Girls on Film 4 Minuten

Allein unter Helfern

Rosemary Woodhouse´s Silhouette
Hinter der Silhouette der perfekten Ehefrau: Das Grauen einer Fremdbestimmung, die als Fürsorge getarnt ist. | Quelle: Symbolbild: Annika Taube
09. Juni 2026

Mädchen werden von weiblichen Charakteren im Film geprägt. Aber was passiert, wenn die Filmindustrie die wahren Geschichten dieser Frauen verstecken möchte? Sind es wirklich die Charaktere, die wir bewundern oder ist es nur die Idee von ihnen? Girls on Film schaut genauer hin, heute: Rosemary Woodhouse, die Statistin im eigenen Körper

 

„Du bildest dir das nur ein“, „Das ist alles nur in deinem Kopf“ – das sind Sätze, die mir bis heute jedes Mal den Magen umdrehen. Vor allem, wenn ich ganz genau weiß: Es stimmt etwas nicht. Heute haben wir für diese psychologische Manipulation einen Begriff: Gaslighting. In „Rosemarys Baby“ (1968) nannte man das einfach „den Alltag einer Frau“.

Ich sehe den Horror-Klassiker und mein Grusel beginnt nicht bei den dunklen Schatten, Satanismus, Teufeln oder Babyraub. Er beginnt dort, wo Rosemary durch die Fremdbestimmung ihres Ehemannes und den penetranten Nachbarn ihre Stimme verliert. Der Film lehrt auf eine schmerzliche Weise, dass die gefährlichsten Menschen oft jene sind, die behaupten, nur unser Bestes zu wollen. 

Rosemary Woodhouse wirkt auf mich wie die „perfekte“ Frau ihrer Zeit: jung, hübsch und viel zu angepasst. Eine Frau, die einfach alles tut, was man ihr sagt, und alles über sich ergehen lässt. Oder lassen muss? Dieser Film romantisiert mal wieder sowohl die physische als auch die psychische Misshandlung einer jungen Frau, aber: „Früher war das halt so.“ Ihr Ehemann Guy, der ein männliches Selbstverständnis verkörpert, welches mich heute absolut wütend macht, ist das größte Monster im Film. Er ist der Inbegriff eines toxischen Mannes und nutzt Rosemarys Körper als Währung für seine eigene Karriere aus. Dass es heute noch Frauen wie Rosemary gibt, welche hilflos alle grausamen Taten von Männern wie Guy über sich ergehen lassen müssen, widert mich an. Aber sobald Rosemary versucht, sich zu wehren, schnappt die Falle zu. Entweder bist du als Frau brav und still, oder du bist eben „hysterisch“. Ernst genommen wird man auf keinen Fall! Als hätten wir nichts aus genau solchen Filmen gelernt, sehe ich dieses Muster einer „Beziehung“ heute immer noch viel zu oft. 

Wem gehört ihr Körper?

Mit Rosemarys Schwangerschaft verliert sie das Recht auf ihren eigenen Willen. Sie wird zur Statistin ihres eigenen Körpers, während ihre Gebärmutter zum öffentlichen Eigentum des Hauses erklärt wird. Ich spüre dieses eklige, beklemmende Gefühl, das junge Frauen so oft haben: wenn das Umfeld meint, über unsere Lebensplanung mitentscheiden zu dürfen. Wenn die Frage nach dem Kinderkriegen nicht mehr wie eine Option klingt, sondern wie eine unausgesprochene Pflicht.

Was mich beim Schauen fast noch rasender macht, ist die Rolle der Nachbarin Minnie Castevet. Nach meinem Verständnis sollten sich Frauen gegenseitig unterstützen, aber Minnie ist hier keine Hilfe für Rosemary.  Sie verkörpert dieses Muster, bei dem ich nur noch mit den Augen rollen kann: wenn die ältere Generation der jüngeren einredet, man müsse Übergriffigkeit eben aushalten, weil „das schon immer so war“. 

Ich glaube, dieser Film triggert heute so sehr, weil wir sogar Begriffe wie Gaslighting haben, sich an den Mustern aber seit fast 60 Jahren erschreckend wenig verändert hat.  Frauen, die als „zu emotional“ oder „falsch“ hingestellt werden, sitzen immer noch im gleichen Boot wie Rosemary.  Der wahre Grusel im Film ist nicht der Pakt mit dem Teufel. Er ist die Erkenntnis, wie einfach es ist, eine Frau zum Schweigen zu bringen, über ihren Körper zu entscheiden und sie mit all dem Elend allein zu lassen.

„Das ist kein Traum, das ist echt!“
Rosemary Woodhouse aus Rosemary´s Baby

Der Film lässt mich mit einem verzweifelten Schweigen zurück.  Während Rosemary die Wiege schaukelt, sehe ich dabei zu, wie eine Frau in einer Welt aus „fürsorglichen“ Männern komplett verschwindet.  Dabei frage ich mich: Wo fängt dieser Horror im Alltag an? Rosemary hat geschrien: „Das ist kein Traum, das ist echt!“  Wir sollten anfangen, zuzuhören.

Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Girls On Film". Weitere Folgen der Kolumne sind: