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Interview
Leben ist lebensgefährlich

Als Klinikclown hilft Christine Gaugler den Menschen, ihre Lebensfreude zu finden – auch in schwierigen Momenten. | Bild: Christine Gaugler

Interview Leben ist lebensgefährlich

Als Klinikclown hilft Christine Gaugler den Menschen, ihre Lebensfreude zu finden – auch in schwierigen Momenten. | Bild: Christine Gaugler
 

24 Jun 2021

Christine Gaugler lebt nach der Überzeugung: „Sterben müssen wir sowieso alle. Was zählt, ist das Leben, das noch da ist." Ein Interview über die Tätigkeit als Klinikclown, das Leben, den Tod – und mit ganz viel Lachen.

Jakob Hertl

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020
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Christine Gaugler, 59 Jahre alt, wohnhaft in St. Blasien bei Freiburg: Eigentlich ist sie Gesundheitspädagogin in der Gemeindepsychiatrie. Nebenher bringt sie als Klinikclown „Trixi“ Menschen das Lachen nahe, die es gut vertragen können. Ihr Markenzeichen: Die rote Clownsnase.

Stimmt es, dass du immer eine rote Nase dabeihast?

Ja, ich habe so eine Allwetter-Nase, die habe ich eigentlich immer in irgendeiner Tasche dabei. Außer ich verräume sie und finde sie dann nicht mehr. (lacht) Aber es gibt so Situationen, wenn die Leute fragen: „Ja wie, Clown?“ Als Antwort kann es schon mal vorkommen, dass ich mich umdrehe, meine Nase aufziehe und als Trixi zurückkomme.

Heutzutage bist du regelmäßig „Trixi“ anstelle von Christine Gaugler. Damit hast du dir einen großen Wunsch erfüllt: Clown sein ist dein Kindheitstraum. Wie kommt´s? Gibt es dafür einen besonderen Auslöser oder irgendwelche Vorbilder?

Nein, ich glaube nicht. (lacht) Es gibt ein Bild von mir, da bin ich etwa drei Jahre alt, habe so ein Schlafgewand und eine Zippelkappe auf und mein Vater hat das kommentiert: „Christine macht die ersten Übungen als Clown.“ Manchmal denke ich auch, ich habe schon so ein bisschen eine tollpatschige Seite an mir. Mir passieren immer komische Sachen. (lacht) Also, dass ich mir den Finger einklemme oder den Kopf anhaue. Oder ich versuche wieder fünf Sachen gleichzeitig zu tragen und nur drei überleben das. Also da, glaube ich, steckt der Clown einfach in mir.  

Umgesetzt hast du deinen Traum aber erst 2013 mit 51 Jahren, als du die Ausbildung zum Gesundheitsclown angefangen hast. Warum nicht früher?

Manchmal liefert einem das Leben eben einfach andere Wege. Ich habe drei Kinder großgezogen, gearbeitet und 20 Jahre meine Eltern mit Demenz gepflegt. Ich war eigentlich immer jemand, der gerne gelacht hat, aber in dieser Zeit ist es mir ein Stück weit verloren gegangen. Zudem hat mir auch einfach das Geld gefehlt, so eine Klinikclown-Ausbildung kostet rund 10.000 Euro. Aber irgendwann gab es dann einen Punkt, an dem es mir gesundheitlich nicht mehr gut ging. Ich hatte eine Herzattacke. Und an dem Tag habe ich beschlossen: Ich mach´s jetzt trotzdem! Und wenn es das Letzte ist, das ich in meinem Leben noch mache.

Dann kam die zweieinhalbjährige Ausbildung in der Tamala Clown Akademie in Konstanz. Was muss man dafür mitbringen?

Ach… einfach nur Offenheit eigentlich. (lacht) Naja, ok nein, so einfach ist es nicht. Also es ist eine Persönlichkeitsentwicklung, die dahintersteht. Und es gibt schon Einschränkungen. Man darf zum Beispiel nicht psychisch erkrankt sein.

Wie sieht die Ausbildung aus?

Zuerst behandelst du die Grundlagen des Bühnenclowns und erarbeitest dir deine Clownsfigur. Im letzten Jahr kommen dann die gesundheitlichen Sachen dazu. Du hast Prüfungen und Praktika in allen Bereichen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das umzusetzen. Ich habe die zweieinhalbjährige Variante gemacht. Das waren in der Regel Seminare einmal im Monat am Wochenende und ab und zu längere Wochenblöcke, in denen du zum Beispiel eine Aufführung vorbereitest oder auch mal zehn Tage in Italien auf Straßentheater bist. Das ist eine grandiose Erfahrung, aber auch ein hoher Aufwand.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Seit ihrem Abschluss im März 2016 ist Christine Gaugler Mitglied im gemeinnützigen Verein „ProClowns“ in Winterthur in der Schweiz – und inzwischen viereinhalb Jahre tätig als Klinikclown „Trixi“ in verschiedenen Einrichtungen. Teilweise in der Geriatrie, also einer Einrichtung für Menschen mit Alterserkrankungen wie Demenz. Hauptsächlich aber auf der Palliativstation im Kantonspital in Winterthur​. Also in einer Einrichtung für Menschen mit lebensverkürzender Krankheit. Manche der Patienten werden auf neue Medikamente eingestellt und wieder entlassen – einige müssen bald sterben.

Du bist in der Palliativmedizin mit dem Wissen konfrontiert, dass es den Menschen wirklich schlecht geht und sie vielleicht sterben werden. Wie schafft man es, vor diesem Hintergrund happy zu bleiben und eine fröhliche Clownsshow darzubieten?

Du lernst in der Ausbildung, das nicht an dich ranzulassen. Wir haben beispielsweise ein Seminar gemacht, da ging es um das Thema Tod, das eigene Sterben und die eigenen Ängste. Also das kommt nicht von heute auf morgen. Das passiert aber auch dadurch, dass du dich, bevor du in ein Zimmer gehst, einstimmst und in deine Mitte gehst. Wir sagen immer: „Du springst in deinen Clown“. Diese Bewertung, dass der andere krank ist und stirbt, das machst du mit deinem Kopf. Der Clown spielt im Bauch. In der Intuition. Da hat der Kopf nichts zu melden. In dem Moment, in dem du in die Bewertung gehst, bist du nicht mehr im Clown. Dann kannst du dieses intuitive Spiel nicht mehr machen und das ist genau die hohe Kunst daran. Aber dahinter steckt vor allem, dass du eine Haltung zum Tod entwickelst.

Was ist deine Haltung?

Ich sage immer so ein bisschen flapsig: „Das Leben ist lebensgefährlich. Es endet immer mit dem Tod. Kommt keiner lebendig davon.“ (Das Originalzitat „Leben ist immer lebensgefährlich“ stammt übrigens von Schriftsteller Erich Kästner.) Ich sehe das Sterben nicht als Bedrohung, sondern das gehört zu unserem Leben dazu. Im Endeffekt geht es um das Leben, das noch da ist. Wie lebe ich das Leben, das noch da ist? Manchmal habe ich das Gefühl, manche Menschen denken so an den Tod, dass sie das Leben verpassen. Dabei ist die Kunst im Leben doch eigentlich, den Moment zu leben. Und der Clown lebt im Moment. Heute würden wir so modern sagen „achtsam“. (lacht)

Das heißt, der Klinikclown hilft den Menschen ein Stück weit, im Moment zu leben?

Im Prinzip ja. Der Klinikclown ist dazu da, einen Perspektivwechsel zu bringen, aus der vielleicht schwierigen Situation mit Schmerzen, mit Krankheit, mit Veränderungen – und einfach Freude zu bringen.

Wie sieht das in der Praxis dann aus?

Wir hatten beispielsweise neulich eine Situation mit einer Dame auf der Palliativstation: Wir Clowns gehen zu zweit zu einem Zimmer und sehen, da war gerade Besuch da. Also gehen wir rein in das Zimmer und ich sage „Oh, Sie haben gerade Besuch gehabt.“ Und die Dame fängt an zu weinen und sagt: „Ja, ich habe heute Geburtstag.“ Was machen die Clowns dann natürlich? Die feiern eine wilde Geburtstagsparty! Also ich hatte eine Spieluhr dabei, die „Happy Birthday“ gespielt hat. Dann haben wir aus Servietten eine Blume gefaltet und Geburtstagslieder gesungen. Und die Dame war danach wirklich so berührt und hat geweint und sich gefreut und alles zusammen. Genau darum geht es: Ich bin im Krankenhaus, es geht mir schlecht, ich weiß, dass ich sterben muss – aber ich habe nochmal Geburtstag. Und gefeiert.

Sind es solche Momente, die die Tätigkeit so besonders machen?

Ja, absolut. Ich war zum Beispiel letzte Woche in Winterthur und habe Werbung für ein Clownsfestival gemacht. Und dann sitzt da ein Kind – acht bis zehn Jahre alt, spastisch eingeschränkt – im Kinderwagen, schaut weg und ist total abwesend. Ich bin hin und habe ihn angespielt, so wie ich es in der Klinik auch machen würde. Und auf einmal fängt der an zu strahlen, kriegt leuchtende Augen und lacht. Das fand ich total berührend. Das sind so die Momente, wenn die Leute aus dem in sich gekehrten sich öffnen und mitlachen.

Lachen spielt für dich sowieso eine große Rolle. Du hast auch Ausbildungen als Humorberaterin und Humordramacoach absolviert, machst Lachyoga – und lebst nach dem Motto „Lachen heilt“.

Ich habe lange in einer Senioreneinrichtung mit demenzkranken und älteren Menschen gearbeitet und da haben sie immer gesagt: „Ah, Frau Gaugler, wenn sie im Haus sind – das hört man. Man hört Sie immer lachen.“ Diese ganzen Ausbildungen, die ich gemacht habe, sind verschiedene Zugangswege zu genau der Lebenseinstellung. Sterben muss ich sowieso. Was ich ändern kann, ist das, wie ich mit dem Leben umgehe. Es geht darum, herauszufinden: Wo ist meine Lebensfreude? Das kann ich in alle meine Tätigkeiten einfließen lassen. Wenn man es auf einen Satz bringen muss: Ich versuche, das Positive und das Heitere im Alltag zu sehen und anderen den Blick dafür zu öffnen.

In jedem Menschen steckt ein Clown. Die Frage ist, ob er freigelassen wird.