Ein Winkel Erinnerung
Hinweis
Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers zum Thema „Queere Erinnerungskultur“.
Zum Dossier gehört außerdem folgender Beitrag:
- „Warum Solidarität nie neutral sein wird“ – Im Kommentar erfährst du, warum Solidarität der Bundesregierung mit queeren Menschen nicht an angeblicher Neutralität scheitern darf.
1940, Konzentrationslager Dachau. Ein weiterer Häftling. Wie alle anderen muss er einen gestreiften Anzug tragen. Aufgenäht ist ein rosa Winkel. Die Farbe des Winkels markiert den Grund seiner Verhaftung: Homosexualität.
1987, Demonstration in Köln. „Lesben, Schwule, wir lassen uns nicht mehr unterdrücken“, steht auf einem Plakat. Daneben ein rosa Winkel. Diesmal wurde niemand gezwungen, den Winkel zu tragen. Jemand hat entschieden, ihn zu zeigen. Ein queerer Demonstrant hat ihn selbst auf das Plakat gemalt. Aber warum würde er so etwas machen? Hat er vergessen, dass das Tragen des Winkels für seine queeren Vorfahr*innen nie freiwillig, sondern oft ein Todesurteil war?
Kennzeichen der Verfolgung
Der Rosa Winkel hat seinen Ursprung in der NS-Zeit. Der Paragraf 175, der männliche Homosexualität kriminalisierte, wurde mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten deutlich verschärft. Männer, die verdächtigt wurden, homosexuelle Beziehungen zu führen, wurden jetzt nicht mehr nur bestraft, wenn es klare Beweise gab, sondern auch in Verdachtsfällen.
Bei der Verhaftung wurden queere Menschen, wie andere verfolgte Minderheiten, ins Konzentrationslager deportiert. Alle Häftlinge der Konzentrationslager wurden je nach Grund der Verhaftung mit einem Symbol markiert. Schwule Männer mussten den rosa Winkel tragen. Lesben und trans* Personen wurden im Strafgesetzbuch nicht genannt. Sie wurden aber auch verhaftet und trugen im Konzentrationslager den schwarzen Winkel. Dieser stand für „Asozial“ und markierte alle, die nicht in die nationalsozialistische Gesellschaftsnorm passten.
Wie queere Menschen im Nationalsozialismus unter sozialer Ächtung dennoch ihre Sexualität versuchten auszuleben, zeigt die Wanderausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“. Wir haben die Ausstellung im Staatsarchiv Ludwigsburg besucht.
Zeichen des Widerstands
1973, Berlin. Eine queere Aktivistin nach ihrem ersten Abend bei der Homosexuellen Aktion Westberlin. Es war das erste Mal, dass sie so viele andere queere Menschen getroffen hat. Zusammen haben sie eine Demonstration geplant. Sie fordern eine Streichung des Paragrafen 175. Sie hat viel über die Verfolgung queerer Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus gelernt.
Die Premiere von Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ führte 1971 zur spontanen Gründung der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW). Die Gruppe setzte sich bis 1999 für mehr Sichtbarkeit und politische Selbstbestimmung ein.
Jemand hat ihr einen rosa Winkel zum Anstecken geschenkt. Sie denkt an all die Menschen, die ihn bei ihrem Tod tragen mussten. Und überlegt. Wenn sie ihn sich selbst ansteckt, kann sie ihm vielleicht die Macht nehmen. Denn ein Zeichen ist wandelbar.
Bei diesem Mal würde niemand gezwungen werden, den Winkel zu tragen. Er wäre eine bewusste Entscheidung. Keine Markierung mehr, sondern eine Darstellung ihrer eigenen queeren Identität. Und der Geschichte hinter dem Winkel.
Bevor sie ihre Wohnung verlässt, befestigt sie den Winkel an ihrer Jacke. Er zeigt ihren Widerstand.
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Die Verfolgung queerer Menschen wurde nach 1945 nicht aufgearbeitet, sondern weitergeführt. Auch in den 1970er Jahren waren queere Menschen rechtlich benachteiligt und gesellschaftlich stigmatisiert. Der Paragraf 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte, bestand bis 1994. Ein Outing konnte nachhaltige Konsequenzen haben: Wer zum Beispiel im Schuldienst oder bei anderen öffentlichen Arbeitsgebern tätig war, konnte seinen Arbeitsplatz verlieren. Trotzdem bildeten sich Protestgruppen, wie die HAW, die Homosexualität öffentlich sichtbar machen wollten. Der Rosa Winkel wurde dabei bewusst als Zeichen des Widerstands wiederangeeignet. Er sollte den queeren Opfern des Nationalsozialismus gedenken und stand für den Widerstand der gesamten Community.
Der rosa Winkel ist zum Beispiel auf zahlreichen Plakaten oder in der Zeitschrift der Homosexuellen Aktion Westberlin zu finden. Nach einer Demonstration 1973 wurde Homosexualität das erste Mal in der Tagesschau thematisiert.
Die Rückkehr als Mahnmal
1986, ein queerer Club in Stuttgart. Wo vor ein paar Jahren noch ausgelassen getanzt und gefeiert wurde, wird nun nur noch geflüstert. Ein weiterer Freund ist gestern an der unerforschten Krankheit AIDS gestorben. Allein im Krankenhaus. Sein Partner durfte ihn nicht besuchen. Sie seien ja nicht verheiratet.
An der Wand des Clubs hängt das Plakat einer New Yorker Initiative. Schwarzer Hintergrund, ein umgedrehter rosa Winkel. „Silence = Death“ steht darunter. Die Ausgelassenheit der 70er Jahre ist verschwunden. Man fürchtet nun wieder um Menschenleben.
Die Krankheit AIDS, die Anfang der 1980er Jahre das erste Mal auftauchte, wurde schnell als „Schwulenseuche“ abgestempelt. Queere Menschen wurden erneut stigmatisiert. Politiker*innen reagierten zögerlich oder gar nicht. Anstatt Aufklärung zur Prävention der Krankheit zu leisten, wurde darüber diskutiert, ob man Erkrankte kennzeichnen soll. Da AIDS vor allem in der queeren Community auftauchte, wurde die Krankheit als eine Strafe für einen unmoralischen Lebensstil gesehen. Bevor Menschen über die Übertragung und den Schutz vor HIV aufgeklärt wurden, mussten viele Menschen sterben. Die meisten davon waren queer.
Unsere Podcastfolge „Aids-Krise: Warum Erinnerung bis heute Leben schützt – add.it“ zeigt anhand persönlicher und wissenschaftlicher Perspektiven, wie Angst, Stigmatisierung und politische Fehler bis heute Aufklärung und den Umgang mit HIV prägen.
Die New Yorker Organisation ACT UP bringt es mit ihrem Slogan auf den Punkt: Silence = Death. Schweigen bedeutet Sterben. AIDS wurde in der Öffentlichkeit größtenteils totgeschwiegen. Die Gewalt war weniger sichtbar, aber nicht verschwunden. Queere Menschen sind nicht gestorben, weil sie gezielt ermordet wurden, sondern weil Hilfe ausblieb.
Die Verbindung zum Rosa Winkel wurde für das Plakat deshalb bewusst gewählt.
Was wir daraus lernen
Die Verfolgung queerer Menschen in der NS-Zeit wurde bis heute kaum aufgearbeitet. Die Krankheit AIDS wird immer noch stigmatisiert. Der Rosa Winkel verbindet beide Zeiten und zeigt, wie sich die Unterdrückung verändert, aber nicht verschwindet. Erinnerungskultur macht die Vergangenheit sichtbar und ist damit Voraussetzung für eine Anerkennung der Geschichte, Solidarität und politischen Schutz. Und Schutz braucht es in Zeiten, in denen Hasskriminalität gegen queere Menschen wieder zunimmt.
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Neben seiner Funktion als Mahnmal zeigt der Winkel heute ebenfalls, wie ein markierendes Symbol zu einer Selbstzuschreibung wurde. Er ist Teil einer Zeit, in der die eigene queere Identität bewusst sichtbar gemacht wurde. Durch die Aneignung des Winkels wurde er zu einem Symbol gemeinsamer Geschichte und des Zusammenhalts innerhalb der Community.
Aus diesem Prozess heraus entwickelte sich mit der Regenbogenflagge ein bewusst positives, weiteres Symbol queerer Gemeinschaft. Der Aktivist und Künstler Gilbert Baker, der die Flagge 1987 entwarf, beschreibt sie rückblickend in seinen Memoiren als die eigene moderne Alternative zum Rosa Winkel. Im Gegensatz zum Rosa Winkel hat die Regenbogenflagge ihren Ursprung aber nicht in der Verfolgung der Community, sondern feiert von Beginn an queere Liebe und deren Sichtbarkeit.
2026, Gedenkstätte Konzentrationslager Dachau. Heute muss hier niemand mehr den Winkel tragen. Stattdessen steht hier nun ein Gedenkstein in Form des Winkels. „Totgeschlagen. Totgeschwiegen. Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus“ steht darauf. Es sind harte Worte, aber so ist die Geschichte.
Der Winkel ist heute aus dem Mainstream verschwunden. Seine Geschichte soll uns aber im Gedächtnis bleiben. Sie muss erzählt werden. Denn Schweigen soll nie wieder Menschenleben kosten.