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Sammelrezension
Fiktion oder Dokumentation? – Die Probleme der sozialen Medien

MEINUNG
Wie oft warst du heute schon auf Instagram? | Bild: Elena Paul

Sammelrezension Fiktion oder Dokumentation? – Die Probleme der sozialen Medien

Wie oft warst du heute schon auf Instagram? | Bild: Elena Paul
 

21 Dec 2020

Warum sehe ich im Netz fast nur Dinge, die mich interessieren? Oder warum weiß mein Smartphone beim Einsteigen ins Auto, dass ich zum Arbeiten möchte? Manipulation und Überwachung sind auch Themen der folgenden beiden Filmen. Doch wie unterscheiden sich Fiktion und Dokumentation?

Elena Paul

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020
KunstKulturFilm

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Wer kennt es nicht? Man scrollt abends noch durch Instagram oder YouTube und verliert dabei die Zeit aus den Augen. Plötzlich findet man sich bei einem Video über die besten Cafés in London wieder, obwohl man sich nicht wirklich dafür interessiert. Oft findet man sich auch auf einer Streaming-Plattform wieder und findet doch keinen Film, den man anschauen möchte. Ich bin dabei kürzlich wieder auf den Film „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ gestoßen und habe diesen dann angeschaut, da er seit Wochen auf meiner Liste war.

Jeder Blick auf das Smartphone ist berechnet

Das Netflix-Doku-Drama „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ aus dem Jahr 2020, bei dem Jeff Orlowski die Regie führte, behandelt die Problematik einer vernetzten Welt. Dabei erzählen Insider aus der Softwarebranche über ihre Einblicke und Erfahrungen. Diese haben bei Firmen wie Google oder Facebook gearbeitet. In einzelnen schauspielerischen Sequenzen wird außerdem die Geschichte einer Familie erzählt, die die besprochenen Probleme erlebt.

„There are only two industries that call their customers “users”: illegal drugs and software.” – Edward Tufte

Die schauspielerischen Teile des Films helfen zu verstehen, wie die Einblicke der Insider uns im Alltag beeinflussen. Oft wird ein Raum gezeigt, in dem drei Personen arbeiten. Die drei haben das Ziel, dass der Protagonist Ben sein Smartphone in die Hand nimmt und dann möglichst lange nutzt. Hier wird der Algorithmus erklärt, der dafür verantwortlich ist, dass wir Beiträge sehen, die für uns interessant sind. Das Ganze wirkt zwar überdramatisiert, hilft aber beim Verständnis, da die Eindrücke der Insider sehr theoretisch sind.

Vier Meinungen zu „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ | Bild: Laura Becher
Vier Meinungen zu „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ | Bild: Jennifer Strobl
Vier Meinungen zu „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ | Bild: Marc Keßler
Vier Meinungen zu „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ | Bild: Marlene Hilber

Tristan Harris ist ein Computer-Wissenschaftler und spielt im Film eine wichtige Rolle, da er viel Insiderwissen wissenschaftlich erklärt und sehr kritisch auf die Dinge blickt. Harris erzählt von seiner Zeit bei Google und wie er realisiert hat, dass Google die Nutzer von seinen Diensten abhängig machen möchte. „There are only two industries that call their customers “users”: illegal drugs and software“ ist ein Zitat, das mir dazu lange im Gedächtnis blieb. Es spricht genau die Gefahr an, dass die sozialen Netzwerke abhängig machen. Ich finde den Vergleich zu illegalen Drogen schockierend, aber auch passend. Ziel des Films ist es, zu schockieren und ein Umdenken des Publikums zu erreichen, das wirkt aber manipulativ. Im Film wird die Manipulation durch soziale Netzwerke stark kritisiert, deshalb sehe ich den manipulativen Charakter des Films als problematisch. Viele der Themen, die angesprochen wurden, waren mir schon bekannt. Mein Verhalten habe ich nach dem Film kaum geändert, da mir der Schutz meiner persönlichen Daten schon eine Weile wichtig ist.

Totale Transparenz

Ständige Überwachung und das Sammeln von Daten sind auch Themen des Science-Fiction-Thrillers „The Circle“. Der Film aus dem Jahr 2017 basiert auf dem gleichnamigen dystopischen Roman von Dave Eggers. Er erzählt die Geschichte der jungen Mae Holland, die von Emma Watson gespielt wird. Sie bekommt einen Job in dem riesigen Internetkonzern „The Circle“. Dieser möchte eine völlig transparente Welt schaffen und alle Internetangebote bei sich vereinen. Mae lässt sich auf diese neue Welt ein, da sie von diesem Ansatz begeistert ist. Auf einem Event lernt Mae dann Ty kennen. Er versucht, sie vor den Plänen des Unternehmens zu warnen, da er eine totale Transparenz als gefährlich sieht.

„Knowing is good, but knowing everything is better." – Eamon Bailey

Die Besetzung des Films mit Tom Hanks und Emma Watson in zwei der Hauptrollen hat mich sehr überrascht, obwohl Emma Watson hier für ihre schauspielerische Leistung kritisiert wird. So würde sie unabsichtlich für komische Momente sorgen, da einiges ins Absurde gezogen wird. Mir persönlich ist das nicht aufgefallen, da das Übertriebene oder Absurde Teil der dystopischen Zukunft ist, in der der Film spielt.

„Knowing is good, but knowing everything is better” beschreibt die Arbeitsweise des Megakonzerns „The Circle” sehr gut, denn ihr Ziel ist es, eine völlige Transparenz zu erreichen. Das ist ein weiterer Kritikpunkt des Films: die Überwachung des öffentlichen und privaten Raums durch versteckte Kameras. Es ist rechtlich in unserer Welt nicht möglich, kleine Kameras global zur Überwachung zu platzieren. Das wirft die Frage auf, wie ist das in der Welt von „The Circle“ möglich? Darauf wird im Film leider keine Antwort geliefert. Ich bin aber der Meinung, dass auch das Teil dieser dystopischen Welt ist, es wäre aber schön gewesen, hätten sie diese Frage geklärt. Die überspitzte Darstellung der Gefahren und Probleme macht diese deutlicher. Gerade im Zusammenspiel mit „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ wurde mir bewusst, dass wir auch ständig überwacht werden. 

Zwischen Fiktion und Dokumentation

„The Circle” und “Das Dilemma mit den sozialen Medien“ behandeln beide sehr ähnliche Themen, wie Manipulation, Überwachung und Datensammlung. 

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Zwischen Fiktion und Dokumentation, wie behandeln die beiden Filme die Probleme einer vernetzten Welt? | Bild: Piktochart

Die Filme sind von Grund auf verschieden, da es sich um eine Dokumentation und eine fiktionale Geschichte handelt. „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ hat mir Neues gezeigt oder schon Bekanntes wieder ins Gedächtnis gerufen. Auch das Insiderwissen war sehr eindrücklich und hat dem Film Glaubwürdigkeit verschafft. Im Gegensatz dazu war „The Circle“ Unterhaltung. Mir war von Anfang an klar, dass das nicht unsere Realität ist. Das Übertriebene hat hier für Spannung gesorgt und doch habe ich nach dem Film noch oft über die dargestellte Überwachung nachgedacht. Das hat auch die Eindrücke aus „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ verstärkt. Ich achte schon länger darauf, welche Informationen über mich öffentlich zugänglich im Netz sind. Außerdem verwende ich seit ein paar Jahren nicht mehr Google als Suchmaschine, da dort sehr viele Informationen gespeichert werden. Beide Filme sind empfehlenswert. „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ hat mich aber durch die Einblicke der Insider besonders überzeugt und zum Nachdenken gebracht. Besonders gut fand ich, dass die Probleme, die die Insider liefern, durch das Schauspielerische veranschaulicht werden. Das hilft vor allem Personen, die sich bisher noch nicht mit den Risiken auseinandergesetzt haben. So wird jedem bewusst, warum wir in den sozialen Netzwerken nur Beiträge sehen, die uns interessieren.