Mit offenen Augen 3 Minuten

Wie eine vertrocknete Pflanze Erinnerungen weckt

Erinnerungsstücke
Ein Teil Vergangenheit, den man nicht loslassen kann. | Quelle: Nora Greß
18. Jan. 2026

Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, erscheint Kleines viel bedeutsamer. In dieser Kolumne geht es um kleine Dinge, die uns dazu bringen, uns mit den ganz großen Fragen zu beschäftigen – oder einfach mit uns selbst und unserem Leben. Diesmal: Wie Bücher, Pflanzen und Kuscheltiere unsere Erinnerungen archivieren. 

Es ist Sonntag. Also „Ich sortiere mein Leben“-Tag. Der Staubsauger röhrt, das Geschirr trocknet und meine Zimmerpflanzen bekommen die Art Aufmerksamkeit, die man sonst nur aus späten Geburtstagsglückwünschen kennt. Doch eine Pflanze weigert sich stur, wiederbelebt zu werden: meine Guzmania. Seit Wochen steht sie wie ein botanisches Fossil auf meinem Regal. Die Pflanze war das Start-ins-Studium-Geschenk meiner Eltern. Praktisch ein Glücksbringer für den Neuanfang. Bisher habe ich es nicht übers Herz gebracht, sie wegzuwerfen. 

Heimatmodus

In Stuttgart bin ich Studentin, Hausfrau auf Probe und (leider) Erwachsene. Zusammengefasst: Ich bin regelmäßig überfordert. An den Wochenenden in die Heimat zu fahren, bedeutet dagegen, den Reset-Knopf zu drücken. Immer wenn ich nach längerer Zeit wieder in meinem alten Kinderzimmer stehe, fühle ich mich zwischen Kuscheltieren und jeder Menge Krimskrams in alte Zeiten zurückversetzt. Damals habe ich viele Dinge mit einem „Ich bin zu alt dafür“-Blick aussortiert. Zum Glück hat meine Mama manche meiner Sachen heimlich gerettet. Denn wenn das Peinliche von damals plötzlich nicht mehr peinlich ist, werde ich ganz nostalgisch. Meinen damals heiß geliebten Kassettenrekorder würde ich sicherlich kein zweites Mal weggeben.

Hörspiel statt Hörsaal

Unser Zuhause kommt mir wie ein kleines, ungeplantes Archiv vor, das wir ganz nebenbei aufgebaut haben. In der großen Vitrine in unserem Wohnzimmer reiht sich ein künstlerisches Meisterwerk ans nächste. Mit einem Schmunzeln muss ich an die alten WTG-Stunden (Werken und Textiles Gestalten) in der Grundschule denken. Basteln, während die drei Fragezeichen einem Juwelendieb hinterherjagen – da können die Vorlesungen in der Uni nicht mithalten. Sorry, not sorry. Richtig sentimental werde ich bei meinen Heimatbesuchen, wenn ich in den vollgestopften Bücherschrank im Keller blicke. Neben Pixibüchern und Comics fallen mir immer besonders die Gutenachtgeschichten ins Auge. Meine Mama hat sie mir oft als Einschlafritual vorgelesen. Beim Gedanken an die kuscheligen Abende wird mir ganz warm ums Herz.  

Hortendes Herz

Manche Dinge lassen sich problemlos wegwerfen, andere hängen mir am Herzen wie ein hartnäckiger Kaugummi unterm Turnschuh. Es sind nicht die Objekte selbst, sondern die damit verbundenen Erinnerungen, an denen ich festhalte. Genau das macht das Loslassen so schwer. Je öfter ich in den Kisten und Schränken meiner Kindheit stöbere, desto klarer wird mir: Wir heben die Dinge nicht auf, weil wir sie noch brauchen. Wir heben sie auf, weil wir die Momente und Versionen von uns, die wir in ihnen sehen, bewahren wollen. 

So absurd wie es vielleicht erscheinen mag: Wenn ich meine eingetrocknete Zimmerpflanze anschaue, muss ich an mein „altes“ Ich denken. An eine eingeschüchterte Version, die nicht wusste, was sie im Studentenleben erwartet, und die ihre Eltern schon nach zehn Minuten Alleinsein schrecklich vermisste. Ich weiß, dass die Erinnerungen nicht in den Dingen, sondern in mir selbst stecken. Trotzdem kann ich mich noch nicht von meiner Guzmania verabschieden. Sie wird weiterhin auf meinem Regal stehen und mich an den Beginn meines neuen Lebensabschnitts erinnern. Auch wenn dieser Lebensabschnitt mit lästigen Putz-Sonntagen verbunden ist.

Lust auf mehr kleine Momente?

Hier geht’s zu weiteren Folgen der Kolumne:

„Gesundheit“ – aber ich bin doch gar nicht krank!

Eine Ode an die Stadtbahn