Girls on Film 4 Minuten

Die Freiheit, niemandem zu gehören

Holly Golightly's kult Silhouette
Mehr als nur eine Silhouette: Hinter dem Kult-Look der Holly Golightly wurde ihre dunkle Geschichte versteckt | Quelle: Annika Taube: Symbolbild
09. Juni 2026

Mädchen werden von weiblichen Charakteren im Film geprägt. Aber was passiert, wenn die Filmindustrie die wahren Geschichten dieser Frauen verstecken möchte? Sind es wirklich die Charaktere, die wir bewundern oder ist es nur die Idee von ihnen? Girls on Film schaut genauer hin, heute: Holly Golightly – auf der Flucht vor sich selbst.


 

Früher habe ich den Film geliebt. Fast jede junge Frau wollte einmal wie Holly Golightly aus „Breakfast at Tiffany’s” (1961) sein – natürlich auch ich.  Das Kleid, die Perlen, die Zigarettenspitze, eine absolute Definition von Glamour.  Mir wurde eine romantische Komödie verkauft, ein Märchen, das ich sogar beneidet habe. Aber eigentlich ist dieser Film eine gesellschaftliche Heuchelei. Ich sehe ihn wieder, Jahre später – eigentlich um mich kurz in eine perfekte Welt zu beamen – und mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Jetzt verstehe ich, worum es wirklich geht und was der Film versteckt. 

Hollywood blendet relevante Details aus Hollys Leben nicht nur aus, sondern romantisiert sie auf abartige Weise. Ihre Quirlseele und das wilde New Yorker Leben sind nicht echt. Der Name „Holly Golightly“ ist eine Notlüge. Ein Schutzraum, um die traumatisierten Reste von Lulamae Barnes zu verstecken.  Lulamae wurde mit 14 Jahren zwangsverheiratet. Heute gibt es weltweit rund 650 Millionen Frauen, die als Kinder verheiratet wurden. Kinder, die keine Wahl hatten. Kinder, die missbraucht wurden. Ich frage mich, wie ich die Figur als feministische Stil-Ikone feiern konnte, während ich ihren Hintergrund ignoriert habe. 

Holly hat nie gelernt, was eine echte Bindung bedeutet, weil Liebe in ihrer Welt immer mit Besitz und Angst verknüpft war. In New York passiert genau das, was passieren musste. Sie lebt von dem Geld, das ihr Männer „für die Toilette“ geben. Ihre Wohnung ist halbleer. Nichts in ihrem Leben ist stabil oder beständig. Sie kann keine Wurzeln an einem Ort schlagen, an dem sie nicht sie selbst ist. Aber wie sollte man wissen, wer man ist, wenn einem schon als Kind jede Form des Kindseins genommen wurde? Wenn man gelernt hat, andere Rollen zu spielen, bevor man überhaupt die Chance hatte, man selbst zu werden. 

Wem gehört ihr Herz?

Ihr namenloser Kater ist das Einzige, was im Film ehrlich ist. Ein Mitbewohner ohne Namen.  Denn wer keinen Namen hat, kann nicht verlassen werden.  Für Holly ist Liebe nichts, womit sie sich je wohlfühlen könnte. Als ihr Nachbar, Paul Varjak, gesteht: „Ich liebe dich … und du gehörst zu mir“, antwortet sie verzweifelt: „Kein Mensch gehört einem Menschen!“ Und ich finde, sie hat Recht damit. Holly hätte keinen Mann gebraucht, sondern den Raum, ihre Ängste verarbeiten zu können. 

Der Film verpackt all die Angst als quirlig-süße Persönlichkeit und nimmt damit jeder traumatisierten Frau die Stimme. All ihre „ikonischen“ Persönlichkeitsmerkmale, die vielen Männer, Partys und Panikattacken wurden nicht richtig benannt. Heute erkenne ich diese Muster in meiner Umgebung wieder. Es sind Überlebensstrategien, kein witziger Charakter. 

„Ich weiß nicht wer ich bin“
Holly Golightly aus Breakfast at Tiffany´s

Als sie sagt: „Ich bin nicht Lulamae, Holly bin ich auch nicht, ich weiß nicht, wer ich bin“, erkenne ich mich wieder. Wie oft ich schon das Gefühl hatte, nicht mehr zu wissen, wer ich bin. Ich denke, diese Sorge wird mich ein Leben lang begleiten. Die Frage ist nur: Wie geht man damit um? Auf jeden Fall nicht wie bei Breakfast at Tiffany's. Denn hier wird die bittere Wahrheit nur verschönert. Uns werden „Überlebensstrategien“ mit auf den Weg gegeben. Traumata werden Ästhetik und junge Frauen lernen, so lange eine fremde Rolle zu spielen, bis sie es sich selbst abkaufen. 

Am Ende feiern wir Hollys Aufgeben. Sie entscheidet sich für Paul, nicht für sich selbst. „Ein Kuss im Regen, das perfekte Happy End“, dachte ich früher. Heute denke ich mir: Ergib dich, pass dich an, binde dich an einen Mann und dann wird es uns besser gehen. Breakfast at Tiffany's ist das beste Beispiel dafür, dass wir endlich aufhören müssen, nur auf den Glanz in Filmen zu starren, und anfangen sollten, all die schmutzigen Details zu beachten!

Hinweis: 

Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Girls On Film". Weitere Folgen der Kolumne sind: