Mehr als nur ein Klischee: Studentenverbindungen im Wandel
Viele Mitglieder von Studentenverbindungen tragen schmale Stoffbänder quer über der Brust sowie passende Mützen als Zeichen ihrer Zugehörigkeit. Ein Bild, das den Eindruck vermittelt, als stamme es aus einer längst vergangenen Zeit. Und doch gehören Studentenverbindungen bis heute zum Alltag an deutschen Universitäten und Hochschulen. Im Raum Stuttgart sind aktuell knapp 40 Studentenverbindungen ansässig. Zu einer dieser Verbindungen gehört der 22-jährige Lucca*. Er ist Mitglied in einer Burschenschaft im Stadtbezirk Stuttgart-Süd. Für ihn begann der Kontakt zur Studentenverbindung eher pragmatisch. Ausschlaggebend sei zunächst die Zimmersuche gewesen, erzählt er „und die Leute hier waren mir von Anfang an total sympathisch.“
Ein Moment ist Lucca besonders in Erinnerung geblieben:
In seinem Umfeld stieß Luccas Entscheidung in eine Studentenverbindung zu ziehen allerdings nicht nur auf Zustimmung. Freunde hätten anfangs skeptisch reagiert, erinnert er sich. Aussagen wie „Tritt da bloß nicht bei, die sind doch alle Nazis“ oder „Da kapselst du dich komplett ab“ seien keine Seltenheit gewesen. Für ihn selbst hatte die Gemeinschaft innerhalb der Verbindung einen großen Stellenwert, was ihn letztendlich zum Beitritt bewegte. „Du hast immer Leute, die dir Rückhalt geben, wenn mal etwas nicht läuft“, sagt Lucca. Besonders im Hinblick auf die berufliche Zukunft sehe er das Netzwerk als großen Pluspunkt. Kontakte aus der Verbindung könnten unter anderem dabei helfen, einen Praktikumsplatz zu finden und den Einstieg in verschiedene Branchen zu erleichtern.
Auf der Suche nach Gemeinschaft
Neben praktischen Vorteilen sind vor allem psychologische Faktoren entscheidend für die Anziehungskraft von Studentenverbindungen. Sozialpädagogin Judith Giesel erklärt, dass sie grundlegende Bedürfnisse ansprechen – insbesondere Zugehörigkeit, Wirksamkeit und Selbstwahrnehmung. Auch die Loyalität innerhalb solcher Gruppen lässt sich psychologisch einordnen. Sie beschreibt das Phänomen von Verbindungen zunächst neutral: „Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich ist. Ich glaube, dass es für junge Menschen oftmals eine Überforderung ist.“ Struktur und Beziehungen seien in dem jungen Alter besonders wichtig. Eine Verbindung ist wie ein Beziehungsmodell, in dem Regeln herrschen und das eine große Sicherheit geben kann. Also all das, was gerade immer in Frage gestellt wird“, so Giesel.
Die Vielfalt an Studierendenverbindungen
In Deutschland sind aktuell rund 1.000 Studentenverbindungen aktiv. Ein Großteil davon akzeptiert ausschließlich männliche Mitglieder, einige Verbindungen sind geschlechtergemischt, wenige sind rein mit Frauen besetzt. Die bekannteste Form studentischer Verbindungen sind Burschenschaften, die ausschließlich männliche Mitglieder aufnehmen. Sie gehören zu den ältesten Zusammenschlüssen, die sich durch politische Traditionen bildeten. Neben Burschenschaften gibt es deutschlandweit eine Vielzahl an Verbindungsformen. Zu den mitgliederstärksten zählen die Landsmannschaften, welche sich auf das akademische Fechten fokussieren, die Corps, welche unpolitisch ausgerichtet sind, sowie die katholischen Studentenverbindungen, bei denen das gemeinsame Bekenntnis zur römisch-katholischen Kirche aller Mitglieder im Vordergrund steht.
Ein zentraler Kritikpunkt an vielen Verbindungen betrifft ihre teilweise national-konservativen Strukturen. Insbesondere Verbindungen, die ausschließlich Männer aufnehmen oder an alten Regeln festhalten, stehen im Fokus öffentlicher Diskussionen. Daraus entsteht schnell das Bild eines „geschlossenen Männerbundes“. Lucca grenzt seine Verbindung davon klar ab: „Wir sind gegen Extremismus.“ Viele Mitglieder nehmen ihre Verbindung eher als Freundeskreis oder Unterstützung im Studium wahr. Auch die politische Einordnung sorgt immer wieder für Diskussionen. Einige Verbindungen stehen wegen nationalistischer oder rechter Positionen in der Kritik und werden sogar vom Bundesamt für Verfassungsschutz überwacht. So etwa die Burschenschaft Germania Halle zu Mainz, welche laut dem Innenministerium Kontakte zu bekannten rechtsextremistischen Kreisen pflegt.
Trotz Luccas positiven Erfahrungen hält er Kritik an Studentenverbindungen nicht grundsätzlich für unbegründet. „Sie ist insofern berechtigt, da es Verbindungen gibt, die noch immer dem alten Klischee entsprechen“, erzählt er. Problematisch seien jedoch Verallgemeinerungen. Denn häufig entsteht der Eindruck, alle Studentenverbindungen seien politisch konservativ oder rechts orientiert. Jedoch gibt es ein breites Spektrum: von liberalen und konfessionellen bis hin zu unpolitischen Verbindungen. „Ja, wir sind eine Burschenschaft, aber wir entsprechen nicht diesem klassischen Bild, sondern sind deutlich moderner als viele denken“, erzählt er. Die Burschenschaft, der Lucca angehört, verfolgt die liberal-demokratischen Grundsätze der Urburschenschaft von 1815. „Wir sind gegen Extremismus, stehen für Ausgleich und für ein starkes Europa“. Die Verbindung legt nach eigener Aussage den Fokus auf lebenslange Freundschaften und gegenseitige Unterstützung im Studium. Darüber hinaus spielen akademische Leistungen, persönliche Verantwortung und gesellschaftliches Engagement eine wichtige Rolle. Die Verbindung bezeichnet sich als „schlagende“ Studentenverbindung, da dort das akademische Fechten, die sogenannte Mensur, praktiziert wird. Gleichzeitig betont sie, dass die Teilnahme an Mensuren freiwillig ist und kein Mitglied dazu verpflichtet wird.
Die Geschichte von studentischen Verbindungen ist eng mit der Geschichte der Universitäten und der Entstehung der Bundesrepublik verbunden. Im 15. und 16. Jahrhundert war der Weg zwischen Universität und Heimat viel zu weit und unsicher, weshalb sich einige Studenten zusammenschlossen und das Fechten zur Selbstverteidigung erlernten. Der Studentenorden war der erste Verbindungstyp, der das Lebensbundprinzip verfolgte. So endete die Mitgliedschaft nicht etwa mit dem vollenden des Examens, sondern zog sich bis zum Lebensende. 1793 wurden diese Zusammenschlüsse im Heiligen Römischen Reich verboten. Später entstanden Landsmannschaften, aus denen sich im Laufe der Zeit verschiedene Traditionen und Verbindungstypen entwickelten. Heute gibt es unter anderem auch konfessionelle, gemischte und reine Damenverbindungen.
Für Lucca sei der Schritt in die Studentenverbindung trotz aller Vorurteile die richtige Entscheidung gewesen. Aus der ursprünglichen Zimmersuche entstand für ihn ein soziales Umfeld, das ihm bis heute Halt, Freundschaften und Orientierung bietet. „Ich bin seit meinem Beitritt deutlich selbstbewusster geworden und lerne ständig Menschen kennen, aus denen enge Freundschaften entstehen“, erzählt Lucca schmunzelnd. Studentenverbindungen mögen für viele längst veraltet wirken – für manche Studierende sind sie jedoch noch immer vor allem eines: ein Ort von Gemeinschaft und vieler schöner Erlebnisse.
*Der Protagonist Lucca möchte nur mit Vornamen genannt werden. Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.
Die Autorin selbst lebt in einer akademisch-wissenschaftlichen Studierendenverbindung, welche geschlechtergemischt und nichtschlagend ist.