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Kultur&Gesellschaft

Essay
Streitkultur „Hawaii“

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Spaltet seit fast 60 Jahren unsere Gesellschaft: Ananas auf Pizza. | Bild: Jakob Hertl

Essay Streitkultur „Hawaii“

Spaltet seit fast 60 Jahren unsere Gesellschaft: Ananas auf Pizza. | Bild: Jakob Hertl
 

18 Jul 2021

Was die Debatte über Ananas auf Pizza mit unserer Gesellschaft zu tun hat? Leider so einiges. Über unsere verzerrte Diskussionskultur

Jakob Hertl

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020
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Dieser Text handelt von einem Thema, das die Menschheit seit Jahrzehnten beschäftigt. Einem Thema, das polarisiert, das unsere Gesellschaft entzweit. Eine endlose Debatte voller politischer Aufreger, beinahe beendeter Freundschaften und nicht endender Wortgefechte. Und das alles nur, weil jemand vor vielen Jahren auf die Idee kam, die Königin der herzhaften Backwaren mit einer Tropenfrucht zu belegen. Ja richtig: Es geht um Ananas auf der Pizza.

Der angesprochene „Jemand“ war im Übrigen der Kanadier Sam Panopolous. Er erfand die „Pizza Hawaii“ 1962 in seiner Gastronomie in Chatham, Ontario – vermutlich nicht ahnend, was er damit anrichtete. Für reichlich Diskussionsstoff hat die Ananas-Pizza-Kombination schon immer gesorgt. Und das ist gut so, denn von Diversität und Diskussion lebt unsere Gesellschaft. Wo unterschiedliche Meinungen sind, da muss man nicht lange nach einem Gesprächsthema suchen. Ich kann mir wenig Schöneres vorstellen, als einen Abend am WG-Küchentisch oder im Wohnzimmer der Familie mit einem Thema, zu dem die Ansichten so weit auseinander gehen wie ein frischer Hefeteig. Wenn ich mit Freund*innen Essen bestelle und bei meinem italienischen Freund die Schnappatmung einsetzt, sobald die Worte „Ananas“ und „Pizza“ im selben Satz fallen – dann weiß ich: Es wird ein unterhaltsamer Abend. Dann fliegen die Fetzen, es wird unsachlich, logische Argumente sind fehl am Platz. Einigung gibt es am Ende nicht. Nur den Kompromiss, dass es keinen Kompromiss gibt.

Ananas auf Pizza ist natürlich bei Weitem nicht das einzige kontroverse Thema, das solche Streitgespräche auslöst. Gehört auf ein Nutellabrot Butter? Und wie lautet eigentlich der richtige Artikel für unsere geliebte Nuss-Nougat-Creme? Wird das Weißwurstfrühstück durch süßen oder scharfen Senf komplettiert? Schüttet man zuerst die Cornflakes oder die Milch in die Schüssel? Auch über diese Themen kann man – wenn wir mal ganz ehrlich sind – nur emotional und höchst parteiisch reden.

Ich liebe diese Debatten. Manchmal brauche ich sie. Manchmal muss ich einfach stur bei meiner Meinung bleiben, völlig unseriös argumentieren, diskutieren wie ein Kind. Genau dafür gibt es Ananas auf Pizza, Butter unter Nutella, das Weißwurst-mit-süßem-oder-scharfem-Senf-Dilemma und viele weitere. Sie erlösen uns für einen Moment von Vernunft und Logik und überlassen uns unserer völlig subjektiven Meinung.

Was ich aktuell aber immer häufiger beobachte, ist, dass diese Art der Diskussion sich zunehmend ausweitet auf Themen, die um einiges relevanter sind als Ananas auf Pizza. Auf die wirklich wichtigen Fragen der Politik, auf gesellschaftliche Probleme. Und das ist höchst problematisch.

Hat eine Münze nur zwei Seiten?

Was alle banalen Debatten gemeinsam haben: Es gibt nur zwei Seiten der Münze. „Ja“ oder „Nein“. „Schwarz“ oder „Weiß“. Man liebt es oder man hasst es. Noch nie habe ich von jemandem gehört, der „Pizza Hawaii“ mal gut und mal schlecht findet. Das ist in diesem Kontext völlig legitim. Wenn wir aber über die großen politischen und gesellschaftlichen Kontroversen sprechen, dann gibt es kein „Ja“ oder „Nein“, kein „Schwarz“ oder „Weiß“ und erst recht kein „Richtig“ oder „Falsch“ mehr. In einer funktionierenden Demokratie kann am Ende immer nur ein Kompromiss stehen. Nur so wird keine einzelne von über 80 Millionen Meinungen vollständig übergangen. Darauf ist unser politisches System ausgelegt – oder wie es der Biologe und Philosoph Andreas Weber in einem Interview bei rbb passend formulierte: „Demokratie ist eigentlich der institutionalisierte Kompromiss."

Natürlich sehnen sich die Menschen in ungewissen Zeiten, wie wir sie gerade erleben, nach klaren Aussagen. Nach starken Versprechen, die dann auch durchgesetzt werden. Das Problem ist nur, dass jede*r eine eigene Vorstellung davon hat, was diese Aussagen beinhalten sollen. Wohin es führt, wenn eine einseitige Überzeugung vom ideologischen Rand der Gesellschaft plötzlich überhandnimmt und die politische Kontrolle erlangt, hat der Nationalsozialismus in Deutschland auf erschreckende Weise gezeigt. Das ist über 70 Jahre her und doch steigt in den letzten Jahren mit der AfD eine rechtspopulistische Partei auf. Auf der anderen Seite gewinnt mit den Grünen eine Partei an Zuwachs, die zwar seit ihrer Gründung eine starke Entradikalisierung durchlaufen hat, aber dennoch ganz klar dem linken Spektrum zuzuordnen ist. Die politische Mitte verliert währenddessen in Umfragen an Boden. Und damit gefühlt auch die Idee des Kompromisses.

Es geht gar nicht unbedingt um „rechts“ und „links“, sondern vielmehr darum, dass wichtige Themen allgemein zugespitzt werden. Wie bei Ananas auf Pizza, gibt es immer öfter nur noch zwei Meinungen im öffentlichen Diskurs. Man hat „pro“ oder „contra“ zu sein, zu allen möglichen Themen von der Corona-Impfung, über das Tempolimit bis hin zur Gender-Frage. Eine Tendenz zu entwickeln und dabei eine grundlegende Offenheit für Argumente der Gegenseite zu wahren, scheint aus der Mode zu kommen. Der Trend geht zur Radikalität.

Natürlich wäre es übertrieben, nun zu behaupten, dass wir in einer radikalisierten Gesellschaft leben. Dass das nicht der Fall ist, zeigt die aktuelle Gesellschaftsforschung, beispielsweise der PRIF-Report von 2018. Die Studie verdeutlicht aber auch, dass die Radikalisierung einer Gesellschaft grundsätzlich möglich ist. Und die Frage, ob wir uns in Deutschland auf dem Weg dorthin befinden, rückt immer stärker in den Fokus. Schließlich zeigen mehr und mehr aktuelle Streitthemen, dass die Kluft in Deutschland in vielen Bereichen größer wird.

Kaputte Diskussionskultur

Das hat viele Gründe. Einer davon aber ist mit Sicherheit, dass wir wichtige Themen mit nur zwei möglichen Standpunkten diskutieren. Dabei sind die zunehmende Polarisierung und Einseitigkeit nur ein Teil des Problems. Genauso problematisch wie die Zuspitzung auf zwei radikale Meinungen ist, dass wir diese bei wichtigen gesellschaftlichen Debatten inzwischen mit ähnlichen Mitteln wie beim Thema „Pizza Hawaii“ vertreten. Stur, uneinsichtig, rücksichtslos, ohne Verständnis für die Gegenseite. Ja, der Ton in gesellschaftlichen und politischen Wortgefechten wird rauer. „Insgesamt sind die Dialoge aggressiver und auch verletzender geworden“, stellte ZDF-Moderator Claus Kleber fest. Und immer öfter sind sie auch gespickt mit Drohungen und Beleidigungen. Beispiel gefällig? 2016 bezeichnete der AfD-Politiker Stephan Brandner die Grünen als „Koksnasen“ und „Kinderschänder“. Alexander Gauland (ebenfalls AfD) hetzte nach der Bundestagswahl 2017 gegen Angela Merkel und die Bundesregierung: „Wir werden sie jagen!"

„Insgesamt sind die Dialoge aggressiver und auch verletzender geworden.“ – Claus Kleber, über die deutsche Diskussionskultur

Diese unfeine Art, in Debatten miteinander umzugehen, kommt aber bei Weitem nicht nur vom rechten Rand. Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei entgleiste im vergangenen Jahr verbal, als er den AfD-Abgeordneten Stefan Möller als „widerlichen Drecksack“ bezeichnete. Die Art und Weise, wie die eigene Meinung geäußert wird, zeigt den häufig fehlenden Respekt für das Gegenüber. Beispielsweise wenn die Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah in der „taz“ schreibt, alle Polizist*innen würden auf den Müll gehören. Von Hatespeech, Shitstorms und üblen Beleidigungen in den sozialen Medien ganz zu schweigen.

All das zu kritisieren, hat überhaupt nichts damit zu tun, dass irgendwem die freie Meinungsäußerung verboten werden soll. Wir reden hier nicht über Cancel Culture oder Überempfindlichkeit. Es geht schlicht darum, dass aggressive Drohungen, Beleidigungen und Aussagen unter der Gürtellinie dem Finden eines gemeinsamen inhaltlichen Konsenses nie helfen. Wirklich nie.

Wenn ich mit Freund*innen über Ananas auf Pizza streite, dann wird es auch mal hässlich, dann fallen auch mal Beleidigungen. Das ist nichts, worauf man stolz sein müsste, am Ende nimmt es aber auch niemand persönlich. Es geht schließlich nur um Ananas auf Pizza. Im gesellschaftlichen Diskurs zu den wichtigen Fragen ist das nicht so.

Haben wir die gesunde Diskussionskultur verloren? Haben wir verlernt, wie man mit Anstand debattiert? Sicher nicht. Wir scheinen nur zunehmend zu vergessen, wie man differenziert zwischen den großen gesellschaftlichen Kontroversen und banalen Themen. Sam Panopolous hat uns die „Pizza Hawaii“ geschenkt, über die wir einfach mal herrlich unfair und unangemessen diskutieren können. Nutzt das. Schlagt euch darüber – natürlich nur metaphorisch – die Köpfe ein, aber bitte: Kommt wieder zur Vernunft, wenn es um die wirklich wichtigen Fragen geht.