Kolumne

Liebe Jungs, warum haltet ihr unsere Handtasche so komisch?

Einige Jungs halten die Handtasche eines Mädchens so, als wäre sie ansteckend. Doch woran liegt das?
26. Juli 2022
Ganz vorsichtig und weit weg vom Körper: So halten die meisten Jungs eine Frauenhandtasche. Aber liebe Jungs, warum haltet ihr unsere Taschen so komisch? Eine Kolumne im Format "Jungsfrage – Mädchenfrage" vom jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung (jetzt.de).

Die Mädchen Frage 

Liebe Jungs,

letztens stand ich vollgepackt mit zwei Einkaufstüten, fünf Hosen und meiner Handtasche vor der Umkleidekabine. Um beim Anprobieren der Klamotten auch den Spiegel und nicht nur Tüten zu sehen, lud ich mein Gepäck bei meinem Freund ab, der mich netterweise auf meiner Einkaufstour begleitete. Zuerst nahm er beide Einkaufstüten selbstsicher an sich. Nur noch meine Handtasche fehlte. Ich strecke sie ihm ungeduldig entgegen. Plötzlich bemerkte ich, wie seine Selbstsicherheit auf einen Schlag verflogen war. Kritisch musterte er die Tasche und suchte eine Stelle, wo er denn dieses Ekelobjekt anfassen könnte. Schließlich nahm er meine Handtasche vorsichtig mit seinen Fingerspitzen und streckte dabei den Arm vollständig aus. Die „Eine-Armlänge-Abstand-Regel“ hat er echt ernst genommen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er dafür noch Pinzette und Schutzhandschuhe benutzt hätte. Ich konnte mir mein Lachen einfach nicht verkneifen und sah zu, wie ein erwachsener Mann völlig unsicher und abgeneigt einer Handtasche gegenüberstand. Doch nach kurzem Überlegen fand ich die Situation gar nicht mehr so lustig.

Fürs Protokoll: Meine Handtasche ist keineswegs gesundheitsgefährdend oder unhygienisch. Hinter dieser Abneigung steckt ein ernsthaftes Problem. Männer sehen in einer Frauenhandtasche nicht ein nützliches Objekt, wie wir Frauen es tun, sondern eher eine Bedrohung gegen ihr unantastbares Mannsein. Egal ob klein, groß, eckig, glitzernd oder wilder Tierprint-Männer wollen keineswegs in der Öffentlichkeit mit dieser Form von weiblichen Transporthilfsmittel gesehen werden. Zu groß ist die Angst als „der-tussige-Handtaschentyp“ bezeichnet zu werden. Doch die Angst ist völlig unberechtigt. Der Handtasche an sich wird einfach viel zu viel Wert beigemessen. Die Handtasche ist kein Geschlechtsumwandler. Es ist einfach eine Tasche, weiter nichts. Ihr werdet nicht aus Zauberhand zum Mädchen, nur weil ihr unsere Tasche haltet. Dafür ist schon ein chirurgischer Eingriff nötig.

Doch eine Sache wird dabei vollkommen ignoriert: Wir Mädchen finden nichts attraktiver, als einen Mann, der sich in seiner Männlichkeit sicher ist. Kein Nagellack, kein Blümchenkleid, keine Ohrringe und ganz sicherlich auch keine Handtasche auf dieser Welt können eurem Mannsein schaden. Denn egal was und wie ihr es tragt, ihr werdet immer Mannbleiben, Mannwerden und Mannsein.

Dennoch schämt ihr euch in der Öffentlichkeit eine kleine, handliche Tasche zu tragen. Stattdessen sieht man euch mit randvollen Hosentaschen. Sobald die Naht an der Hose fast am Reißen ist, schmuggelt ihr dann doch das ein oder andere in unsere Handtasche. So selbstverständlich wie wir Mädchen eure Sachen tragen, so selbstverständlich solltet ihr auch unsere Tasche entgegennehmen, oder?

Aber wieso verunsichert euch ausgerechnet eine Handtasche so? Fühlt ihr euch auch von anderen Sachen, die in der Gesellschaft als ,,das ist nur für Frauen“ bezeichnet werden, unsicher? Glaubt ihr uns, wenn wir euch sagen, dass wir es attraktiv finden, wenn ein Mann sich die Handtasche ohne Probleme und Scham lässig über die Schulter hängt?

Wir möchten euch weiterhin auf unseren Einkaufstouren mitnehmen, also bitte klärt uns auf!

Eure vollgepackten Mädchen

Die Jungs Antwort

Liebe Mädchen,


da seid ihr einem interessanten Phänomen der Männerwelt auf die Schliche gekommen. In der Tat gibt es Männer, denen das Tragen einer Frauenhandtasche in der Öffentlichkeit – man möchte sagen – in panische Angstzustände versetzen kann. Heutzutage habe ich keinerlei Probleme mehr mich mit einer Handtasche an der Seite zu zeigen. Das „mehr“ in diesem Satz deutet aber auch darauf hin, dass einst auch ich von dieser Volkskrankheit betroffen war. Doch eine genaue Antwort, warum es dieses Unbehagen überhaupt gibt, kann ich nur bedingt geben.

Es hat sicherlich viel mit der Zeit zu tun, in der viele Männer mit stark ausgeprägter Frauenbeutel-Phobie, aufgewachsen sind – so neunziger und alles davor. Damals waren konservative Geschlechterrollen viel prägnanter in unserer Gesellschaft verankert, als das heute der Fall ist. Als Kind wurde uns Jungs nämlich immer suggeriert: „Sei doch kein Mädchen!“ und Kommentare wie: „Du läufst ja wie eine Frau“ waren keine Seltenheit. Als junger Mann musstest du Stärke zeigen, sonst lief man Gefahr, aus dem berühmt berüchtigten „Männer-Club“ ausgeschlossen zu werden und die Anerkennung seiner gleichgeschlechtlichen Mitmenschen zu verlieren. Deswegen reagieren wir so, wenn ihr Mädchen uns eure Handtasche anvertraut.

Was nach außen hin für euch wie ein Ausdruck des Ekels erscheint, ist in Wirklichkeit aber ein nackter Überlebenskampf. Unsere Rüstung, die wir uns unser gesamtes Leben über mühsam aufgebaut haben und die uns vor den Blicken böswilliger Herren schützt, fängt nun an in sich zusammenzufallen. Es mag zwar nur ein zusammengenähtes Stück Leder sein, in unseren Händen mutiert diese Tasche aber in Handumdrehen zu einem massiven Aushängeschild, mit dem wir unsere nun verminderte Männlichkeit den anderen zum Fraß vorwerfen und nur darauf warten von ihren Blicken zerfleischt zu werden. Gedanken, die sich die anderen jetzt wohl machen, schwirren durch den Kopf wie Geister auf einem Friedhof: „Was ist denn mit dem los?“, „Wieder so einer von denen!“ Ein absolutes Horrorszenario. Deshalb müssen wir auch den Henkelbeutel so weit von uns fernhalten. Es ist ein Statement, welches anderen Männern signalisieren soll: „Dieses Schandstück ist kein Teil von mir“. In der Hoffnung, nicht den völligen Respekt der Männergemeinde zu verlieren.

Daher kann es für euch Mädchen manchmal so aussehen, als wenn eure Handtasche für uns ein Gefahrenobjekt darstellt und (ähnlich wie beim Coronavirus) von jeglichem Kontakt strengstens abgehalten werden sollte.

So muss es aber nicht sein: Denn das Tragen einer Handtasche zeigt in Wirklichkeit das genaue Gegenteil dieser Ängste. Es symbolisiert Stärke und zeigt Akzeptanz. Wie ihr schon richtig sagt, liebe Mädchen, kann keine Handtasche und kein Nagellack unsere Männlichkeit schmälern - solange wir dies nicht zulassen. Ich bin froh, dass wir in einer Zeit leben, in der diese Stigmata langsam ein Ende finden. Allerdings ist das noch nicht bei jedem angekommen.

Daher, liebe Mädchen, seid uns nicht böse, wenn wir mal wieder völlig unbeholfen eure Handtaschen tragen. Es zeigt nur, dass wir noch lernen müssen uns selbst zu lieben und zu akzeptieren.

Eure Jungs