Das Aschenputtel des Boulevards
Als ich „Pretty Woman (1990)“ das erste Mal geschaut habe, faszinierte mich diese Aschenputtel-Illusion des Films. Wie sich das Leben der Prostituierten Vivian Ward nach einer zufälligen Begegnung mit dem „richtigen Menschen“ in einen Traum verwandeln kann. Aus der blonden Perücke, einem knappen Kleid und Overknees wird die elegant gekleidete Frau mit wilden Locken und einem stinkreichen Freund.
Heute werde ich sofort aus dieser Illusion rausgerissen. Mir wurde klar, dass uns hier nur eine klassische Aufsteigerstory erzählt wurde. Eine Geschichte, die wohl nicht ohne Frauenhass und die Hilfe eines großartigen Mannes umsetzbar war. Schade. Um Vivian als Heldin feiern zu können, müssen die High-Society-Frauen aus Los Angeles böse und neiderfüllte Hexen sein. Ich finde, es ist absurd, wie unauffällig der Film Frauen in zwei Kategorien spaltet: die reichen, verheirateten und die ohne Mann und damit auch ohne Geld.
Trotzdem springen wir heute immer wieder auf den Zug mit auf. Das Patriarchat brachte uns nichts anderes bei, als andere Frauen zu beneiden und uns zu Konkurrentinnen zu machen. Viel zu oft sehen wir uns im Alltag eher als Bedrohung anstatt als Verbündete.
Die berühmte Szene auf dem Rodeo Drive macht mir immer gute Laune, bis die Musik leiser wird, denn sie zeigt genau diese Art von Hass, die ich schon erwähnt habe. In edlen Boutiquen erntet Vivian nur pure Herablassung. Natürlich von den Verkäuferinnen. Wieso eigentlich? Wäre es nicht viel schöner, würden sich die Frauen gegenseitig supporten, wenn eine von ihnen versucht, aus dem Dreck hochzukommen? Aber der Film braucht diese Spaltung, um Vivian in eine Opferrolle zu drängen, aus der sie dann ein Mann befreien kann: Edward Lewis, der Held, der ihr eine Woche Luxus schenkt. Als gäbe es keine weibliche Solidarität mehr, sobald ein Mann im Spiel ist.
Wem gehört ihr Stolz?
Trotz der miesen Inszenierung des weiblichen Umfelds im Film ist Vivian eine Frau, zu der ich aufsehen kann. Sie zerdenkt nicht alles bis ins kleinste Detail – ganz anders als ich. Sie ist eine selbstbewusste Frau, die genau weiß, was sie will. Umso schmerzhafter ist es für mich, zu sehen, in welch einem männerdominierten System sie festsitzt.
Sexarbeit ist keine lustige Nebenbeschäftigung, sondern oft die letzte Möglichkeit für Frauen, in einer ungerechten Welt zu überleben. Während der Szene, in der Edwards Freund Phillip Stuckey übergriffig gegenüber Vivian wird, weil sie ja „nur die Nutte seines Freundes“ ist, könnte ich kotzen. Es offenbart die Respektlosigkeit jener Männer, die meinen, Sexarbeiterinnen seien frei zugänglich. Männer, welche Frauen entweder für das gute Ansehen oder zur Befriedigung ihrer Fantasien nutzen. Auf Respekt wartet man bei dieser Spezies vergeblich. Frauen verdienen Würde, Vertrauen und die Macht, ihre Stimme zu benutzen. Trotzdem bleiben wir wegen Männern wie Stuckey lieber still.
Sichtbar wird Vivian erst, wenn sie edle Kleider trägt und ihre Persönlichkeit unterdrückt. Es macht mich fertig, dass wir in einer Welt leben, in der Ansehen und Wohlstand darüber entscheiden, wie über eine Person gedacht wird.
Man sagt schnell: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Ich sehe das aber anders. Nicht jede Frau hat ein sicheres Zuhause und einen Stall voller Möglichkeiten. Vivian hat wahnsinniges Glück, dass Edward ihr eine Woche ohne Grenzen schenkt. Am Ende möchte sie „Das ganze Märchen“ mit ihm und wir bekommen das Happy End. Vielleicht wollen Frauen aber gar nicht von einem Prinzen gerettet werden. Ich würde eine Welt bevorzugen, in der jede Frau eine Chance bekommt. Ein System, das nicht auf die rettenden Männer wartet, sondern auf uns Frauen.
Hinweis:
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Girls on Film". Weitere Folgen der Kolumne sind: