kann?
Zwischen Realität und Fantasie
Spielen bietet einen Ausgleich zum eintönigen Alltag. Der Spielewissenschaftler Jens Junge beschreibt Spielen als freie Entscheidung. Es geht dabei eben nicht um Arbeit oder jegliche Pflichterfüllungen. Denn jedes Spiel hat seine eigenen Regeln. Es darf auch mal gelogen oder geklaut werden, man spielt miteinander und gegeneinander, alles ist möglich.
Das können digitale Spiele auch, häufig sogar besser als analoges Spiel. Digitale Spiele bieten oft mehr Möglichkeiten, größere Welten, schnellere Reize. Doch genau darin liegt ihr Problem: Sie enden selten wirklich. Es gibt immer ein nächstes Level, ein nächstes Ziel, ein weiteres Update. Unendlich viele Wege, zu gewinnen, aber genauso viele, sich selbst darin zu verlieren.
Analoges Spielen funktioniert anders. Man kann auch Kulissen erschaffen, Welten bauen und in diese eintauchen. Aber diese Spiele haben ein Ende, ein klares Ziel, was meistens innerhalb von einem Abend erreicht werden kann. Und mit dem klaren Spielende endet auch die gebaute Welt. Das Spiel wird wieder aufgeräumt, die Welt wird zusammengeklappt und zurück in den Karton gelegt. Während digitale Spiele mich oft bis spät in die Nacht gefesselt haben, empfinde ich analoge Spiele als bewusstere und gesündere Alternative.
Gemeinsam statt einsam
Ich setze mich also mit meiner Mutter an den Tisch. Wir bauen das Spiel auf, legen Plättchen und Karten an den Rand. Dann wird gewürfelt, gelegt, verhandelt. Denn das, worauf es beim analogen Spielen am meisten ankommt, ist nicht, dass es gesünder ist oder der Kick vom Gewinnen. Es geht um das Zwischenmenschliche, die Beziehungen um uns herum, die Menschen. Ich habe selten so gute Abende gehabt wie an denen ich Brettspiele mit Freunden gespielt habe. Das ungezwungene Zusammenkommen und der Wille, Zeit miteinander zu verbringen, machen analoge Spiele zu etwas ganz Besonderem, denn für ein paar Stunden muss ich nicht über Krisen oder Konflikte reden, sondern kann einfach Spaß haben. Maren Hoffmann vom Verein „Spiel des Jahres” betont im Interview immer wieder: „Das Wichtigste an einem Spiel ist, dass es Spaß macht, dass man Interessantes erlebt und seinen Horizont erweitert.“ Ich kann mir nicht vorstellen, dasselbe Gefühl alleine beim Zocken am Laptop oder beim Chatten zu erreichen. Diese Horizonterweiterung erlange ich vor allem in der direkten Interaktion mit anderen, denn Gestik, Mimik und Ausdruck lassen sich nicht in einem Voice-Chat vermitteln. Ich muss es sehen, hören und spüren können.
Corona als Auslöser des Brettspielebooms
Wir sitzen sowieso schon genug vor dem Bildschirm. Handy, Tablet oder Fernseher sind große Ablenkungen in unserem Alltag. Analoges Spiel als Digital-Detox wurde vor allem während der Coronazeiten zum Trend. Statistiken zeigen, wie der Umsatz für Gesellschaftsspiele während dieser Jahre auffällig gestiegen ist. Und vielleicht liegt genau darin seine größte Stärke: Spielen verbindet – unabhängig von Alter, Erfahrung oder Lebensrealität.
Denn Brettspiele überkommen Grenzen. Meiner Mutter sind Videospiele oft zu laut, zu schnell, zu schwierig. Aber Brettspiele gehen dagegen immer, denn bei Uno kann jeder mitspielen: Meine Oma, meine Mutter und auch mein 6-jähriger Cousin. Spielen sollte nicht limitiert sein auf die Menschen, die schnell genug sind oder alles schnell verstehen. Denn wie schon der amerikanische Schriftsteller Oliver Wendell Holmes sagte: „Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden; wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen!“ Es ist genau das, was analoges Spielen so besonders macht: Es verbindet Generationen, Persönlichkeiten, Lebenswelten.
Wenn ich das nächste Mal nach Hause komme und meine Mutter wieder mit einer neuen Spieleschachtel auf mich wartet, dann weiß ich: Es geht nicht nur um Karten oder Würfel. Es geht um Zeit, Nähe und das Gefühl, für einen Moment einfach da zu sein. Spielen ist kein Kinderkram. Spielen ist ein Stück Leben.
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